Ulrich Warratz - entführt im Jemen (Archivversion)

Die Geisel

Der Karlsruher Musiker Ulrich Warratz wollte beim Enduro-Urlaub im Jemen was erleben. Statt dessen wurde er neun Tage lang gefangen gehalten.

Eine steil ansteigende, kurvige Piste im Osten des Jemen. Ulrich Warratz freut sich des Lebens auf zwei Rädern und der grandiosen Canyon-Landschaft. Plötzlich taucht zwischen den Felsen eine Straßensperre auf. Keiner der sechs Motorradfahrer in der deutschen Reisegruppe, die seit einer Woche Urlaub in dem arabischen Land genießen, wird nervös. Weil im Jemen Straßensperren und Wegzoll zur Normalität gehören. Immer mehr Männer umringen die Bikes und richten ihre Kalaschnikows auf die Motorradfahrer. »Die sind wie aus dem Nichts erschienen. Als sie einen der Fahrer aus dem Fenster des Begleitfahrzeugs rausgezogen haben - bei geschlossener Tür - und ihn in den Würgegriff nahmen, wußten wir, daß die es ernst meinen«, erinnert sich Ulrich Warratz. Reiseleiter Uli Böttcher kann ein bißchen Arabisch: »Das ist ein Überfall«, übersetzt er.Angst greift um sich. Niemand weiß, wie es weitergeht. »Die Entführer behaupteten, sie wollten nichts von uns. Weder unser Geld noch die Motorräder. Haben manchem Biker sogar die Hand gereicht.« Aber folgen sollen die Deutschen ihnen. Als Gefangene. Auf jedem Motorrad fährt ein bewaffneter Sozius mit. Im tiefen Sand stürzt Ulrich Warratz, der Entführer fällt samt Maschinenpistole auf den Hintern. »Der war nicht sauer. Der hatte danach einfach keine Lust mehr mitzufahren.« Ulrich Warratz lacht erleichtert, während er sich an diese Szene erinnert. Dabei wollte der Orchestermusiker am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, der zu Hause Trompete und Frack auf seine BMW R 100 GS packt, nur Enduro-Spaß abseits asphaltierter Straßen erleben. Deshalb buchte der 35jährige Urlaub in Tunesien. Die Reise kam mangels Teilnehmern nicht zustande, Ulrich Warratz nahm das Ersatzangebot Jemen an. »Das Land ist phantastisch, San`a` ist wie eine Stadt aus Tausendundeiner Nacht«, schwärmt er. Jäh wird der Karlsruher aus dem Traumurlaub gerissen. Rund 200 Kilometer vor der Grenze zum Oman in der Provinz Al Mahra beginnt der Alptraum: »Am Anfang glaubst du es gar nicht.« Ulrich Warratz ringt nach Worten, faßt sich an den Hals. Wie soll man dieses Gefühl zwischen Ohnmacht, Panik und Wut beschreiben? Wenn keiner weiß, ob er lebend aus der Sache rauskommt.Tagsüber verstecken die Entführer die sieben Geiseln, nachts aber werden sie immer wieder mit Pick-ups an andere Orte gefahren. Der Grund: Das jemenitische Militär verfolgt sie. »Der schlimmste Augenblick war, als ein Helikopter über der Höhle, in der wir uns aufhielten, kreiste.« Die Entführer reagieren nervös, zücken ihre Gewehre, drohen, ihre Bodenluftraketen abzufeuern. Erst als der Helikopter abdreht, macht sich unter den Geiseln Erleichterung breit. »Sie haben gesagt, sie würden uns im Fall eines Angriffs der Armee als lebende Schutzschilde benutzen.«Die Jemeniten in Al Mahra, die den Deutschen auflauerten, sollen zum Stamm der Manahil gehören. Sie verkaufen Wagen aus Saudi-Arabien und dem Oman im Jemen. Ein Geschäftsmann, der Regierung und Armee angeblich nahesteht, hat sie um zwölf Millionen Dollar betrogen. Die wollten sie nun erpressen. Mit den Geiseln als Faustpfand. »Sie haben gesagt, sie seien ganz normale Leute, die mit Entführungen sonst nichts am Hut haben.« Zunächst sind die Beduinen denn auch ratlos. Derweil telefonieren die Deutschen mit ihrer Botschaft. Klingt verrückt. Ist aber wahr. Denn die Geiseln verfügen über ein Navigationsgerät und die Jemeniten über ein tragbares Satellitentelefon. High-Tech in der Wüste. Mit dem Vorteil, daß diese Autoschieber keine Navigationsgeräte kennen. Die Deutschen geben per Telefon ihren Standort durch. Und überlassen es der Deutschen Botschaft, was sie mit diesen Informationen anfängt. »Die Entführer haben ja nichts verstanden, als wir deutsch redeten.« Schließlich übermitteln die Sieben sogar die Forderungen der Geiselnehmer. »Damit endlich irgend etwas passiert.« Die eigentlichen Verhandlungen bleiben ihnen verborgen. Sie haben keine Ahnung, wie lange die Gefangenschaft, die sie zermürbt, noch dauert. Ulrich Warratz wird krank. Hohes Fieber, Durchfall. Einer der Motorradfahrer, ein Tierarzt, versorgt ihn mit Medikamenten. Und die Gruppe, in der es vor der Entführung kleinere Reibereien gab - die Pausen waren dem einen zu lang, dem anderen zu kurz -, hält eisern zusammen. Ulrich Warratz: »Keiner hat durchgedreht. Es war auch gut, daß wir nicht getrennt wurden. Allein wäre es viel schwerer zu verkraften gewesen.«Die Beduinen geben ihnen Reis, Kekse und Wasser, sie dürfen sich tagsüber in Sichtweite, immer bewacht von zwölf Bewaffneten, ohne Fesseln bewegen. »Im Libanon gibt es Entführungen, bei denen Geiseln mehrmals Scheinerschießungen über sich ergehen lassen müssen. Verglichen damit war das human«, sagt Ulrich Warratz. Hat der besonnene Norddeutsche, der seit 1983 in Karlsruhe lebt, Verständnis für die Entführer? Warratz überlegt kurz: »Nein. Selbst wenn sie übers Ohr gehauen wurden, haben sie kein Recht, anderen die Freiheit zu rauben.« Am Morgen des neunten Tags, dem 12. März, umarmen sich die sechs Motorradfahrer und ihr Reiseleiter. Sie sind urplötzlich frei, teilen ihnen die Entführer mit. Ob Lösegeld bezahlt wurde, wissen sie bis heute nicht. Rund 60 Kilometer fahren Ex-Geiseln und Kidnapper bis zu einem Treffpunkt in der Wüste. Dort findet ein großes Volksfest statt. Ein Redner der Regierung preist den guten Ausgang, und Ulrich Warratz fühlt sich wie in einer Operette. »Man konnte gar nicht mehr richtig unterscheiden, wer zum Militär und wer zu den Entführern gehörte.« Ein Helikopter fliegt sie nach San`a`. Von dort geht«s in die Heimat.Heute glaubt der sensible Musiker, daß er die Geiselnahme überwunden hat. »Das war eine ganz fremde Welt und total andere Menschen. Wenn mir das in Karlsruhe passiert wäre, wäre das viel schlimmer gewesen.« Für ihn gibt es die Rückkehr in den Alltag, die täglichen Proben und Aufführungen. Denn der Trompeter liebt zwar Opern von Richard Wagner, aber für tollkühn oder abenteuerlustig hält er sich keineswegs. Hat er Konsequenzen aus seinen Erlebnissen gezogen? »Ich werde meine südlichen Urlaubsgrenzen am Mittelmeer abstecken.“
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Warratz, Ulrich: Porträt (Archivversion)

