Zündfunke (Archivversion)

Neues Motorrad - neues Leben?

Zeig’ mir deinen Hund, und ich sag’ dir, wer du bist. Schrieb Goethe. Oder war’s Didi Hallervorden? Egal: Zeig mir dein Motorrad, und ich sag’ dir, ob du Goethe liest.

Es geht hier natürlich nicht um Goethe. Sondern um russische Epik. Stellen Sie sich vor, Sie liebten Puschkin. Das kommt in Ihrem Bekanntenkreis prima an. Weil dabei alle an Wodka denken. Der latente Anarchismus jedoch, den Sie an dem Russen und Ihre Freunde an Ihnen so schätzen, der hat im Lauf der Jahre auch Ihre SRX unterwandert. Im Lauf der Jahre, wie gesagt. Anfangs war sie einfach nur eine Yamaha, passte in ihre Zeit. Unter Insidern das schlanke, wendige Mittel gegen schneller, breiter, teurer. Dann hier ein Kratzer, dort ‘ne Delle. Zu allem eine Geschichte. Ihre Geschichte. Und irgendwie - das nervt dann irgendwann - immer dieselbe Geschichte. Die wollen Sie jetzt neu schreiben. Nicht länger Anhängsel eines Einzylinders sein. (Wie war der Film? Welcher Film? Ich hab’ doch deine SRX vorm Kino gesehen.) Ein anderes Bike muss her. Mehr Leistung, modernere Technik, ein neues Leben. Kat wär’ auch nicht schlecht. Aber passt BMW zu Puschkin? Eher zu Thomas Mann, der in späteren Jahren seinem Deutschen Hühnerhund wie aus dem Gesicht geschnitten war. Wer möchte mit 70 schon aussehen wie eine Gummikuh?Also Ducati? Die flotte Monster-Linie würde Ihnen schmeicheln. Mal wieder mit der Zeit gehen, ohne lieb gewordene Traditionen zu verraten. Und der Italiener als solcher hat ja den Anarchismus zum gesellschaftlichen Funktionsprinzip erhoben. Mehr noch: Den Italienern gelang das Kunststück, den Widerspruch zwischen Anarchie und Kabelbaum aufzudröseln. Aber jetzt, gestehen Sie, werden Sie ganz deutscher Spießbürger, weil Sie allzu gern dort ankommen, wo Sie hin wollten. Der Fairness wegen haben Sie der Duc doch eine Chance gegeben. Im Februar, bei minus drei Grad. Um hernach dem Freundeskreis etwas über eine ewig lange Kaltlaufphase vorzustöhnen.Was ein Fehler war, denn so gerät Ihr Problem auch zu dem Ihrer Freunde. VFR meint einer. Die hat Einspritzung. Sie überhören den sarkastischen Unterton und wagen zu denken: warum eigentlich nicht? Leistung satt, V-Motor, Kat. Bequemer Tourer - man wird ja auch nicht jünger. Windschutz gegen Zipperlein. Dann bringt Sie das finale Urteil Ihrer Freunde wieder auf den Kern des Problems zurück. Keine Ecken und Kanten, passt nicht. Abgelehnt.Der Zufall rollt Ihnen eine Fazer unter den Allerwertesten. Was für ein Motorrad! Neue Rekordzeit von hier nach irgendwo. Das Glück in Dosen. Aber wer kauft heute noch Dosen? Ein Freund, ein echter Freund, bietet Ihnen die beste Buell weit und breit an. Schnäppchen, zwar nicht anarchisch, aber wenigstens archaisch. Ohne Brotkasten! Aber Freunde können längst nicht mehr helfen. Da müssen Sie alleine durch: Welche passt zu mir? Seit Jahren schon bringt Sie diese Frage um den bitter notwendigen Schlaf. Selbstzweifel keimen, als Ihnen einfällt, dass Sie für die Suche nach der augenblicklichen Frau Ihres Lebens keine drei Stunden gebraucht haben.Die hat ja auch der Himmel geschickt. Motorräder fallen nicht vom Himmel. Motorradkauf ist nämlich Menschenwerk, und deshalb müssen Sie sich hienieden entscheiden: Wenn Sie Ihr Bike als beseelten Gegenstand begreifen, fahren Sie es, bis der Tod Euch scheidet. Oder wollen Sie etwa Ihre Liaison mit dem peinlichen Kleinanzeigen-Nachsatz »Nur in gute Hände abzugeben« beenden? Falls Sie Ihr Krad in der schnöden Warenwelt ansiedeln, dann kaufen Sie sich doch endlich eine Fazer und lassen Ihre Freunde wieder in Ruhe Wodka trinken.Sie wollen immer noch keine Fazer, trauern schon präventiv um Ihre blöde SRX? Dann funktioniert der einzige Weg, Ihre unglaubliche Entschlusslosigkeit zu kaschieren, so: Sie unterbrechen die Litanei der Kumpel mit mannhaftem »Un momento. Wenn ich auch mal was sagen darf«, bestellen eine Runde Puschkin, verkünden, die Wahl sei vollzogen, und heben das Glas: »Wenn Ducati wieder einen Einzylinder baut... «
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