Zündfunke (Archivversion)

Weiter geht’s

Auf der EXPO ist zu sehen, wie wir in Zukunft leben werden. Und dass wir, auch wenn die Benzinvorräte zur Neige gehen, nicht aufs Motorrad zu verzichten brauchen.

Neulich auf der EXPO, dem großen Weltenfest. Einen Blick auf den Zustand unseres Planeten und – besser noch – dessen Zukunft geworfen. Rosig, so lautet die Diagnose nach Besuch Dutzender Länderpavillons und diverser Themenparks. Auf jeden Fall dynamisch. Wirklich wahr und ganz ehrlich gemeint, denn für diese optimistische Grundstimmung sorgen nicht nur Planer und Architekten mit ihren werbenden Botschaften, sondern – die Besucher: fröhlich, offen, interessiert. Mutter Erde darf beruhigt sein.Auch unsereins mag da nicht zurückstehen, lässt sich – willkommen geheißen von gebührenfreien Motorradparkplätzen – auf den erbaulich-lehrreichen Trubel ein und landet zwangsläufig irgendwann in der Themenausstellung Mobilität. Schwer zu übersehen, dass einer der potenten Sponsoren dieses Video-mächtigen Spektakels aus München stammt. Ist ja bekannt, dass die Kunst immer zum Geld strebt, und ist auch okay, wenn dann eine Show entsteht, die in rasenden Bildern zeigt, welche Kraft, welche Möglichkeiten die maschinengetriebene Mobilität entfaltet hat. Unmissverständlich die frohe Kunde, dass dank Wasserstofftechnologie auch die Zukunft von dieser Mobilität bestimmt und dass sie größtenteils eine individuelle bleiben wird. Davon hat natürlich auch unsereins schon gehört, sogar vom Wettkampf der Konzerne: Weiß-blau setzt ganz klar auf Wasserstoff, die mit dem Stern favorisieren die Brennstoffzelle. Hier sorgt auf unter 200 Grad minus gekühlter und in hochkomplizierten Tanks verbrachter Treibstoff in konventionellen Motoren für Vortrieb. Dort wird – bei einem Wirkungsgrad bis 80 Prozent – Strom erzeugt und an einen Elektromotor weitergereicht, und zwar wahlweise aus dem ebenfalls zu kühlenden Wasserstoff oder ganz einfach aus Methanol.Alles schön, alles gut, und die paar noch zu lösenden Details gehören gewiss nicht auf eine Weltausstellung. Aber unsereinem, auf dem Weg zurück zu seinem gebührenfreien Parkplatz, dem steigt so langsam der Schweiß in der Bellstaff-Jacke hoch, weil er sich fragt, wie’s denn mit dem motorisierten Zweirad weitergehen soll. So in 20, 30 Jahren, wenn die Preise für einen Liter Super sich langsam denen gut gelagerten Chiantis annähern dürften. Das zukunftsträchtige Gas braucht nämlich Speicher, die heute noch den halben Kofferraum eines Siebener-BMW füllen. Und die E-Motoren gehen zwar ab wie der Turnschuh, müssen sich aber akustisch mit Heißluftfön und Staubsauger messen lassen. Ganz zu schweigen davon, dass so ein Motor nebst Kleinkraftwerk noch unerotischer aussehen muss als der gebläsegekühlte 50er von Zündapp.Damit unsereiner hier nicht der Undankbarkeit verdächtigt wird: Natürlich ist die Erde ohne Motorräder noch lange kein Jammertal. Aber nach über 20-jähriger Fahrenszeit fällt die Vorstellung doch ein wenig schwer, die lieben Nachgeborenen müssten zeitlebens auf diesen albernen silbernen Tretrollern durch die City hetzen oder gar direkt zu Cabrioten mutieren.Heftiges Grübeln bestimmt den Heimweg. Wie viel Wasserstoff würde wohl in einen Monocoque-Rahmen passen? So einen, wie ihn die Kawasaki ZX-12R trägt, nur viel voluminöser. Oder in den doppelt ausgeführten Boden eines Gespanns oder den Henkel vom BMW C1? Halt, halt, jetzt nicht schon mit Kompromissen anfangen: Wie viele Ingenieure arbeiten rund um den Erdball an der Weiterentwicklung des Motorrads? Na, gewiss einige Tausend. Denen wird doch was einfallen. Schon aus Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und . weil die meisten ja echte Biker sind – ums eigene Vergnügen. Millionen von Einachsschleppern und Stromaggregaten müssen doch auch laufen, dann, wenn die verbleibenden Erdölvorräte zu aller Nutzen ausschließlich in die chemische Industrie fließen. Genau: Denen muss was einfallen. Also Ruhe bewahren und auf den EXPO-Effekt setzen: Alles wird gut.
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