Wintertreffen Schloss Augustusburg (Archivversion)

Burgtheater

Die Inszinierung kam an. Weil die Kulisse stimmte – Sachsen, ein Wintermärchen. Weil die Darsteller – 1500 Kradler im Schnee - ihre Rolle perfekt beherrschten. Und weil das werte Publikum begeistert mitspielte.

Heeeeey!!!« Begeistert reißen die selbst ernannten Preisrichter in den Campingstühlen ihre Wertungskarten hoch und ergehen sich in ausgiebigen La-Ola-Wellen. Zehn-Komma-null, eine perfekte Rolle. Nur der verdutzte Besucher, der sich nach einem Ausrutscher an einer heimtückisch schneeglatten Stelle auf dem frisch gefallenen Weiß kugelt, findet seine unfreiwillige Showeinlage gar nicht lustig. Aber Humor wirkt bekanntlich ansteckend, und so stimmen fast alle Gestürzten früher oder später in das Gelächter der Eulenspiegeltruppe ein. Zur Entschädigung für die Schadenfreude gibt’s eine Gratis-Feuerspuck-Einlage von den Wegelagerern. Zu DDR-Zeiten noch eine ruhige Zusammenkunft der Motorradverrücktesten im Land, hat sich die alljanuarliche Veranstaltung am Rand des Erzgebirges zu einem bunten, fröhlichen Zwei- und Dreiradspektakel gewandelt. Für viele Traditionalisten fast zu bunt, zu laut. »Zu DDR-Zeiten musste man sich lange vorher anmelden«, erzählt der grauhaarige Heinz aus Radebeul, »aber es war auch gemütlicher.« Die Zeiten sind vorbei. »Vor Jahren, als es schon im Januar kurzfristig mal frühlingte«, erinnert sich Axel aus Chemnitz, »da kamen fast 8000 Motorradfahrer.« Im Durchschnitt und auch heuer sind’s 1500. Angesichts der 10 000 schaulustigen, nichtgekräderten Besucher befinden sich die Zwei- und Dreiradler eindeutig in der Minderheit. Den einen gefällt’s, begafft zu werden, den andern nicht, und also lassen Letztere sich schon mal zu einem rüden Scherz mit dem Laufpublikum herab. Einem mittelalterlichen Heerlager gleich mit Bölkstoff-Bannern und den Rauchsäulen von unzähligen Lagerfeuern zeltet der harte Kern außerhalb der Burgmauern. Die »Warmduscher« dagegen zieht es in die schlosseigene Jugendherberge oder in Hotels und Pensionen. Für die Beinharten heißt es erst einmal Schnee schippen, bevor Lagerfeuer und Zelt in Stellung gebracht werden können. Während einige Gruppen fast militärisch organisiert ganze Mannschaftszelte mit Kanonenöfen sowie Brennholzvorräte und Flüssignahrung heranschleppen, reicht manchem bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt schon die an einer Enduro befestigte Plastikplane und ein Schneeloch als spartanische Wochenendbehausung aus. Der riesige Innenhof der Burg, die in den letzten Jahren mit einem Aufwand von 27 Millionen Mark restauriert wurde, dient als zentraler Anlaufpunkt der Veranstaltung. Und als meistgehörtes Geräusch dortselbst entpuppt sich ein blechernes »Rengdendeng«. Das Grün-Weiß des MZ-Emblems bestimmt das Treffen. »DKW war mal das größte Motorradwerk der Welt, und MZ hat einfache, aber robuste Motorräder gebaut«, singt Norbert aus Dresden das Hohelied auf die glorreiche Motorradtradition der Sachsen, die das Zweiradmuseum des Schlosses natürlich mustergültig präsentiert. In einem Schauraum des Herstellers aus dem nahen Zschopau beäugen die Fans MZs Investition in die Zukunft. Die heißt 1000 S und soll im Frühjahr auf die Kundschaft losgelassen werden. Wie die wohl reagiert?Ganze Schwärme von Simson- und AWO-Fans machen unmissverständlich klar, dass das Schielen der gelernten DDR-Bürger auf die einst unerreichbaren Hightech-Kräder längst vorbei ist. Ein fast trotziger Stolz hat sich in der Szene breit gemacht, sogar Hammer- und Zirkel-Flaggen und Vopo- Uniformen sind als Ostalgie-Auswüchse wieder hoffähig geworden. AWO-, Zündapp-, Ural- und Dnepr-Gespanne, Enduros und Veteranenmotorräder donnern durch die breite Schlosshofeinfahrt, die einst aristokratischen Kutschen vorbehalten war. »Ein geiles Gefühl, in eine Burg zu fahren«, schwärmt Kalle, der mit seinem MZ ETZ-Lastengespann aus Wolfenbüttel angesägt war. Vor allem Eigenbauten sind es, die der Moderator und Streckensprecher des Sachsenrings, Hartmut Wagner, derweil im Innenhof dem Publikum vorstellt. Jörg Hentschels Hill-Climbing-Spezialmaschine beispielsweise, die er schon beim legendären Hügel-Stürmen im österreichischen Rachau zum Einsatz gebracht hat. Ein filigran wirkender, überlanger Rohrrahmenmix mit MZ-TS 150 Triebwerk, das fünfzehn muntern Pferdchen leistet, sowie jeder Menge neu verschweißter MZ- und Simson-Teile und selbst geschnittenem Spezialstollenreifen. »64 Meter habe ich immerhin geschafft in Rachau«, erzählt der 30-Jährige aus Plauen. Da möchte er bei der diesjährigen Auflage noch ein paar Meter drauflegen.Minigespanne und Zwergenmopeds, Dieselumbauten oder eine Dreiradfeuerwehr - der Fantasie scheinen kaum Grenzen gesetzt. Vielleicht noch ein Überbleibsel aus den Zeiten des real existierenden Sozialismus, als Improvisation und Erfindergeist westlichen Überfluss ersetzen mussten. Und neue Nahrung findet so manche Bastelwut auf dem Teilemarkt, der im Steinbruch am Fuß der Burg veranstaltet wird. Aber bei allem Spaß und all den fliegenden Händlern ist das Treffen noch nicht zu einer Kommerzveranstaltung verkommen. Die moderaten Preise sprechen für sich. »Wir wollen hier kein Geschäft machen«, sagt Schlossherr Werner Sieber, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft, dem 320 Helfer aus Augustusburg und die Mitarbeiter des Schlosses zu Seite stehen, um das Treffen reibungslos über die Bühne zu bringen. Seit fünfzehn Jahren ist Sieber Leiter der Einrichtung, und er hofft, dass Treffenteilnehmer und Besucher auch im Sommer als Touristen den Weg ins Erzgebirge finden. ,,Wir sind doch hier das ideale Motorradland«, meint Sieber.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote