Wasserspiele (Archivversion)

Wasserspiele

In einer Wasserschlacht mussten die Antiblockier- und Verbundbremssysteme der BMW R 1150 RT und Honda Pan European ihre Fähigkeiten gegenüber der konventionellen Anlage der Yamaha FJR 1300 unter Beweis stellen.

Beim Antiblockiersystem für Zweiräder war BMW ganz klar der Vorreiter. Bereits 1988 führten die Bayern das ABS ein. Doch trotz des unumstrittenen Sicherheitsgewinns zogen andere Hersteller bislang nur zögerlich nach. Während bei BMW die komplette Modellpalette zumindest wahlweise mit ABS erhältlich ist, stattet die Konkurrenz allenfalls ihre Top-Tourer damit aus. Yamaha beispielsweise begründet das fehlende ABS des Tourenflaggschiffs FJR 1300 mit den zusätzlichen Kosten, die den Einstandspreis noch weiter in die Höhe treiben würden. Als Option kann der Kunde jedoch selbst entscheiden, ob ihm ein Antiblockiersystem den Aufpreis wert ist. Welche Vorteile eine solche Bremshilfe insbesondere auf nasser Fahrbahn bringt, zeigt der Vergleich der Bremsanlage der FJR 1300 mit den ABS-Verbundbremssystemen von Honda und BMW, jenes sogar inklusive Bremskraftverstärker. Der Schwerpunkt der Messungen lag auf der kritischen Verzögerung bei Nässe. Zur besseren Einordnung der Ergebnisse wurde zunächst der Bremsweg im Trockenen ermittelt. Testprofi Karsten Schwers, 1000-fach erprobt in der Gratwanderung zwischen maximaler Verzögerung und Abflug, schaffte mit allen drei Probanden bei Einsatz von Vorder- und Hinterradbremse ähnliche Verzögerungswerte. Mit 39,4 Metern Bremsweg aus 100 km/h Ausgangsgeschwindigkeit (9,8 m/s2) konnte er mit der FJR sogar die BMW ausbremsen, die mit 40,2 Metern einen knappen halben Meter vor der Honda ankerte, und schöpfte damit die theoretischen physikalischen Grenzen aus. Dieses Ergebnis ist jedoch kein Argument gegen ABS, da derartige Werte nur vom absoluten Profi zu erzielen sind, der sich zudem mental auf die Bremsung einstellen konnte. Ein durchaus routinierter Fahrer kommt ohne ABS erfahrungsgemäß nicht über 6,0 m/s2 hinaus. Das entspricht 64,3 Metern bei einer Vollbremsung aus 100 km/h. Damit werden nur etwa 60 Prozent des Potenzials ausgeschöpft. Mit einem ABS-bestückten Motorrad erreicht dagegen auch der Normalfahrer nach dem Herantasten an den Regelbereich ähnliche Ergebnisse wie der Profi. Bei der Prüfung auf klitschnasser Fahrbahn gelingt sowohl mit der BMW als auch der Honda bei Betätigung beider Bremsen auf Anhieb mit 43 Metern ein verblüffend kurzer Anhalteweg. Mit der Yamaha dagegen kommt der Tester anfangs erst nach 56,5 Metern zum Stehen. Und selbst nach zahlreichen Versuchen ist bei 47,2 Metern Schicht. Am Durchschnittsfahrer gemessen immer noch eine überragende Leistung, absolut gesehen aber bereits eine drastische Verschlechterung. Lediglich per Handbremse verzögert, betrug der Bremsweg der BMW sogar nur 41,5 Meter, während die Honda mit 47,2 Metern deutlich zurückfiel und nur knapp vor der Yamaha mit 50,0 Metern landete. Beim Tritt aufs Bremspedal zeigt die BMW mit 43,3 Metern erneut einen, gemessen an den ungünstigen Bedingungen, enorm kurzen Bremsweg, während die Honda erst nach 50 Metern steht. Das liegt an einer Eigenheit des Honda-CBS. Nur mit beiden Bremsen gleichzeitig aktiviert der Fahrer sämtliche Bremskolben, mit Hand- oder Fußbremse allein dagegen nur einen Teil davon. Und bei der Yahama braucht’s trotz aller Tricks von Karsten mit 96,6 Metern logischerweise fast den doppelten Weg, da deren Fußbremse ja nur das Hinterrad in die Zange nimmt. Insbesondere bei schlechter werdenden Bedingungen zeigen sich die Vorteile von ABS und Verbundbremse sehr klar. Selbst Profis benötigen dann mit einer konventionellen Bremsanlage einen deutlich längeren Bremsweg. Auffällig ist außerdem, dass sich mit ABS auf Anhieb gute Werte erzielen lassen, während der routinierte Tester mit der FJR bei seinen ersten Verzögerungsversuchen nicht über Werte von 5 m/s² hinauskommt und erst nach einiger Zeit den Bremsweg verkürzen kann. Mit fallenden Reibwerten, also bei Regen oder rutschigen Fahrbahnbelägen oder gar bei Reibwertsprüngen zum Beispiel durch Schmutz oder Öl auf der Fahrbahn würde also auch der Profi ohne ABS entscheidende Meter verlieren. Damit avanciert selbst ein ABS, das 1000 Euro Aufpreis kostet, in Verbindung mit einer Verbundbremsanlage zu einer lohnenden Investition.
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