Wie geht es Ex-Rennfahrer Reinhold Roth? (Archivversion)

Das Leben meistern

Vor knapp zehn Jahren ist Reinhold Roth beim Grand Prix in Rijeka schwer verunglückt. Die Folgen haben ihn und seine Frau Elfriede (Foto oben) hart getroffen. Aber die Familie ist nicht daran zerbrochen.

Mit der Saison 1990 hätte Reinhold Roth seine lange Karriere krönen wollen. Nach zwei Vize-Weltmeisterschaften in der 250er-Klasse fühlte sich der Rennprofi aus dem Allgäu endlich reif für den Titel - wohl wissend, dass er mit 37 Jahren auch nicht mehr allzu viel Zeit hatte, sein großes Ziel zu erreichen. Doch das Jahr stand für den Honda-Werksfahrer von Anfang an unter einem schlechten Stern. Die WM begann mit einem Sturz und Leistenschmerzen in Suzuka. Dem vierten Platz in Laguna Seca folgte ein Trainingssturz in Jerez mit schweren Prellungen an der Hüfte und einer erneuten Leistenverletzung - Startverzicht. Anschließend plagte sich Reinhold Roth zu zwei siebten Plätzen in Misano und am Nürburgring, in Salzburg wurde er Fünfter. Zu den Handicaps durch Verletzungen kam der teaminterne Druck durch den jungen, aufstrebenden Helmut Bradl. Reinhold Roth war sicher nicht in bester physischer und psychischer Verfassung, als er zum jugoslawischen Grand Prix in Rijeka antrat. Dort sollte aber alles noch viel schlimmer kommen. »Der Tag X«, wie Roths Ehefrau Elfriede den verhängnisvollen 17. Juni 1990 nennt, erschütterte das Leben der Familie mit einem fürchterlichen Schlag. Reinhold Roth war bei einsetzendem Nieselregen mit hohem Tempoüberschuss auf den langsam auf der Ideallinie dahinbummelnden Australier Darren Milner geprallt und hatte sich dabei schwerste Kopfverletzungen zugezogen. Knapp zehn Jahre später. Heute wohnen die Roths in ihrem großzügigen, lichtdurchfluteten Haus am Ortsrand von Amtzell, das bei gutem Wetter einen Panoramablick auf die Allgäuer Alpen bietet. Hier hat Reinhold Roth alles, was er braucht, um sein schweres Schicksal meistern zu können. Das Haus wurde behindertengerecht gebaut und verfügt über einen großen Therapieraum. Denn an den Folgen des 17. Juni 1990 wird Reinhold Roth sein Leben lang leiden: Er ist an den Rollstuhl gefesselt und auf Pflege angewiesen. Noch viel wichtiger als die optimalen räumlichen Bedingungen ist für den ehemaligen Grand-Prix-Star allerdings die Tatsache, dass seine Familie intakt geblieben ist – ein bei solchen Schicksalsschlägen nicht selbstverständlicher Umstand. Treibende Kraft hinter dem in kleinen Schritten erfolgten Genesungsprozess von Reinhold Roth ist seine Gattin Elfriede. Nichts lässt sie unversucht, um ihrem Mann zu helfen. Zusammen mit professionellen Therapeuten ist es zunächst in einer Klinik und dann im gewohnten familiären Umfeld gelungen, Reinhold Roth wieder einige Dinge des täglichen Lebens wie greifen, schlucken oder kauen anzutrainieren. Er nimmt regen Anteil an seiner Umwelt, kann seine Freude über Besucher wie zum Beispiel Ex-Rennfahrerkollege Wayne Rainey ausdrücken und immer besser seine Wünsche und Bedürfnisse artikulieren. »Natürlich hat er auch Tage, an denen es ihm schlecht geht. Aber im Großen und Ganzen glaube ich, dass er sich in seiner eigenen kleinen Welt wohl fühlt. Er ist mit ganz wenig zufrieden«, sagt Elfriede Roth. Sie hat es nicht bereut, sich für die intensive, viel Geduld und Ausdauer erfordernde Pflege ihres Mannes entschieden zu haben, denn sie glaubt: »Unser Lebensweg ist vorbestimmt. Jetzt müssen wir die Dinge so meistern, wie sie sind.« Allerdings gönnt sie sich immer mal wieder eine Auszeit, um Abstand zu gewinnen und sich selbst von den Belastungen zu erholen. »Anfangs hatte ich Bedenken, mal in Urlaub zu gehen. Aber ich habe auch das Recht zu leben. Und wenn ich selbst positiv drauf bin, strahlt das auch auf Reinhold aus.« Die freie Zeit widmet sie natürlich auch ihrem Sohn Matthias, der sechs Jahre alt war, als der verhängnisvolle Unfall passierte. »Er hat damals sehr gelitten. Und leider musste ich ihn etwas vernachlässigen, weil ich in den ersten zweieinhalb Jahren meistens bei Reinhold in der Klinik in Burgau war«, drückt Elfriede Roth in diesem Punkt durchaus ein schlechtes Gewissen. Dass Matthias jetzt gerade den Moped-Führerschein macht, findet seine Mutter okay. Dass er als Traumberuf Motorrad-Rennfahrer nennt, weniger. Doch da wird die Natur wohl einen Riegel vorschieben: Ihr Sprößling misst mit 16 schon stattliche 1,90 Meter – für einen Profi-Rennfahrer zu groß und als Einsteiger auch schon ein wenig zu alt.
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