Zündfunke (Archivversion)

Annäherung an Japan

Ein Besuch in Japan stand an. Wenngleich manches zunächst befremdlich wirkte, fanden Redakteure und Firmenmanager beim Thema Motorradfahren zusammen.

Der Empfang in Akashi fällt anfangs distanziert aus. Nun gut, viel Positives haben wir in der letzten Zeit nicht über die Firma mit den grün lackierten Motorrädern berichten können. Der Boss sitzt in der Mitte, uns gegenüber, links und rechts seine Manager. Wir stellen Fragen – auf englisch. Der Chef spricht sehr leise, ohne uns anzuschauen. Den Übersetzer verstehen wir kaum. Später ziehe ich meine Zigarettenschachtel aus der Tasche und lege das Tonbandgerät darauf. Plötzlich kommt Leben in die Runde. Auf eine Handbewegung hin werden im Nu mehrere große Aschenbecher reingetragen, die Japaner beginnen zu rauchen. Vor lauter Höflichkeit gegenüber uns Gästen hatten sie sich nicht getraut. Das Eis ist gebrochen. Dennoch müssen wir unsere Erwartungen begraben, etwas Habhaftes über die Firmen- und Modellpolitik zu erfahren. So etwas diskutiert man nicht mit Außenstehenden.Ein Kollege mit einschlägiger Japanerfahrung hatte vor den legendären Karaokebar-Besuchen gewarnt, wo es zum guten Ton gehört, mit seinem Geschäftspartnern den gelungenen Tagesverlauf zu begießen. Wer da nicht mitzieht, wird als unhöflich angesehen. Vorher ist der Besuch eines sehr teuren Sushi-Restaurants angesagt. So teuer, dass dort nur höherrangige Geschäftsleute verkehren. Angetreten ist die mittlere Managergarde eines anderen Motorradproduzenten. Der nette Herr Tanaka* beginnt unverfängliche Gespräche. Über den Stand der Superbike-Saison und darüber, was deutsche Motorradfahrer von der Hayabusa halten. Bier, Sake und Schnaps lockern die Atmosphäre flott. Herr Watanabe* wirkt abgespannt. Eigentlich hat er Urlaub, wurde zurückgeholt, um uns zu betreuen. Weil er ein paar Jahre in Europa gearbeitet hat. In der Freizeit zur Arbeit gehen, in Japan normal. Der rohe Fisch schmeckt lecker, fürchterlich der Schnaps, zumal er mit grünen Tee vermischt wird. Schräg gegenüber liegt die Karaoke-Bar. Dort werden unsere Gastgeber als alte Bekannte begrüßt. Herr Tanaka singt in einem fort. Und schaut dabei sehr glücklich aus. Da taucht ein älterer Herr auf, setzt sich in die Whisky trinkende Runde und ruft laut: »I am the president« und deutet mit dem Zeigefinger auf jeden einzelnen mitzechenden Landsmann. Er ist wirklich der Chef. Mehrmals wiederholt er das Spielchen. Uns mag es merkwürdig vorkommen, den Untergebenen jedenfalls nicht. Sie lachen fröhlich. Man muss wissen: Die älteren höherrangigen Angestellten dürfen auf Firmenkosten einladen, ein wichtiges Statussymbol, das mehr zählt als ein hohes Gehalt. Denn so können die verdienten Mitarbeiter ihre Gastfreundschaft demonstrieren und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.Morgens um halb zehn in Tokio im Headquarter eines weiteren japanischen Motorradherstellers. Ein fröhlicher Mann in Uniform mit Schirmmütze ruft den von der U-Bahn hereinströmenden Angestellten unter Verbeugungen zu: »Guten Morgen, herzlich willkommen, angenehmen Arbeitstag.« Zwanzigmal in der Minute, ein paar hundertmal an diesem Morgen. 1400 Angestellte hat die Konzern-Zentrale immerhin. Unser Korrespondent stellt sich neben den Grußbeauftragten und verbeugt sich ebenfalls. Um Gottes willen, das gibt Ärger. Überhaupt nicht. Die Leute verstehen Spaß und lachen. Es ist eben völlig normal, was da geschieht. Japan ist anders.Wir verlassen das angenehme Klima des Einkaufszentrums rund um unseren 38stöckigen Hotelturm in Hamamatsu. Die Hitze in den Straßenschluchten schlägt uns fast um. Die Menschen auf den Straßen sind ziemlich jung und meistens weiblich. Man kleidet sich europäisch, die Damen fast freizügig. Lautes Vogelgezwitscher ertönt aus dem einzigen Baum weit und breit. Vögel sind aber keine zu sehen. Dafür kleine Lautsprecher in den Ästen. Japaner mögen Illusionen.Fußnote: * Name von der Redaktion geändert
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