Tourist Trophy Isle of Man 1999: Reportage (Archivversion)

Runde(n)-Zeiten

Manxmen wie Japaner lieben Jubiläen und den Triumph des Sieges. Doch der 40. Auftritts des Motorradgiganten Honda auf dem TT-Festival geriet zum Desaster. Menschlich wie sportlich.

Hondas 40. AuftrittGlück und Unglück liegen auf der Tourist Trophy wie kaum anderswo dicht beisammen und erzeugen jene Aura aus Heldentum und Tragik, die bezeichnend für viele Begebenheiten auf der Insel Man ist. Heuer mußte dies Honda erfahren. Denn die Japaner wollten feiern: ihren 40. Auftritt bei der TT sowie weitere Triumphe nach einer Serie von 18 Siegesjahren in Folge. Doch es kam anders.Der japanische Motorradgigant, gedachte, den Sieg in der Formula 1 und in der Senior TT im Handstreich zu nehmen. Schließlich war man mit zwei nagelneuen Honda RC 45 angereist, die mit denen der Superbike-WM identisch waren und angesichts ihrer sorgsamen Herstellung per Hand auf einen Wert von 1,5 Millionen Mark geschätzt wurden. Zudem standen weitere drei 500er Grand Prix-Maschinen mit dem V2-Zweitakter zur Verfügung. Doch statt gejubelt wurde getrauert. Simon Beck, ein 30jähriger Brite und Privatfahrer, war nach der Verletzung von Ian Simson in den Genuß gekommen, dessen ebenfalls werkspräparierte Honda CBR 900 Fireblade fahren zu dürfen. Prompt gelang ihm die zweitschnellste Trainingszeit, doch dann kam er am 33. Milestone in den Bergen zu Tode.Honda eröffnete das Briefing der Presse in der großen Halle in der Nähe des Grandstands auf der Inselkapitale Douglas, in der alle Honda-Teams gemeinsam schraubten, mit einer Schweigeminute. Zum Gedenken an Simon Beck. Im vorigen Jahr noch Konkurrent, habe er ja jetzt zur großen Familie gehört. Das stille Gedenken wurde beendet mit einem ganz eigenwilligen »Choral«: Ein Mechaniker warf Jim Redmans Sechszylinder 250er an und ließ sie eine Zeitlang mit auf- und abschwellenden Drehzahlen laufen - schaurig schön, vielen Besuchern lief eine Gänsehaut den Rücken runter.In verständlichem Selbstbewußtsein hatte Honda eine Unzahl von T-Shirts der Offiziellen und die Rennmaschinen mit einem Aufkleber ausgestattet, auf dem die bislang errungenen 101 TT-Siege gepriesen wurden. (Nur den wenigsten war bekannt, daß Yamaha zu diesem Zeitpunkt schon 119 Siege errungen hatte). Dem sollten zur Feier des Jubiläums weitere hinzugefügt werden - wenn da nicht auch noch Gegner gewesen wären. Zwar hatte Jim Moodie auf der RC 45 die schnellste Trainingszeit gefahren, doch schied er bereits nach ein paar Meilen mit Kurbelwellenproblemen aus. Und weil die Boxen-Crew von Altmeister Joey Dunlop nicht fix genug war, ging der Sieg in der Formula 1 an David Jefferies auf einer Yamaha R1. Das war nach 18 Jahren ununterbrochener Honda-Siege in dieser Klasse, deren Reglement diese Saison etwas modifiziert worden war, eine gelinde Überraschung. Zumal damit gleichsam David den übermächtigen Goliath geschlagen hatte.Kam doch die Jefferies-Yamaha R1 auf allenfalls 60000 Mark, also Ladenpreis plus ein paar Pfund für das Tuning. Ein Pappenstiel im Vergleich zu den ultrateuren Honda-Werksmaschinen. Der Chef von Honda Großbritannien erwies sich als nicht eben guter Verlierer, verstieg er sich doch bei der Preisverleihung in der Villa Marina zu dem Satz: »Der Yamaha-Sieg war ein Irrtum in der TT-Geschichte.