Zündfunke (Archivversion)

Das Monster auf seinem Moped

Jedes Kind hat Grund, über seine Eltern zu weinen, schrieb Nietzsche. A. F. Th. van der Heijden heult nicht, der schreibt. Über seinen Alten auf der NSU.

Niederlande, Ende der 50er Jahre. Es ist Samstag. Albert wartet auf seinen Vater. Der malocht bei Philips in Eindhoven. Als Maler und Lackierer frönt er einer ungemein Durst provozierenden Profession. »Keinen Bissen brachte Albert herunter«, erzählt van der Heijden in seinem Roman »Das Gefahrendreieck«. »Wie das Wochenende, und damit ihr Schicksal verlaufen würde, hing von der Stimmung des Mannes bei seiner Heimkehr ab.« Und davon, wie er sein NSU-Moped traktiert. »Das lässige Aufdrücken des Gartentors mit dem Vorderrad war bereits ein schlechtes Zeichen ... Er schob das Moped nicht in den Schuppen, sondern angelte mit dem Fuß nach dem Ständer.« Nicht in den Schuppen! Also tuckert der Alte nachher wieder gen Kneipe. »Jeden Samstagnachmittag verließ er das Haus mit einer faulen Ausrede, und ungefähr zwölf Stunden später kam an seiner Stelle ein anderer zurück. Ein anderer ... Ein bleiches Monster mit Schaum vor dem Mund, das auf seinem Moped heran rollte.«Seinem Moped! Um das nicht zu überhören, traut sich die Mutter nicht, das Radio anzumachen. Schlafen die Kinder nicht ein. Die Stille, die sie verstört, ist die Ruhe vor dem Sturm. Albert erkennt jedes Motorrad an seinem Geräusch. Zweitakter, Viertakter, Einzylinder, Zweizylinder. Norton, Triumph, BMW, Horex. Und natürlich dieses gefürchtete »scheußliche Singen«. Seiner NSU!Ouvertüre zu einer Orgie der Gewalt. Mit dem Messer rumfuchteln. Frau bedrohen. Grölen. Beleidigen. Kotzen. Zerstören. Zerschlagen. Geschirr, Gläser, Kloschüssel. Die Familie. Der Alte hat, im wahrsten Sinn des Wortes, schon lange nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aber ein Moped im Schuppen.Die Welt, die van der Heijden beschreibt, ist beschränkt, spießig, reaktionär und aggressiv. Albert will da raus. Aber das klappt nur in seiner Phantasie. Des nachts, wenn er im Bett liegt, träumt. Oder sich vor den nächsten Ausbrüche seines Alten fürchtet. In diesen Augenblicken, schreibt van der Heijden, entsteht Poesie. Wenn die Harley des Ortsgendarmen einen Lichtbündel in Alberts Zimmer wirft. »Jetzt schwenkte der Lenker in den Händen des Polizisten von links nach rechts, so dass das Zimmer plötzlich mit zerbrochenen Schwertern gespickt war wie der Nacken eines Stiers am Ende des Kampfes.« Und schon wieder: ein Bild der Gewalt. Erwachsene können der Misere davonfahren, fliehen. Wie Vater auf seiner NSU zum Frustsaufen in die Kneipe. Onkel Egbert fährt ein richtiges Motorrad. Eine große BMW. Auch er flüchtet. Vor seiner schrulligen Frau, die ihm, der Kinder so sehr mag, keine gebären kann. Vor seiner Vergangenheit als SS-Mann.Der Vater geht, der Onkel kommt. »Egbert ließ den Jungen auf den Tank klettern und fuhr mit ihm hintenrum in den Garten. Der beklemmend leere Platz, den die NSU auf den Pflastersteinen hinterlassen hatte, wurde von der heißen BMW eingenommen, um die die Luft zu wogen begann ... Je schneller sie fuhren, um so sicherer fühlte der Junge sich. Egbert nahm ihn mit, vor sich auf dem Pferd, wie seinen eigenen Sohn ... er brachte sein Kind in Sicherheit.«Sieben Bücher über die Kindheit Alberts und seinen Versuch, erwachsen zu werden, hat van der Heijden geschrieben - den Zyklus »Die zahnlose Zeit«. Vier Bände sind bereits ins Deutsche übersetzt: Der Anwalt der Hähne, Fallende Eltern, Der Widerborst und - als letztes - Das Gefahrendreieck. Wer, wie das die Thematik vermuten ließe, kruden Sozialkitsch vermutet, liegt völlig daneben. Weil der Autor die Fähigkeit besitzt, selbst dem Ekligsten und Schamlosesten - und davon strotzen seine Romane - jene Aura der Poetischen zu verleihen, in der Verzweiflung und Humor rückstandsfrei verschmelzen. Und das Motorrad lebst als das Vehikel wieder auf, das es in den Fünfziger war: ein Transportmittel. Als Alberts Vater des Saufen lässt, kauft er sich vom Trinkgeld ein Dafodil.Das Gefahrendreieck, Suhrkamp, 531 Seiten, 49,80 Mark;Der Widerborst, Suhrkamp, 118 Seiten, 10,80 Mark (Eine »Fußnote« zum »Gefahrendreieck«. Die Geschichte von Robby, der zu schnell lebte, sich auf dem Motorrad zum Krüppel fuhr und mit dem Auto um einen Baum wickelte).
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