Umsteigen auf das Motorrad (Archivversion)

Leichte Beute

Warten wird belohnt. Wer vor 1980 seinen Führerschein Klasse 3 machte, darf jetzt - ganz legal - aufs Motorrad steigen. Kann das gutgehen? Jo Clahsen hat`s mit den 15 strammen Pferden einer Yamaha DT 125 versucht.

Über 25 Jahre habe ich kein Motorrad angerührt. Wenigstens kein richtiges Motorrad. Dabei habe ich im zarten Alter von vier Jahren schon mit dem Motorradfahren angefangen. Als Sozius. Mein Vater fuhr, anno 1955, eine NSU. Und Onkel Rudolf aus Wermelskirchen kam häufiger mit dem BMW-Gespann zu Besuch. Es roch nach Öl, Benzin und Lederfett, wenn sich der Troß gen Belgien auf Sonntagsausflug bewegte. Zehn Jahre später stank es nach Zweitaktmischung: die unvermeidliche Velo Solex, danach eine Honda Dax. Mit der habe ich mich damals das letzte Mal auf die Fresse gelegt, bevor ich ins Go-Kart-Lager driftete. Nur, die kleine, teure Kiste sprang fast nie an. Sei«s drum. Den Kick des Motorradfahrens habe ich also nie so recht gekriegt, wenn man von gelegentlichen Ausflügen mit dem Roller in warmen Ländern absieht. Warum, zum Teufel, stehe ich dann jetzt vor der DT 125 mit der festen Absicht, den Kick nachzuholen. Ist das die Krise? Will ich endlich Motorrad fahren, weil ich spüre, wie mich die Lebensmitte überholt? Macho-Gelüste? Verquere Ideen von großer Freiheit, weil ich im Alltag schon mit Lesebrille arbeiten muß? Torschlußpanik, weil die meisten Zähne schon falsch sind? Oder einfach praktische Überlegungen, weil es in staugeplagten Städten mit dem Motorrad einfach schneller geht? Ein bißchen wohl von allem. Und, natürlich auch die Liebste. Moni fährt schon seit Jahr und Tag Motorrad. Aber immer weniger, »weil es allein keinen Spaß macht«. Claro. Und so steht die 250er in der Tiefgarage, der Helm fristet, wie der ausrangierte Plattenspieler, ein Leben als Kellerkind. Schade eigentlich. Denn welcher Biker träumt nicht von einer Partnerin, die er erst gar nicht von den Vorteilen des Motorradfahrens überzeugen muß? Der Weg zum Selbstversuch deutete sich bereits bei der letzten Griechenlandreise an, als der Vermieter uns das Quartier zeigte. Eine BMW aus den 50ern stand, komplett und mit viel Liebe restauriert, in unserem Wohnzimmer. Erinnerungen, kleine wie Dias projizierte Bilder von Eifeltouren in der Kindheit, und das Benzingespräch bei Kaffee und Kuchen, den der Vermieter mitbrachte. Da bekam ich alter Bock zusehends mehr Bock auf Bock. Daß Vater Staat es mir mit meiner alten Pappe für das Auto so einfach machen würde, war bei dem Wust an Gesetzen und Führerscheinklassen der letzten Jahre nicht zu erwarten. Aber es erleichterte die Entscheidung. Es hat mich dann auch nur Überredungskunst gekostet, bis ich meinen Neffen breitgeschlagen hatte, mir sein Moped zu leihen. Zwei Tage Mercedes lockten ihn und seine Freundin als Gegenwert. Einen Tag lang habe ich mir dann die Kunterbunt-Kombi zusammentelefoniert, weil ich beim letzten Umzug meine - echt geile - alte Motorradjacke verschenkt hatte. Ich war eh im Kreuz etwas breiter geworden, behauptet Mann dann gerne. Und jetzt stehe ich, eingepfercht wie die Fleischwurst im Saitling, neben der kleinen Yamaha auf dem Großparkplatz. Angst? Ein bißchen schon. Schließlich sind die neuen Motorrädchen schon etwas biestiger als die Dax mit Fliehkraftkupplung. Und vor mehr als 25 Jahren war eine 125er