Zündfunke (Archivversion)

Die Deutschen in der Alpenfalle

Rauf kommen sie immer wieder. Aber irgendwie erinnert der Deutsche in den Alpen an den redensartlichen Ochs vorm Berg. Ach ja, runter muss er ja auch noch.

Die Alpen sind gebirgig, und das ist ihr Problem. Das der Alpen? Blödsinn, das der Niederländer, aber auch das der sonstigen Flachländ(l)er. Die einen ziehen mit ihren Wohnwagengespannen, die anderen mit ihren Motorrädern hinaus in die vermeintlich weite Welt und landen mitten drin in der engen Kehrenfalle. Aus der gibt es naturgemäß kein Zurück, weil rechts der Abgrund gähnt, links der Steilanstieg steil ansteigt und oben in der Höh´ das Gewitter dräut. Und zurück geht auch nichts, denn wie gesagt, es gibt kein Zurück. Dabei steht´s in jedem dahergelaufenen Alpenführer, wie man eine Haarnadelkurve fährt. Die Theoretiker üben´s in den Wintermonaten mental im Bad und geraten bei den 48 Kehren aufs Stilfserjoch hinauf sogar in der Wanne ins Schwitzen.Ach Gott, die Deutschen! Was schimpfen wir Österreicher über sie! Was sie über unsere Gendarmen schimpfen, schimpfen wir über ihre Geländeungängigkeit. Uns ist das Haflingerdasein ja in die Wiege gelegt, sie, die Deutschen, fahren mit der Wiege auf Urlaub. In jeder zweiten Bergkurve müssen wir sie dann im schlechtesten Fall zusammenklauben, im Normalfall ihnen Mut zusprechen. Nur deshalb meinen ja die nicht Gescheiterten noch, sie wären schneller oben als wir. Weil wir Rettungs- und Psychodienst leisten müssen.Die Bustouristen sind besser auf die Alpen vorbereitet. Kaum sind sie über der Grenze, ziehen sie sich die Bergschuhe an, mit denen sie dann vor´s Goldene Dachl latschen. Keine Gehwegkante kann sie überraschen, sie sind auf alles gefasst. Und ihre motorberadeten Landsleute? Wären sie auch so weit blickend, würden sie nicht auf die erstbeste Kurve zurasen, die, weil sie sich so ganz anders gebärdet als alle Kurven bisher im Leben, so steil, so uneinheitlich im Radius und so hängend, Hindernis Nummer eins darstellt, dem gleich darauf das ganz andere, im Grunde aber ganz ähnlich geartete Hindernis Nummer zwei folgt, in dem wir Einheimischen dann zum ersten Mal gefordert sind – siehe oben.Irgendwie schaffen’s trotzdem immer wieder welche, ganz oben anzukommen, zwar ramponiert oder mit mehrtägiger Verspätung und mit zerrütteter Psyche, doch immerhin. Blöderweise, das hat man in der Gipfeleuphorie ganz verdrängt, muss man aber auch wieder hinunter. Nicht, weil der Abgrund ewig lockt, sondern weil die Luft dünn ist und man in Wirklichkeit ja ans Meer will. Das Hinunterfahren ist ein ganz eigenes Kapitel, aber auch darüber lässt sich die einschlägige Literatur aus. Doch wer liest schon während des Motorradfahrens? Leider niemand – oder zum Glück niemand. Warum das ein Glück sein kann, dazu gleich. Jedenfalls geh’s hinunter ohnehin von selbst, quasi. Ja, eben nur quasi. In der Winterpause liest man dann, damit man die Fehler von der letzten Alpenreise nicht nochmals macht. Man greift zu den Klassikern der alpinen Motorradreiseliteratur und erfährt von Schlaglöchern, Rindern, Wilderern, Vereisungen, Schluchten, Muren, Lawinen und plötzlichen Wetterumschwüngen, die hinter praktisch jeder Kurve lauern. Schon das Vorfeld der nächstjährigen Alpentour wird so zum Schweißbad. Man legt sich also in die Badewanne und fährt in Gedanken über Jöcher, Stock und Stein, und damit diesmal nicht wieder der Kehrenschweiß ausbricht wie im letzten Jahr beim mentalen Vorbereitungsbad, stellt man sich die Alpen als harmlose Gerade mit ein paar Bögen vor, womit Schlagloch, Rind, Wilderer, Vereisung, Schlucht, Mure, Lawine und plötzlichem Wetterumschwung der Schrecken genommen ist. Auf dass beim nächsten Besuch im Gebirge vor dem Hindernis Nummer eins wieder angegast werden kann, was das Zeug hält, ganz im Vertrauen darauf, dass im Hindernis Nummer zwei der psychosoziale Dienst in Gestalt eines Eingeborenen seinen Job tut und einem, sofern nicht der schlechtere Fall eintritt, Mut zuspricht.
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