»Arabia felix« - glückliches Arabien - nannten die Römer das Gebirgsland im Südwesten der Arabischen Halbinsel. Der heutige Jemen ist ein relativ junger Staat: Erst 1990 vereinigten sich der bis dahin kommunistisch regierte Süden und der feudalististisch-konservative Norden wieder zu einem Land. Seit altersher sind neben der Regierung auch die Stämme ein Machtfaktor, wobei die Regeln der Clans und nicht die Gesetze des Parlaments im fernen San´a` das Denken vieler Jemeniten bestimmen. Immer wieder setzen Krieger die Regierung, deren Arm nicht in die dünnbesiedelten Gebiete reicht, durch Geiselnahmen unter Druck. Seit 1993 sind rund 80 Ausländer im Jemen entführt worden, die aber alle wieder freigelassen wurden, ohne daß sie nachhaltig zu Schaden kamen. Die Entführung im März 1997 bewirkte, daß Ausländer weder in den Norden noch in die Provinzen Hadramaut oder Al Mahra reisen dürfen. Für die jemenitische Regierung sind bei den Geiselnahmen »feindliche Kräfte« am Werk, worunter der auf fünf Jahre gewählte Präsident Ali Abdallah Salih konkret Saudi-Arabien versteht. Seit dem Sturz des Imamats, einer Art absolutistischem islamischen Priesterkönigtums im Jahr 1962, sollen Stämme im Norden und Osten des Jemen im Sold der Saudis stehen. Bei der Verschleppung der Deutschen könnte es sich deshalb um einen politischen Auftrag gehandelt haben. Denn den Saudis paßt die politische Richtung, die der Jemen eingeschlagen hat, nicht.Sieben Jahre nach der Vereinigung, vier Jahre nach den ersten Parlamentswahlen und drei Jahre nach dem letzten Bürgerkrieg hat das mit 15 Millionen Einwohnern volkreichste Land auf der Arabischen Halbinsel auf eine demokratische Entwicklung gesetzt. Angesichts religiöser Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten, der Autonomiebewegung der Stämme, und der immensen sozialen und wirtschaftlichen Probleme verläuft dieser Weg in die Moderne nicht reibungslos. Der Jemen ist mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 1000 Mark eines der ärmsten Länder der Welt, die Arbeitslosigkeit wird auf 40 bis 60 Prozent geschätzt.

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