schon ein echter Hammer, der über 100 Sachen schaffte. Nachdem ich im Schweiße meiner klobigen Stiefel endlich das Motörchen zum Leben erweckt habe - auch von der Stirne heiß tropft unermüdlich der Quell brennender Augen -, tuckere ich vorsichtig los. Geht wirklich ganz gut, wenn man schnell und viel schaltet. Ein paar vorsichtige Schräglagen später fühle ich mich fast erleichtert. Was Hänschen mal gelernt hat ... Auf der vierspurigen Bundesstraße steigt dann rasch das Adrenalin. Der Rückspiegel macht sich selbständig, die klobigen Stiefel sorgen für Unsicherheit, und die Leistung läßt zu wünschen übrig. Nach einem knappen Kilometer habe ich - zack - den Lkw überholt. Puh. Der Angstschweiß schlägt sich als kondensierte Milchglasversion auf die Innenseite des Visiers nieder. Endlich daheim, zerre ich mir die Boots von den Füßen, schäle mich aus der wurstpellenengen Kombi. Ein bißchen bequemer möchte ich mich fürs nächste Mal schon anziehen. Also Monis Nierengurt gesucht, die Turnschuhe, die Jeans und die alte Lederjoppe her. Das muß doch genügen. Gleich geht`s wieder on the road, das luftige Outfit läßt mich aufatmen. Ich fühle mich so locker, daß ich auf kleinen Landstraßen, Feld- und Wiesenwegen Kilometer um Kilometer abspule. Allein. Nicht als übergewichtiger Sozius auf einem untermotorisierten Motorrad. Ich bin Herr über 15 Pferdestärken, die mich kommod durch die engen Altstadtgassen und die steilen Anstiege zu den Weinbergen hochtransportieren. Dabei fällt mir der Slogan für meine neue Heimatstadt Esslingen ein: ES tut gut. In, um und um ES herum kommt zusehends Freude auf. Auf Landstraßen kann ich gut mithalten, im Gelände macht die Enduro genauso viel Spaß wie ein gutes Mountain Bike, und in der Garage ist eigentlich noch Platz. Die Droge Motorrad wirkt schon. Das Abendessen fällt aus, denn jetzt am Tisch sitzen und kauen wäre weichwollihaftes Autofahrergetue. Rauf auf die Fildern, versuchen, auf den langgezogenen Kurven mal so etwas wie einen Strich zu fahren, mehr auf den Blinker achten, mal in der Schrägen schalten, Vorsicht bei Straßenbahnschienen. Und als Sahnehäubchen noch ein Stück geradeaus Richtung Sonnenuntergang. What a feeling, singe ich leise im Helm. Dann schreie ich es aus dem offenen Visier, denn irgendwo muß ich mit dem Überschuß hin. Am nächsten Morgen Schneeregen. Macht nix. Das gehört mit dazu. Natürlich wäre Autofahren jetzt gemütlicher, aber mit dem Motorrad wird der Weg in die Stadt kürzer, der Spaß um so größer, weil mir auch der Schneeregen nicht das Grinsen aus dem Gesicht pusten kann. Ich singe lauthals »Born to Be Wild« und ernte helmisches Grinsen. Also doch die Krise? Mitnichten. Oder besser mit Cousin Ewald. Denn der hatte mich mit dem Joke »Alter, mit 45 brauchst du entweder zwei Geliebte, oder ein Motorrad und eine Geliebte« vollends nervös gemacht. Jetzt will ich mit meiner geliebten Moni und meinem zukünftigen Motorrad durch das Hohenlohische touren und immer wieder »echt geil« in die Helmwatte murmeln. Aber dazu fehlt«s noch an der 1a-Pappe. Die muß jetzt her. Und zwar subito. Schließlich will ich mich vom »Achtele« über die Viertelliter-Klasse bis zum halben Liter hocharbeiten. Mehr Hub, mehr Schub, mehr Schubidoo. Aber zunächst mal ist etwas anderes wichtig: Ein Glück, daß man Muskelkater nicht sieht.
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