Zündfunke (Archivversion)

Trau, schau, wem

Das Motorrad – ein »explosiv«es Thema.

Hintersinnig knödelt’s aus dem Off: »Und der Sensenmann fährt mit.« Bei »Explosiv«, diesem knallharten Recherchemagazin des televisionären RTL, spielte der Motorradler unlängst mal wieder die Rolle des bösen Buben, der den braven Bürger schreckt. Mit 200 Sachen prescht da eine Dumpfbacke in Kamikaze-Manier über die Autobahn. Auf dem Hinterrad, versteht sich. »Warum macht der Mann das?« fragt sich der ob solcher Bilder zum Feierabendbier dezent schockierte Otto-Normal-Gucker. Um von »Explosiv« postwendend die Antwort zu erhalten: »Wheelie ist der neueste Trend.«Es soll Motorradfahrer geben, die sich über solchen Müll aufregen. Die beklagen, dass damit dem Image des gesetzes- und Straßenverkehrsordnungs-treuen Bikers schwerer Schaden zugefügt werde. Heute der Kampfhund, der an die Leine muss, morgen der Motorradler.Dann hätte freilich auch der deutsche Hochadel allen Grund, seine baldige Verbürgerlichung zu befürchten. Wegen Ernst August, seines Zeichens Prinzenrocker und Ehrenmitglied des Welfen MC, der wild schlägernd durch die Weltgeschichte reist und sich auch sonst - insbesondere vor Expo-Pavillons - keinerlei Zwang auferlegt. Und der in »Explosiv« und ähnlich gestrickten Magazinen viel öfter den dummen August macht als die Motorradfahrer. Kann man nicht vergleichen, mag der sich diskriminiert fühlende Motorradfreund einwenden. Schließlich gilt der von und zu Hannover als Persönlichkeit des öffentlichen Interesses, während der Biker es durch eine solch verquere Berichterstattung erst zu werden droht. Gesetzt der Fall, dem wäre so, tragen einige Motorradfahrer ihr Scherflein zu dieser Miesmache bei. Weil die Reporter immer wieder Dampfplauderer finden, die stier in die Kamera grinsen, großspurig rumtönen. Dass sie’s endlich wieder richtig krachen lassen. Dass sie diesen Adrenalinschub brauchen. Blablabla. Und dabei ihren »explosiven« Auftritt mit dem bierseligen Stammtisch verwechseln. Da bleibt’s innerhalb der Familie – in gebotener Diskretion. Dort schauen ein paar Millionen zu.Die staunen über den Busenhypnotiseur. »Schließen Sie Ihre Augen, hören Sie zu - und Ihr Busen wächst. Dieser Mann verspricht: Meine Worte machen aus kleinen Brüsten Riesendingen.« Und kriegen obendrein noch eine nette kleine Schauerstory über Motorradler serviert.Wer in diesem Kontext eine seriöse Berichterstattung erwartet, könnte genauso gut an den Klapperstorch glauben. Was die BILD-Zeitung für die Frühstückspause im Betrieb ist »Explosiv« fürs abendliche Schnittchen- und Biervernichten zu Hause. »Haste das gesehen, Else?« »Du willst mich wohl zum Busenhypnotiseur schicken.« Oder: »Schau mal, alles auf dem Hinterrad, unglaublich!« »Alfred, willst du jetzt auch den Motorradführerschein machen? Nur weil Neffe Emil und dein Chef sich eine Maschine gekauft haben.« So sieht sie aus - die neue Info-Elite, um die »Explosiv« buhlt.Und die sie mit einem Mischmasch aus Halbwahrheiten verkohlt. Je schneller, desto tödlicher - resümiert ein Unfallarzt. Der muss es wissen, schließlich hat er die Autorität des weißen Kittels. Dass zwischen Motorstärke und Unfallhäufigkeit überhaupt kein Zusammenhang besteht, wie eine EU-Studie ergab, lenkt nur ab von der Bestätigung der eigenen Vorurteile. Genau das macht den Erfolg dieser Magazine aus. Hier ist der Deutsche wahrlich Michel, hier darf er’s sein. Obwohl »Explosiv« schon mehrmals eklige Lebensmittelskandale anprangerte, mag Michel auf seinen Leberkäswecken nicht verzichten. Und selbst wenn diese Häppchenjournalisten noch so viele Dämlichkeiten über Motorradfahrer ablassen, braucht der Biker keine Hexenjagd zu fürchten.Schließlich sind kurz nach »Explosiv« die heldenhaften »Motorrad-Cops« auf RTL aktiv. So folgt ein Märchen dem anderem. Und außerdem hängt das Image des Bikers – der Macht der Boulevardpresse zum Trotz – letztlich noch immer von ihm selber ab.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote