Zünd-Funke (Archivversion)

Sind Motorradfahrer von gestern?

Seit Jahren, nein: Jahrzehnten bestimmen Easy Rider oder Speed-Maniaks das Bild vom Motorradfahrer. Wie langweilig.

Eigentlich gibt es ihn nicht mehr, DEN Motorradfahrer. Aber wer weiß das schon? TV-Kameras jedenfalls kreisen vornehmlich um zwei Spielarten: jene, die ein mittlerweile total verstaubtes Outlaw-Image spazieren fahren, oder solche, die dem Material ihrer Rennidole möglichst nahe kommende Motorräder, Helme und Kombis bewegen. Statt Kenny steht heute eben Carl hinten drauf, aber Treffpunkt ist und bleibt die TT.Was zu ertragen wäre, wenn die Outlaws ausschauten wie die Fantastischen Vier und die Race-Freaks wie Valentino Rossi. Wenn sie also auf dem Sozius etwas Platz ließen für einen Hauch Moderne, ein wenig Hier und Jetzt. Aber meist sind sie in die Jahre gekommen, unsere bikenden TV-Helden, und so locken sich bei ersteren hinter der Stirnglatze nurmehr dürre Fransen über den Kragen des obligat grobkarierten Hemdes, spannt bei letzteren ein dralles Bäuchlein die grelle Rennpelle. Absprung verpasst, lautet die Diagnose.Natürlich kann jeder nach seiner Facon glücklich werden. Aber die Frage lautet doch, warum die Öffentlichkeit so gern an diesen altbewährten Vorstellungen vom Kradler festhält. Die Antwort könnte sein: Weil die Motorradfahrer – und zwar fast alle - immer noch mit diesen Leitbildern kokettieren.Klar fing das mal rebellisch an: Easy Rider war ein protestierender Kommentar auf die Leistungsgesellschaft, in der Gegend rumheizen seine sportive Ergänzung. Mit süßem Lächeln wurden Klein- und Großbürgerträume namens Ford Taunus und Mercedes 280 versägt.Prima war das, schön und gut. Irgendwie hat«s für eine kurze Zeit sogar gereicht, dem Leben mehr Sinn einzuhauchen. Aber müssen wir das heute wirklich noch ernst nehmen? Wenn fünf wilde Recken in Tiefflug-Formation durch die Eifel krachen, dann überholen die nicht nur. Sie sind überholt. Und wenn 700 Fransenjacken, 700 Leathermen und 700 angekettete Geldbörsen zum soften Striptease »Born to be wild« grölen, dann hat das nichts mehr mit Protest zu tun. Das ist Folklore.Und all die anderen? Wie modern sind sie, die Motorradfahrer? Noch immer wird gegrüßt, als sei die letzte verfolgte Minderheit Europas an zwei Rädern mit Motor dazwischen auszumachen. Damit keine Zweifel aufkommen: Irgendwo in den slowenischen Alpen ist das eine nette Geste, ein Zeichen für die Lust am gemeinsamen Hobby, ein fröhliches »Gute Fahrt« unter Freunden. Auch im Winter geht das Handzeichen in Ordnung: Komm’ gut an. Aber an einem sonnigen Frühlingswochenende im Schwarzwald, wenn die Finger im Sekundentakt aufzeigen, ist’s ein fragwürdiges Ritual.Motorradfahrer willkommen, titelt mittlerweile jeder Alpen-Gastwirt in seinem Vorgarten. Der Hotelier weiß, dass die umworbenen Jungs und Mädels nach zwei, drei Bieren brav in ihre Betten fallen. Trotzdem ist unter Motorradfahrern das Informationsbedürfnis nach so genannten bikerfreundlichen Hotels ungebrochen: Man wäre zu gerne ein verfolgter, aber auch ein bedrohlicher Rebell. Einer, der nur an geheimen Orten eine angemessene Schlafstatt findet.Der Kult ums Bike treibt noch weitere bunte Blüten. Seine Hohepriester machen - je nach Fraktion - eine Nordschleifen-Zeit von unter neun Minuten oder die Harley-Davidson zur Eintrittskarte in den heiligen Orden.Es sollte eine Nummer kleiner gehen. Ohne ideologischen Bombast und Insider-Getue. Einfach im gesunden Selbstbewusstsein, dass es keine besseren Geräte zum draußen Spielen gibt als Motorräder. Die mann und frau fahren, um zu sporteln oder die Natur zu genießen. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Das ist es doch. Schlicht, einfach und - zeitlos modern.Mag sein, dass wieder Zeiten für Rebellen kommen. Mag sein, dass die dann nicht Motorrad fahren. Aber damit ließe sich besser leben als mit diesen peinlichen Festlegungen auf konservative Rollenmuster. Motorrad fahren ist Alltag. Toll.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote