Vom Fahrrad zum Superbike - die Aprilia-Story (Archivversion)

Vom Fahrrad zum Superbike - die Aprilia-Story

Es war einmal: Im Jahr 1968, vor 30 Jahren, fertigte Aprilia in dem Städtchen Noale, 30 Kilometer westlich von Venedig, Fahrräder. Umgerechnet rund 1,5 Millionen Mark setzte Aprilia damals um, das Leben ging seinen beschaulichen Gang, und die Studentenproteste waren weit weg. 18 Angestellte hatte die Firma, die Papa Beggio nach seinem Lieblingsauto, dem luxuriösen Aprilia von Lancia, benannt hatte. Doch dann kam Iwan der Schreckliche: Ivano Beggio, damals 24, stieg in Vaters Unternehmen ein und ließ, selbst begeisterter Geländefahrer, erst mal kleine Off Road-Bikes fertigen. Das Geschäft lief gut an, und ab 1975 mischte Beggio der Jüngere mit Mopeds und kleinvolumigen Motorrädern in der italienische Biker-Szene mit. 1980 begann dann die Umstrukturierung: Aprilia konzentrierte sich auf Forschung und Entwicklung, gebaut wurden die Komponenten dann von Zulieferern – ein System, auf das die Firma bis heute setzt. Zu Beginn der 80er Jahre erledigten externe Firmen sogar einen Teil der Montage; heute hingegen werden die Aprilia-Roller und -Motorräder im Werk in Scorzè bei Noale montiert.Der Einstieg in die Sportszene erfolgte 1985. Beggio hatte inzwischen seine Träume, selbst Rennen zu fahren, begraben, wollte (und will) aber zumindest in allen Klassen den Konstrukteurstitel gewinnen. Den ersten Grand Prix-Sieg fuhr Loris Reggiani 1987 in der 250er Klasse ein, und in den 90ern gab es kein Halten mehr: Als einziger europäischer Hersteller bietet Aprilia den Japanern Paroli und errang bislang neun WM-Titel (sechs Fahrer-, drei Konstrukteurstitel).Den großen kommerziellen Durchbruch schaffte Aprilia 1990 mit der Wiederbelebung des Rollers: Der 50er Amico hatte ein komplettes Plastikkleid und vor allem ein ansprechendes, modernes Design. Weitere optische und technische Highlights folgten, vom ersten Roller mit Wasserkühlung bis hin zur Scheibenbremse hinten und vorn für den 125er Leonardo.Doch es kam, wie es kommen mußte, nämlich zur Krise. Im Überschwang des Erfolgs hatte Beggio 1987 auf die damals so moderne Diversifikation gesetzt und sich nebenbei als Brillen-, Möbel- und Bekleidungshersteller versucht. Das ging gründlich schief, und die ruinösen Firmen drohten Aprilia aufzufressen. Beggio zog die Notbremse und ersuchte 1994 seine Banken um einen 100-Millionen-Mark-Kredit, den er auch bekam. Hilfreich war dabei ein Vertrag, den er 1992 mit BMW geschlossen hatte: Aprilia fertigte für den renommierten Hersteller aus München den Einzylinder F 650 – für die Italiener neben dem finanziellen Verdienst ein ungeheurer Imagegewinn.Danach ging es steil bergauf. Umsatz, Produktion und Angestelltenzahl legten jedes Jahr deutlich zu, den Kredit konnte Beggio nach nur zwei Jahren vorzeitig zurückzahlen, und Aprilia breitete sich aus wie eine Krake: Zum Stammsitz in Noale und dem erweiterten Werk in Scorzè gesellten sich ein Preß- und Lackierwerk in Umbrien und das neue Motorenwerk in San Marino, wo Aprilia ab Ende des Jahres in Suzuki-Lizenz 50er Motoren fertigt. Dazu kommen Niederlassungen in Deutschland, Frankreich, Holland, Spanien, der Schweiz und demnächst in den USA sowie Finanzierungs-, Leasing- und Versicherungsgesellschaften. Der Stammsitz in Noale soll nach und nach ausgebaut werden und unter anderem auch ein Museum erhalten.Aprilia beschäftigt inzwischen 1500 Mitarbeiter, machte 1997 einen Umsatz von rund 950 Millionen Mark und verkaufte an die 288000 Fahrzeuge. Alle zwei Minuten, so rechneten die hauseigenen Statistiker aus, wird irgendwo auf der Welt ein Aprilia-Roller an den Mann oder die Frau gebracht. Doch dabei soll es nicht bleiben, denn Ivano Beggio drängt es mit Macht zu den Big Bikes, und er wird nicht müde, stolz zu betonen: »Wir sind jetzt der einzige europäische Hersteller mit einer kompletten Palette von 50 bis 1000 cm³.” Für den großen Erfolg im Motorradmarkt soll die RSV Mille sorgen, die bisherigen Viertakter des Hauses waren keine rechten Verkaufsschlager: Die Moto 6.5, vom französischen Stardesigner Phillippe Starck entworfen, wurde zwar hochgelobt, blieb aber bei den Händlern stehen, und die Pegaso 650, die Aprilia-eigene Variante der BMW F 650, hatte gegen die Bayerin keine Chance, auch wenn sie die meisten Vergleichstests gewann.Auf ein Zubrot aus München kann Aprilia künftig nicht mehr rechnen: Der Kooperationsvertrag mit BMW läuft aus, unter anderem, weil sich die Münchner darüber ärgerten, daß Aprilia aus Kapazitätsgründen die Fertigung des BMW-Rollers C 1 ablehnte. Beggio ist deswegen immer noch betroffen, beteuert aber: »Wir hätten das einfach nicht geschafft, wir wollen uns jetzt doch auf die Mille konzentrieren.”Immerhin, die Italiener wissen sein Engagement zu schätzen: Staatspräsident Scalfaro ehrte Beggio kürzlich mit dem Titel »Cavaliere del Lavoro”, zu deutsch »Ritter der Arbeit”. Eva Breutel
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