Velosolex-Rennen: 24 Stunden (Archivversion)

Vive la trance

Unweit von Dijon, wo der beste Senf der Welt fabriziert wird, kurven Franzosen auf ihren velozipeden National-Krädern ausnahmsweise mal nicht mit Baguette, Vin de Pays und Gauloise rum, sondern immer schön im Kreis. Und das einen ganzen Tag lang. Spinnen die?

Non! »Allez Marcel, gib alles, Kopf runter, bleib Windschatten!« »Jaqueline, aus den Federn, Fahrerwechsel!« Wer schon immer davon geträumt hat, die Tour de France mit dem Bol d’Or zu bastardisieren, der ist in Chaumont genau richtig. Statt Fuchs und Hase sagen sich in diesem brillant verpennten Kaff einmal im Jahr die verrücktesten Velosolex-Fetischisten gute Nacht. Die brauchen sie auch, denn es wird durchgeheizt, weswegen die 49-Kubik-Motörchen schon nach wenigen Stunden gar fürchterlich spotzen. Dann hilft nur noch eins: mittreten, und das schon bei der geringsten Steigung. Um Kräfte zu sparen, kultivieren Könner die Kunst des Pulk- und Windschattenfahrens, als gelte es eine Etappe der Tour zu gewinnen. Das längste und härteste Velosolex-Rennen der Welt läuft, trotz Bierstand und Zweitaktfahne, in einem, sozusagen, motivierend nüchtern geratenen Ambiente ab: eine Wohnsiedlung, ein Parkplatz, ein Kreisverkehr und - da zeigt sich wahre Maschinenbeherrschung - zwei mit Strohballen markierte Schikanen. Eine lokale Rockband, so ist’s Brauch, haut ordentlich rein, um die Kakophonie der rasenden Sägen zu übertönen, die in drei Klassen in ihren Tag- und Nachttrip starten: »origines«, das sind die seriennahen, »protos« jene meist mit Mountain Bike-Lenker gekrönten, an die 60 km/h fixen Mofas, während die »superprotos« der Königsklasse schon fast wie veritable Rennmaschinen aussehen. In dieser dritten Kategorie, wo der Tacho, so sich einer fände, locker in den dreistelligen Bereich hinein jubilieren würde, geben die Schrauberjunkies den Ton an. Während in den unteren Kategorien »technique« als Fremdwort gilt. Diese Jungs und Mädels im Alter von 13 bis 65 Jahren - da gehören Opa und Enkelin zu einem Team - wollen immer nur eins: Spaß. Die »origines« knattern so kommod um den Kurs, daß sich schon nach kurzer Zeit ein intensiver Kontakt zwischen Publikum und Rennfahrern aufbaut. »Hallo, Jean, sieht man dich auch mal wieder.« »Hatte ‘nen blöden Aussetzer. Wie geht’s eigentlich Solange?« »Die hat sich von René getrennt.« »Tatsächlich, erzähl mehr, ich komm’ gleich wieder vorbei.« Vom Klatsch und Tratsch auf und neben der Rennstrecke bekommt Didier kaum was mit. »Ah, oui, unsere Großmutti schafft 120 Sachen auf der Geraden, der 19er Dellorto hat mehr Drehmoment gebracht, ich hoffe der Vorderreifen macht das bis zum Schluß mit.« Großmutti - so nennt Didier seine Mutanten-Solex mit der Startnummer 1. Die mit den seit 1946 acht Millionen Mal verkauften Velosolex nur noch wenig gemeinsam hat. Pedale weg - treten, nimmer mehr. Verkleidung ran, maßgespachtelt. Autoscheinwerfer drangeschraubt, man sieht sich. Rahmen zersägt, neu verschweißt, Didier liegt jetzt tiefer. Aber immer noch über der rüsselförmigen Rennbirne. Und dann diese Wasserkühlung! Marke Klospülung. »Großmutti dreht jetzt 12 500 Touren und hat ‘nen handgefrästen Block. Beim Rausbeschleunigen aus den Kurven dienen Vorderrad und Reibrolle als Kupplung, du hebst also den Motor hydraulisch über den Lenkerhebel an, läßt ihn hochjubeln, und die Reibrolle versucht, das Vorderrad anzutreiben.« Was immer öfter gelingt. Didiers Team wird Erster, frißt 144O Kilometer. 1000 mehr als der langsamste bei den »origines«. Aber die bringen auch nur 0,8 PS am Vorderrad, und die Pedale zum Reintreten sind der Schräglagenfreiheit nur bedingt förderlich. Vor den Schikanen geht’s gerade in dieser Klasse ziemlich eng her, aber da einigt man sich auf diese unvergleichlich französische Art. »Nach Ihnen bitte!« »Sehr freundlich, aber das kann ich nicht annehmen.« Natürlich können Sie das, ich bestehe drauf.« »Nun gut, aber bei der nächsten Schikane sind Sie dran.« Termin: 22. und 23. Mai 1999, Chaumont. 70 Kilometer nördlich von Dijon, MC du Haute Marne, Telefon 0033/3250/31735.
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