Werksbesuch bei Triumph Motorcycles (Archivversion)

New Labour –––––

Seit 1991 produziert Triumph wieder Motorräder. Inzwischen arbeiten 560 Leute für John Bloor in Hinckley, die 18 000 Bikes im Jahr produzieren. Wie sieht´s im Werk aus?

»Man bringt einem alten Hund keine neuen Tricks bei«, begründet der 55jährige Triumph-Besitzer John Bloor die Auswahl seiner Arbeiter. Deren Durchschnittsalter liegt gerade mal bei 25 Lenzen. Alle tragen graue Hosen und blaue Hemden mit aufgenähten Namensschildern. »Das paßt zur Kultur Großbritanniens. Und schafft eine freundliche Atmosphäre«, findet Bloor. »Du kannst jeden ansprechen«, sagt Lee Pepper. Der Biker, der wegen zu vieler Strafzettel von einer Suzuki GSX-R 1100 auf eine Triumph Tiger umgesattelt ist, fühlt sich wohl in Hinckley. Seit sechs Jahren werkelt er in der Qualitätskontrolle: »Lohn und Bedingungen sind gut.« Das bestätigt der Chef. »Wir zahlen ordentlich. Aber wir kriegen mehr zurück.« Der ehemalige Maurer Bloor, der sich im Immobiliengeschäft zum millionenschweren Magnaten hochgeackert hat, glaubt daran: »Menschen sind unser wichtigstes Kapital.«Krankheitstage, Produktivität und Kosten: Das alles wird auf Zetteln vermerkt, die in jeder Abteilung an den Wänden hängen. »Alle sind zufrieden«, sagt Rob Brown, der Besucher durchs Werk führt. »Wir haben keine Gewerkschaft.« Musik dudelt, Bohrer kreischen, Preßluft zischt. Am Fließband schrauben 80 Arbeiter an Motoren, montieren Räder und Rahmen. Alle zwei Stunden rollt eine fertige Daytona, Sprint oder Tiger zur Endkontrolle. Bunt durcheinandergewürfelt. In allen Farben. Effizienter als das stupide Fertigen eines einzigen Modells den lieben langen Tag. »Das hält am Denken. Und verhindert Flüchtigkeitsfehler«, sagt Bloor. Für den Chef geht Qualität vor. »Das ist unsere Priorität Nummer eins.« Überall in der Fabrik hängen Schilder: »If in doubt, ask.« Frage, wenn du im Zweifel bist. Modelle von Gehäusen oder Zylinderköpfen zeigen, wie´s aussehen soll. Schließlich waren die englischen Bikes gleichen Namens in den 70ern bekannt für Öllachen unterm Triebwerk. Rob Brown: »Wir wollen dieses Image aufpolieren.« Nachdem eine Arbeiterkooperative, die Triumph von 1975 bis 1983 managte, wegen Geldnot aufgab, kaufte John Bloor im Dezember 1983 die Namensrechte. Fünf Jahre später bastelten Entwicklungsingenieure an den ersten Modellen in Hinckley. Top secret. Rob Brown: »Die Nachbarn haben geglaubt, wir lagern Bananen.« Auf der Motorradmesse in Köln stellten die Briten 1990 ihre ersten Drei- und Vierzylindermodelle vor, die im Baukastensystem entstanden und sich in wesentlichen Komponenten kaum unterschieden. Zwei Motoren und ein Zentralrohrrahmen bildeten die Basis. Inzwischen fahren Sportfreaks auf die Daytona mit neuem Brückenrahmen und Benzineinspritzung ab, während Tourenfans die Sprint mit geregeltem Kat bevorzugen. Neue Modelle sind angekündigt (siehe MOTORRAD 14/1999), und der Verkauf läuft wie geschmiert. Derzeit verlassen täglich mehr als 100 Motorräder Hinckley.Anfangs, als Triumph 1991 ganze acht Stück pro Woche produzierte, waren Lieferanten nicht an Verträgen interessiert. Auch deshalb ist die Fertigungstiefe mit 34 Prozent recht hoch. Klar, Bremsen und Elektrik stammen aus Japan. Schrauben aus Deutschland, Plastik aus Italien, Stahl- und Aluteile aus diversen Ländern.Zur Weiterverarbeitung der eingekauften Rohlinge, ob Kurbel- oder Nockenwellen, Rahmen- oder Schwingenteile, stehen endlose Reihen von Schweißrobotern, CNC-Dreh- und Fräsapparaten sowie Öfen in der Fabrik. Bis zu 100 Arbeitsschritte übernimmt eine computergesteuerte Maschine. Rob Brown: »An einem Zylinderkopf arbeitet ein Mensch eine Woche. Die Maschinenstraße macht zwei gleichzeitig in anderthalb Stunden.«Die Werkshalle platzt aus allen Nähten. Letztes Jahr sind 18 000 Motorräder montiert worden, die Fabrik aber ist für 6000 weniger ausgelegt. In einer neuen Halle, die ganz in der Nähe gebaut wird, kommt nächstes Jahr der Maschinenpark unter. Dagegen verbleiben Montage und Lackiererei im alten Gebäude. Nach dem Umzug kann Triumph 50 000 Motorräder pro Jahr bauen. Wer Lust hat, das Werk zu besuchen, sollte sich vorher erkundigen. Denn die Touren sind weitgehend ausgebucht. Triumph bietet ein Paket mit Übernachtungen, Fähre und Führung an. Nähere Infos unter Telefon: 06175/933610.
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