Zündfunke: Bleibt alles anders (Archivversion)

Bleibt alles anders

Warum es sich oft nicht lohnt, das Weite zu suchen.

Abenteuer Deutschland. Der Chef war sauer, der Kontostand im Minus und die Freundin weggelaufen. Ich wollte raus. Aus dem goldenen Käfig voller Probleme. Durchstarten in die Freiheit. Mich fallen lassen in den Tag und gleiten auf Wogen von Zufriedenheit. Genau wie in der Werbung. Keine Termine, kein Stress, keine Sorgen – Alltag ade. Vom Glück erschlagen in den Dünen liegen oder rauchend eine Herde Vieh beaufsichtigen. Oder, in meinem Fall: Das Motorrad schnappen, Koffer dran, Gepäck drauf und losfahren. Entstation Glücklichsein, Ziel egal. Gesagt, getan. Damals, im Februar 1989.Zwei Monate vergingen. Jugoslawien, Ungarn, Griechenland, Türkei. Täglich frische, unverbrauchte Gesichter, andere Campingplätze, neue Landschaften. Kontaktprobleme? Gar keine. Als Reisender ist man immer willkommen und gefragt wie die Postkutsche im Wilden Westen. Die Taschen voll geladen mit Erlebnissen und Erfahrungen der Reise, Stoff für unzählige Stunden an Bars und Lagerfeuern. Das konnte noch ewig so weitergehen. Dachte ich. Ging es auch. Fünf Monate später fand ich mich in Niger wieder, und eine Erkenntnis hatte meine heile Reisewelt erschüttert: Die heraufbeschworene endlose Freiheit existiert nur an der Seite der unendlichen Einsamkeit. Denn: Eine Reise überfüttert dich. Ich fühlte mich wie eine Mastgans ohne Möglichkeit der Darmentleerung. Verschlang alle Eindrücke, ohne sie mit jemandem richtig teilen zu können. Klar, Gespräche gab es täglich. Oberflächlich und in Floskel-Form. Nach dem Wo-kommst-Du-her-wo-fährst-Du-hin-Prinzip. Ich war einsamer als je zuvor, mein Mitteilungsbedürfnis unendlich. Unproblematischer als daheim waren die Tage auch nicht. Statt erboster Chefs und unbezahlter Versicherungsrechnungen gab es schmiergeldsüchtige Beamte und Plattfüße. Der Alltag, Inbegriff dessen wovor ich floh, ließ sich nicht abschütteln, mutierte zu einer Sonnenbrille. Tiefdunkel, mit jedem Kilometer schwärzer. Ließ es oft nicht mehr zu, Sensationen zu erkennen. Er wachte mit mir auf, fuhr als Sozius auf dem Bike, ging mit mir zu Bett. Egal was ich tat. Und wo. Aber Problemen muss man sich stellen, statt vor ihnen wegzulaufen. Denn: Du nimmst dich immer mit.Ich nahm mich bis Kapstadt mit. Saß mit dieser erschreckenden Einsicht nach 19 Monaten Abenteuer auf einem Felsen am Meer. Meine Probleme waren mitgereist, zeigten sich in anderer Form. Ich selbst war es, der sich ändern musste. Die Welt ist weder umzuformen, noch kann man ihr entfliehen. Da nützt das beste Bike, die längste Reise nichts. Im Gegenteil. Mit jedem Kilometer, jedem Tag ziellosen Gleitens, welches ich mir als Schlüssel zum Glück erhoffte, fraß sich der nomadische Virus mehr in den Körper. Unterwegs sein. Die Flucht wurde zur Sucht. Einer Sucht, der ich nachgab. Abhängigkeit. Ein weiteres Problem. Die trübselige Einsicht ließ mich Monate später fast von einem Barhocker in Alice Springs fallen. Das Ende der Reise war nicht in Sicht. Noch immer war ich auf der Suche nach dem Glück. Aber Glücklichsein ist ein Gemütszustand und unterliegt keinen geographischen Begebenheiten.Zweieinhalb Jahre hielt mich der australische Kontinent gefangen. Begegnungen mit Globetrottern oder Urlaubern brachten täglich neue Erkenntnisse, warum Menschen aufbrechen. Einsam an der Spitze rangierte die Flucht, gefolgt von Abenteuerlust und Neugier. Fast sechs Jahre dauerte meine Odyssee. Durch die Gefühle. Und die Welt. Pleiten, Pech und Pannen formten die Reise nach Belieben, gaben ihr erst ein Gesicht. Die Einsicht, dass der Horizont unendlich ist, wog umso schwerer, da ich an seinem Ende mein Ziel vermutete. Irgendwo in Rumänien, nach einer Nacht, in der es wie aus Kübeln goss und der Sturm mit meinem Zelt Fangen spielte, gelangte ich zur Erkenntnis, die einem selbstbewussten Menschen normalerweise mit in die Wiege gelegt wird. Und zugleich auch dem Ende der Reise. Überall auf der Welt war ich klargekommen. Also würde ich es auch daheim. Denn du kannst vor Allem weglaufen. Aber nicht vor dir selbst.
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