«Dieser Hochmut kam einmal mehr vor dem Fall, denn auch bei der Senior TT hatte Honda das Nachsehen: Zwar löschte Jim Moodie in der Startrunde den seit 1992 bestehenden Rundenrekord von Superbike-Weltmeister Carl Fogarty aus und trieb ihn mit der RC 45 auf die kaum vorstellbare Marke von 124,45 mph (202,2 km/h) mit stehendem Start, doch dann streikte das Gerät erneut; wieder gewann Jefferies, und auch Platz zwei ging an Ian Duffues, ebenfalls auf Yamaha R1. Erst dann folgte Honda auf Platz 3 mit einer NSR 500-V2.BMWs vergessener GeburtstagEinen runden Geburtstag hätte auch BMW feiern können, denn 1939, also vor 60 Jahren, gewann bekanntlich der unvergessene Schorsch Meier auf der 500er Kompressor-BMW als erster Ausländer auf einer nichtenglischen Maschine die Senior. Traurig stimmte, daß bei der »Lap of Honour« nur eine einzige Solo-BMW dabei war: die Privatmaschine des verstorbenen Hans-Otto Butenuth, nicht etwa eine Königswellen-RS. Apropos Historie: Wieder dabei waren auf klassischen Maschinen viele Größen der 50er und 60er Jahre. Von Ralph Bryans wurde bekannt, daß ihm noch heute seine Lederkombi von 1966 passe, Luigi Taveri wurde vorgestellt als »the only Swiss hero since Wilhelm Tell«. 50 Jahre Geoff DukeGejährt hat sich dieses Jahr auch zum 50. Mal der erste Sieg von Geoff Duke auf dem Mountain-Circuit (Manx GP). Aus diesem Anlaß wurde ein nach diesem großen und tadellosen Fahrer benannter Preis gestiftet. Zu Ehren jenes Newcomers, der die Jury, zu der auch Geoff Duke selbst gehört, durch seine Leistungen während der beiden TT-Wochen am meisten beeindruckt hat. Heuer hieß er xyz.Aller Anfang ist schwerApropos Newcomer: Ein Deutscher zählte auch dazu. Axel Rauch, 31 Jahre, Speditionskaufmann. In der Junior TT trat er mit seiner 250er Yamaha an und beendete als 61. von 62 gewerteten Fahrern das Rennen - unverletzt, und deshalb glücklich. Nächstes Jahr wird er wiederkommen und dabei aller Voraussicht schneller sein, denn die kurzen Trainingssitzungen von zirka einer Stunde erlauben pro Durchgang zwei Runden, und das macht ganze zehn bis zwölf Runden überhaupt, was selbstverständlich für einen derart langen und schwierigen Rundkurs unverantwortlich wenig ist. Das ist der Grund, weshalb viele Fahrer erst richtig schnell werden, wenn sie zum x-ten Mal hier antreten und dabei auch entsprechend an Jahren zugelegt haben. Und warum sind die Practice Sessions so kurz und finden teils am Morgen kurz nach 5 und abends nach 18 Uhr statt? Weil die Marshalls, ohne deren ehrenamtliche Tätigkeit die Strecke nicht abgesichert werden kann, zumindest in früheren Jahren tagsüber ihrem Broterwerb nachgehen mußten.Fragwürdiges Ende des MilleniumsEin Jubiläum lag auch insofern vor, als die diesjährige TT die letzte in diesem Jahrtausend war. Fürs nächste Jahr haben die Verantwortlichen bereits dasselbe Zeit- und Klassen-Raster festgelegt. Ein britischer Kommentator hat treffend festgestellt, daß es sich bei der TT um die größte Herausforderung des Motorsports handele, sozusagen den Mount Everest des Motorradfahrens, auch hier mit Todeszone. Heuer verunglückten wieder vier Fahrer tödlich. Böse Zungen behaupten, daß gerade dies Morbide ein Grund für die ungebrochene Beliebtheit bei den Besuchern ist. Unverkennbar sei aber auch, daß die Unfälle und die Toten hinter einer »Mauer des Schweigens« nachgerade verschwänden und allzugern vergessen würden. Auch hilft nicht viel weiter, daß man die Hinterbliebenen häufiger sagen hört, die Fahrer seien bei dem umgekommen, was sie geliebt hätten. Denn es muß ja nicht sein, daß diejenigen, die beispielsweise ein bestimmtes Gericht besonders mögen, bei dessen Verzehr zu Tode kommen.
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