Word Ducati Week 2004 (Archivversion)

Weibergeschichten

Nein, ganz hat es noch nicht gereicht zur Machtübernahme der Frauen. Von den Zwanzigtausend, die auf der World Ducati Week (WDW) an der italienischen Adria mit Renntrainings, Stuntshows, Konzerten, Touren, Spielen, Sonne, Strand und Meer ihre Lieblingsmarke feierten, waren zugegebenermaßen gut zwei Drittel Männer. Doch die Frauen setzten sich stark in Szene – stärker als in früheren Jahren und stärker als bei anderen Treffen ähnlicher Art. Nicht zuletzt auf der Rennstrecke von Misano, wo ab und an sogar die MotoGP-Stars Troy Bayliss und Loris Capirossi den Fans die ideale Linie wiesen.
Dort kreiselt zum Beispiel die 24-jährige Melanie aus München auf ihrer 888 SP5 gekonnt um den Kurs, gefolgt
von Mutter Steffi auf einer 749 S. Tradition verpflichtet eben, die beiden stammen aus einer Familie, die den Desmo-Virus vehement verbreitet: Vater beziehungsweise Gatte Hermann Bayreuther gehört zum Urgestein deutscher Ducati-Händler und ließ seine Tochter schon mit vier Jahren aufs erste Bike.
Federica aus Bologna setzt derweil auf Entspannung. Ducati hat einen ganzen Trupp von Masseuren engagiert, der in einem Zelt verkrampfte Motorradfahrer-Muskeln weich knetet. Seit vier Jahren fährt die 27-Jährige Monster 600, will bald ein stärkeres Motorrad. »Welches, das weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall wieder eine Ducati.« Die rote Strähne im schwarzen Haar zeugt von ihrer Begeisterung.
»Ich habe es keine Sekunde bereut, dass ich auf die 999 umgestiegen bin«, sagt Petra aus Mainz. Die ehemalige
R6-Fahrerin probierte das Superbike bei einem Renntraining aus und trug schnurstracks ihr Geld zum Händler. »Klar ist
sie teuer. Als ich letzthin einen Highsider hatte, war mein erster Gedanke, dass ich
mir eine Reparatur eigentlich nicht leisten kann. Zum Glück ist es noch mal gut gegangen.« Doch teuer hin oder her: »Ich kann’s nicht erklären, aber eine Ducati ist eben etwas ganz Besonderes.«
Mit dieser Meinung steht sie nicht allein, die weibliche Fan-Gemeinde wächst. »Man muss sich hier nur mal umschauen«, meint Chrissie aus England, »eine Frau auf einer Ducati sieht einfach gut aus. Tausend Mal besser als ein Mann.« Und Liz aus Holland ergänzt: »Eine Ducati ist schlicht sexy. Deshalb will ich eine haben.«
Die Roten aus Bologna haben den schwierigen Spagat geschafft, die Frauen zu erobern, ohne dabei von den Männern in die Weichei-Ecke abgedrängt zu werden. Eine geschickte Firmenpolitik hilft. Etwa mit Einsteigerkursen für Frauen,
Anzeigenkampagnen und Messeauftritten, die keine halbnackten Models zeigen, sondern authentische Motorradfahrerinnen. Das wirkt glaubwürdig. Gleichzeitig steigt die Zahl der weiblichen Mitarbeiter im Werk stetig an, aktuell sind gut 200 von insgesamt rund 1000 Beschäftigten Frauen, darunter Ingenieurinnen, Testfahrerinnen und leitende Angestellte. »In den 80er Jahren hatten es Frauen schwer, das Werk war eine reine Männerwelt«, erinnert sich Eliana, seit 24 Jahren bei Ducati. »Heute nimmt die Firma Frauen ernst.«
Das färbt ab nach außen, vom neuen Image profitieren sogar die Männer. »Ducati-Fahrer sind keine Machos. Da gibt es mehr intellektuelle Typen als sonst unter den Motorradfahrern«, findet Kerstin aus Wiesbaden. Die 39-Jährige legt auf ihrer 998 jährlich rund 12000 Kilometer zurück, bei Renntrainings, auf großer Tour.
Altgediente Teilnehmerinnen der World Ducati Week, die seit 1998 alle zwei Jahre stattfindet, erkennen die Unterschiede zu früheren Treffen am Detail. »Es gibt viel mehr Frauen auf Superbikes als früher«, urteilt Ketty, Testfahrerin bei Ducati, mit Kennerblick. »Noch nicht mal mehr die Italiener verrenken sich den Hals, bloß weil hier eine Frau von einer 999 steigt. Und das will schon was heißen.«
Sogar die Frauen, die nur zum Arbeiten auf der WDW sind und mit Zweirädern bislang wenig am Hut hatten, lassen sich von so viel Begeisterung mitreißen. »Die Frauen hier sind sagenhaft selbstbewusst«, erklärt Maria aus Rio, die im Dienste Ducatis unentwegt Motorräder schrubbt. »Das gefällt mir, vielleicht sollte ich mir auch
so ein Teil zulegen.« Und Sandra, die bei der Organisation der geführten Touren in die Umgebung mitmacht, gesteht: »Ich habe immer gedacht, Motorradfahrerinnen wären so eine Art Flintenweiber. Dabei sind die richtig feminin.«
Wenn schon Frauen ihre Vorurteile gegenüber Frauen abbauen, dann scheint der Weg ins Desmo-Matriarchat zwar steinig, aber möglich.
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