Zündfunke: Der Hahn, nach dem keiner kräht (Archivversion)

Der Hahn, nach dem keiner kräht

Bald kann ihn keiner mehr umlegen, wenn es so weiter geht: den Benzinhahn. Damit stirbt ein Stück Ursprünglichkeit, und das wäre wirklich zu schade.

Heinz, der Tierpapst, Grzimek mit seiner besonderen Sympathie für alle kleinen und possierlichen Wesen dieser Welt hätte diesen bescheidenen Kameraden geliebt. Er fristet sein Leben im Verborgenen, meist irgendwo unter den Tankboden gekuschelt. Gemeinhin unauffällig, ist er aber, wenn es drauf ankommt, zur Stelle, unkompliziert, effektiv und verlässlich: der Benzinhahn.
Mit seiner simpelsten Mechanik gibt er schon Generationen von Kradlern eindeutige Informationen über den lebenswichtigen Flüssigkeitshaushalt im Tank und erlaubt damit sorgenfreies Dahinblasen auf allen Pisten zwischen Nordkap und Neuseeland. Es ist immer das gleiche verblüffend leichte und verblüffend sichere Spiel, Missverständnisse ausgeschlossen. Wenn es, je nach Gangart, früher oder später anfängt zu ruckeln, taucht die linke Hand am Oberschenkel vorbei zielsicher in Richtung Tankunterseite und Rahmendreieck ab, derweil sich der halb gekrümmte Oberkörper bei leichter Linkslast stabilisiert. Die Augen sind weiter streng geradeaus gerichtet, und ohne weiteres Blindgefummel wird der kleine Hebel auf Reserve umgelegt. Selbst dem ungeschlachtesten Grobmotoriker ist diese spezielle Verrenkung der Statur nach dem fünften Versuch so in die gewohnten Automatismen des Bewegungsapparats übergegangen wie das morgendliche Zähneputzen. Und wem das schon koordinatorische Probleme bereitet, der sollte sich tunlichst nicht auf ein Motorrad setzen.
Neben seiner famosen Funktionalität zeichnet sich so ein Benzinhahn durch seinen gutmütigen und überhaupt nicht nachtragenden Charakter aus. Was wäre unsereiner eingeschnappt und beleidigt, hätte man ihn so oft schon grundlos und ungerecht mit allen nur erdenklichen Kraftausdrücken und derbsten Unmutsbekundungen überhäuft. Mit knochentrockenem Fass liegen geblieben, irgendwo in Ostwestfalen, der tiefsten Eifel oder dem südfranzösischen Hinterland? Scheiß-, Drecks-, Mist- und so weiter Benzinhahn! Stand mal wieder auf Reserve. Und, wer kann da was für? Richtig, der gescholtene Hahn bestimmt nicht. Und trotzdem ist er sogar so nett, für unseren selbstgemachten Ärger als Sündenbock und Auslassventil herzuhalten. Wahre Größe.
In letzter Zeit aber schicken sich buntfunkelnde Infodisplays mit lustig blinkenden Tankleuchten im Cockpit an, die armen Benzinhähne bei immer mehr Modellen einfach von ihrem angestammten Platz zu verbannen. Lieblose Modernisierer schieben sie eiskalt kalkulierend in den Orkus vermeintlich nutzlos gewordener Teile ab, wo sie traurig umeinander krabbeln und von besseren, vergangenen Zeiten träumen. Aber die Unbarmherzigkeit des technischen Fortschritts lässt sich von diesem Schicksal nicht erweichen und gibt den blindgläubigen Technologie-Jüngern goldene Kälber in Form von Bordcomputern mit Restreichweiten-Angabe. Na das ist doch Komfort, wird dann gepredigt. Quatsch Komfort, Langeweile ist das, Mäusekinos mit ewig gleichem Programm. Wem es tatsächlich Spaß macht, sich von unzähligen kryptischen Schaltern an den Armaturen verwirren und von ebenso ungenauen wie schlecht ablesbaren Displays narren zu lassen, der soll sich halt ein Auto kaufen.
Genau so still und leise wie er jahrelang ein treuer Begleiter fast eines jeden Motorradlebens gewesen ist, droht er jetzt langsam auszusterben, der kleine Helfer Benzinhahn. Herr Grzimek, selig, bekäme feuchte Augen hinter seiner glasbausteinernen Sehhilfe. Zu Recht. Denn mit jedem einzelnen der sympathisch knorpeligen Hähne stirbt eine der Kleinigkeiten, die das Erlebnis Motorrad fahren zu dem machen, was es ist: ein Vergnügen, das nicht allein dem modernen Kopfarbeiter jenseits digital entsinnlichter Arbeitswelten und fremdbestimmt verengter Lebensräume ein Stück unmittelbare Selbsterfahrung - im wahrsten Sinne des Wortes - vermitteln. Mit Benzinhahn, bitte, auch wenn er manchmal tropft.
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