Wie sich Europäer und Japaner den Weltmarkt für Motorräder teilen (Archivversion)

Die Masse machts

Die Dominanz der Japaner auf dem Weltmarkt motorisierter Zweiräder ist erdrückend. Doch in Europa und in den USA marschieren die europäischen Motorradhersteller nach vorn.

BMW ist und bleibt größter europäischer Motorradhersteller. Im Schatten der alles dominierenden Automobilabteilung, die in letzter Zeit hauptsächlich durch Riesenverluste wegen des Kaufs von Rover auf sich aufmerksam machte, schreitet die kleine, aber feine Motorradabteilung mit Meilenstiefeln vorwärts. Mit kräftiger jährlicher Steigerungsrate - zuletzt in Höhe von 15 Prozent - markierte der Verkauf von 69157 Motorrädern 1999 weltweit den vorläufigen Höhepunkt der Erfolgsserie. An der Vormachtstellung unter den europäischen Motorradbauern vermag auch der beachtliche Erfolg der britischen Triumph Motorcycles Limited nicht zu rütteln, die zwar Kapazitäten für 50 000 Maschinen jährlich geschaffen hat, von solchen Stückzahlen aber noch weit entfernt sind. Und Marco von Malzan, Chef der BMW-Motorradsparte, nimmt den Mund gar nicht mal zu voll, wenn er verkündet: »Unsere 1993 begonnene und bis heute anhaltende Produktoffensive mit innovativen und attraktiven Modellen hat sich ausgezahlt.« Denn nach Schätzungen von Marktkennern schaffen sämtliche italienische Motorradhersteller von Aprilia bis Moto Guzzi, zusammen gerade 70000 Motorräder jährlich an den Mann und die Frau zu bringen. Kaum mehr als BMW allein. Während die in Berlin produzierenden Bayern ordentliche Gewinne einfahren, findet man im Land der motorrad- und rennsportverückten Tifosi nur wenige Hersteller, die schwarze Zahlen schreiben. Sowohl Bimota als auch Laverda und MV-Agusta/Cagiva dienen eher der Selbstdarstellung und als Hobby ihrer Besitzer denn dem Geldverdienen. Erst recht geriet Moto Guzzi - inzwischen von Aprilia-Chef Ivano Beggio übernommen - immer mehr in die Schuldenkrise. Nicht zuletzt wegen verworrener Besitzverhältnisse italienischer und amerikanischer Investoren, die sich auf keine klare Linie festlegen konnten. Dagegen machen die US-amerikanischen Besitzer von Ducati mächtig Dampf, wollen die Position der Bologneser als führender italienischer Motorradhersteller ausbauen. Nicht minder schwer als die kleinen italienischen Produzenten haben es die zwei deutschen Hersteller neben BMW, die tapfer auf der Suche nach Marktnischen sind. Während sich MZ anfangs nur aufgrund staatlicher Geldspritzen über Wasser halten konnte und nunmehr im malaysischen Konzern Hong Leong Halt gefunden hat, versucht sich Sachs aus eigener Kraft als Motorradhersteller zu etablieren. Geld verdient indes die österreichische Enduro-Schmiede KTM, deren Firmenleitung jedoch bis jetzt noch keinen rechten Erfolg hatte, die Produktpalette zu erweitern und den engen Bereich der Sportrenduros und Motocross-Motorräder auszudehnen. Eine bessere Marktposition aufzubauen, indem man mit dem Gedanken spielte, Moto Guzzi aufkaufen, scheiterte vor kurzem. Mit 29000 verkauften Einheiten im letzten Geschäftsjahr kann sich das mittelständische Unternehmen, das lediglich knapp 700 Mitarbeiter beschäftigt, jedoch durchaus sehen lassen. Vorstandschef Stefan Pierer weiß jedenfalls, worauf der Blick über den Tellerrand fällt: »Der Gegner sitzt in Japan.«Vom anderen Ende der Welt betrachtet, dürfte in der Tat alles, was die europäischen Motorradhersteller treiben, Peanuts sein. Unter Führung von Honda, des mit Abstand größten Herstellers von motorisierten Zweirädern, überfluten die vier japanischen Konzerne den Weltmarkt jedes Jahr mit Millionen von Einheiten – etwa 8,5 Millionen vergangenes Jahr. Allein Honda warf im Produktionsjahr vom März 1998 bis März 1999 über 4,1 Millionen Zweiräder mit 50 Kubik und mehr auf den Markt, wovon große Motorräder nur einen geringen Teil ausmachten. Das meiste geld verdient der Konzern mit dem Export von Kleinmotorrädern vom Schlag einer Honda Cup in Dritte-Welt-Ländern. Eine CBR 900 RR dagegen dient eher dem Beweis technologischer Stärke, als einen allzu großen Beitrag zum Zweiradumsatz zu leisten. Nicht viel anders sieht die Situation bei Yamaha und Suzuki aus. Auch dort demonstrieren die neuen, superleichten Sportmotorräder wie YZF-R1 oder GSX-R 750, dass man den Stand der Technik nicht nur beherrscht, sondern vorzugeben vermag. Stückzahlen machen dagegen die technisch eher simplen 50er, Roller und andere Minizweiräder, die in rauen Mengen für die Tigerstaaten produziert werden. Yamaha brachte es immerhin als Zweitgrößter im Bunde auf über zwei Millionen motorisierte Zweiräder im letzten Produktionsjahr.Und damit auf 51 Prozent des Konzernumsatzes von knapp 16 Milliarden Mark, dessen andere Hälfte aus der Herstellung von Wassersportgeräten, Außenbordern, ATVs, Schneemobilen und weiterem technischen Geräten herrührt. Marktführer Honda macht im übrigen nur 12,1 Prozent Konzernumsatz mit motorisierten Zweirädern, während die Automobilsparte den Löwenanteil umsetzt. Kawasaki - genauer Kawasaki Heavy Industries - ist der kleinste der vier japanischen Zweiradhersteller. Wobei der Slogan «Let the good times roll« zuletzt 664000mal zutraf. Ganz so erdrückend wie in der Weltmarktproduktion sehen die Verhältnisse im reinen Motorradmarkt in Europa nicht aus. Zahlen liegen leider nur für den Bereich bis und über 450 cm3 Hubraum vor. Die Japaner dominieren zwar mit 61,4 Prozent, doch die europäischen Hersteller verspüren Aufwind. Dank neuer attraktiver Modelle wie Aprilias mille und Falco, BMWs Boxermodellen und der neuen F 650, Ducatis 996, Triumphs Dreizylindern und dem Sportler TT 600, um einige zu nennen, scheint sich ein erfreulicher Trend hin zu europäischen Motorrädern abzuzeichnen. Zumindest die Verkaufszahlen in Deutschland für das erste Quartal 2000 lassen das erahnen. Die Europäer liegen alle im Plus – Triumph etwa mit 37 Prozent, während die Neuzulassungen japanischer Motorräder erheblich ins Minus geraten sind. Beispiel Honda: ein Rückgang von 28 Prozent. Trotz der gewaltigen Modellflut aus Nippon.
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