Verbände ringen um neue Motorsport-Struktur (Archivversion)

Noch ´ne Runde

Die drei Trägerverbände des deutschen Motorsports sollen bald von einer gemeinsamen Organisation abgelöst werden. Doch vor der Reform steht ein zähes Ringen um die Macht im Land.

Das Chaos im internationalen Boxsport, wo es je einen Weltmeister nach WBA-, WBC- und IBF-Version gibt, ist hinlänglich bekannt. Auch dem Nachwuchs-Motorsportler fällt es schwer, sich im Dickicht der Verbände zurechtzufinden. Und wenn er nicht zufällig Mitglied eines rührigen Ortsclubs ist oder tatkräftig von den Eltern unterstützt wird, wird´s schwierig. Denn der deutsche Motorsport erhält nur zu einem geringen Teil öffentliche Fördermittel, und es fehlt ihm vor allem an der notwendigen Infrastruktur. Trainingsstätten, ausgebildete Übungsleiter und Sportgeräte - sprich: Rennmotorräder - sind nur in Ausnahmefällen vorhanden. Der Einsteiger muß in der Regel fast alles selbst organisieren und aus der eigenen Tasche bezahlen. Das ist das Resultat einer fehlgelaufenen Verbandspolitik, sagen die Kritiker der eingefahrenen Strukturen. Mindestens elf Organisationen fühlen sich für den deutschen Motorsport oder zumindest für Teilbereiche verantwortlich. Drei davon repräsentieren national und international den Spitzensport: AvD (Automobilclub von Deutschland) und ADAC vertreten in der Obersten Nationalen Sportkommission (ONS) den Automobilsport, ADAC und DMV (Deutscher Motorsport-Verband) in der Obersten Motorradsport-Kommission (OMK) die Zweirad-Fraktion. ADAC, AvD und DMV sind auch Mitglieder im Deutschen Sportbund (DSB), unter dessen Dach sich alle nationalen Sportverbände sammeln. Hier nimmt der Motorsport allerdings eine Ausnahmestellung ein. Während die meisten anderen Sportarten mit jeweils einer Föderation im DSB vertreten sind, werden die PS-Ritter dort gleich von drei Parteien repräsentiert. Davon besitzt mit dem DMV wiederum nur ein Verband die Gemeinnützigkeit und hat damit Anspruch auf Fördermittel von Vater Staat. Die OMK kann nicht in den DSB aufgenommen werden, weil sie als Gesellschaft bürgerlichen Rechts nicht die steuer- und sportrechtlichen Voraussetzungen für einen gemeinnützigen Verein oder Verband erfüllt - alles ganz schön verzwickt. Es könnte aber auch einfacher funktionieren, und das sehen selbst die maßgebenden Herren von ADAC, AvD und DMV ein. Sie streben deshalb die Gründung eines gemeinsamen Motorsport-Dachverbands innerhalb des DSB an - analog zum Deutschen Fußballbund, dem Deutschen Schwimmverband oder dem Deutschen Handball-Bund. Der ADAC hat bereits ein konkretes Modell für einen zukünftigen Bundesverband ausgearbeitet: Deutscher Motorsportbund oder kurz DMSB heißt das Kind (siehe Grafik). Die gemeinsame Institution für alle Motorsportler soll sich demokratisch nach DSB-Statuten gliedern: 48 Prozent der Sitze in der Mitgliederversammlung des DMSB würden jeweils zu einem Drittel von ADAC, AvD und DMV besetzt, die Delegierten-Mehrheit von 52 Prozent soll direkt aus den 16 Landesmotorsport-Fachverbänden kommen, die zum Teil noch gegründet werden müssen. Die OMK würde nach Meinung von DMV-Präsident Jochen Lindner dann überflüssig. Gleiches würde für die ONS im Autobereich gelten. Der ADAC will die beiden Organisationen als Deutsche Motorradsport-Holding (DMSH) beziehungsweise Deutsche Automobilsport-Holding (DASH) beibehalten. Sie sollen sich aber auf reine Marketing- und Management-Aufgaben beschränken und aus dem DMSB ausgegliedert werden, damit dieser die Gemeinnützigkeit genießen könnte. »Es wäre in jedem Fall sinnvoll, wenn der Motorsport mit einer Stimme sprechen würde”, meint auch OMK-Generalsekretär Werner Haupt, warnt aber davor zu glauben, daß mit der Gründung eines neuen Bundesverbandes automatisch mehr Fördermittel in Richtung Motorsport fließen. »Der Topf mit verfügbaren Mitteln ist festgeschrieben. Je mehr Verbände daran partizipieren, desto kleiner werden die einzelnen Rationen.” Geld für den Leistungssport gibt es vom Bundesinnenminister. 220 Millionen Mark fließen in diesem Jahr in die Sport-Fachverbände, die verschiedenen Bundesleistungszentren und in den Bau von neuen Sportstätten. Wie hoch die Unterstützung für den Motorsport wäre, läßt sich schwer einschätzen. Um eine Vorstellung über die gezahlten Fördergelder zu bekommen, sei als Beispiel der Bund Deutscher Radfahrer genannt: 1994 erhielt er 2,9 Millionen Mark für den Bereich Leistungssport. Die Unterstützung des Amateur- und Breitensports ist dagegen Sache der Länder. Gerade für die kleinen Vereine und die Nachwuchsförderung wäre eine Reform des Motorsports mit einem übergeordneten, gemeinnützigen Dachverband enorm wichtig, um Zuschüsse beantragen zu können. Eine Möglichkeit, die bislang nur eine kleine Minderheit der Clubs besitzt. Der ADAC-Vorschlag stößt allerdings nicht auf einhellige Begeisterung. Denn der riesige Club, der sich die Macht in der OMK derzeit zur Hälfte mit dem kleinen Bruder DMV teilen muß, könnte im künftigen Bundesmotorsport-Verband auf einen deutlich größeren Einfluß hoffen. Durch die mitgliederstarken Vereine hätte der ADAC in den Landesmotorsport-Fachverbänden sicher ein klares Übergewicht. Nach eigenen Angaben ist zwar nur ein Prozent der 13 Millionen ADAC-Mitglieder im Motorsport aktiv. Das wäre aber dennoch das Vierfache der 30 000 Personen, die der DMV und der mit ihm kooperierende ostdeutsche Verband ADMV zusammen mobilisieren können. Beim Poker um politischen Einfluß und lukrative Veranstaltungen müßte der DMV jedoch nicht automatischer Verlierer werden. Über den DMSB könnte er sich Anrechte auf die Austragung hochkarätiger Automobil-Rennen sichern. Der ADAC hat inzwischen ein Zeichen zur Gründung eines Bundesmotorsport-Verbandes gesetzt und den ONS-Vertrag zum 31.12.1997 gekündigt. Doch schon gibt es mit dem AvD Streit um den Kündigungstermin. In der OMK sind ADAC und DMV noch bis ins Jahr 2001 aneinander gebunden. Ob die Ehe so lange hält oder die eigentlich längst überfällige Reform des deutschen Motorsports schon früher kommt, bleibt abzuwarten. Begrüßenswert wären neue Strukturen auf jeden Fall - je schneller, desto besser.
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