Zuschauer-Befragung (Archivversion)

Volksmund

Der Rennfan, das unbekannte Wesen: Was macht ihn an, was vermißt er bei den Veranstaltungen, was hält ihn womöglich vom Rennbesuch ab? MOTORRAD mischte sich unters Volk und fragte nach.

Bis 1991 gab es keine Diskussionen darüber, welche Motorradsport-Veranstaltung in der Gunst des Publikums die Nase vorn hat. Der deutsche Straßen-WM-Lauf, traditionell im jährlichen Wechsel in Hockenheim und am Nürburgring ausgefahren, war der absolute Renner. Mehr als 100 000 Fans strömten noch vor sechs Jahren zum Grand Prix-Wochenende ins badische Motodrom. Zum Ring kamen jeweils ein paar Zehntausend Besucher weniger, aber immer noch genug, um souverän Platz eins in der Zuschauer-Hitparade zu halten.Als 1992 Formel 1-Guru Bernie Ecclestone beim deutschen GP die Zügel in die Hand nahm, begann das einstige Paradepferd zu lahmen. Ebenso drastisch wie die Eintrittspreise in Hockenheim stiegen, sank das Interesse der Rennfans. Die Kunden wollten sich nicht abzocken lassen und fuhren lieber zur WM nach Assen oder Brünn. Selbst der Straßen-DM-Lauf in Schleiz hatte den GP beim Ticket-Verkauf bald überholt. Auch das Comeback am Nürburgring brachte keine Wende. Trotz moderater Kartenpreise, viel Rahmenprogramm und einem Doppelsieg der heimischen Stars Ralf Waldmann und Jürgen Fuchs beim vorangegangenen Assen-Grand Prix ließen sich im letzten Jahr nur 34 000 Zuschauer in die Eifel locken. Ein Blick auf andere Rennen in deutschen Landen verdeutlicht das Desaster des GP. Spitzenreiter im Straßensport 1996 war der DM-Lauf auf dem neuen Sachsenring mit 40 000 Zuschauern. Daß in den neuen Bundesländern die treueren Rennfans sitzen, zeigte in der letzten Saison auch der deutsche 250er Moto Cross-GP in Teutschenthal. 25 000 Besucher passierten dort die Eingänge - mehr als doppelt so viele wie beim sportlich nicht minder attraktiven 500er WM-Lauf in der schwäbischen Moto Cross-Hochburg Gaildorf. Die guten Leistungen der Fahrer werden also sehr unterschiedlich honoriert, und ein deutliches Ost-West-Gefälle in der Zuschauer-Statistik ist nicht mehr zu verkennen. Um herauszufinden, was die Fans an der Rennstrecke anmacht, was sie vermissen und wie das Publikum überhaupt strukturiert ist, mischte sich MOTORRAD im vergangenen Herbst unters Volk. Rund 200 nach dem Zufallsprinzip ausgesuchte Rennbesucher zwischen 17 und 70 wurden beim Superbike-WM-Lauf in Assen, beim Langbahn-WM-Finale in Herxheim, beim 500er Moto Cross-GP in Gaildorf und beim Endlauf der Straßen-DM in Hockenheim spontan interviewt.Eine Frage lautete: »Fühlen Sie sich von der Veranstaltung gut unterhalten?« Insgesamt antworteten 86 Prozent mit ja - auf den ersten Blick ein positiver Wert. Der Grad der Zufriedenheit ist jedoch sehr unterschiedlich. Ein hervorragendes Zeugnis stellten die Bahnfans dem Rennen in Herxheim aus. Sport, Rahmenprogramm und Eintrittspreise gaben kaum Anlaß zur Kritik. Sehr niedrig war der Anteil der Motorradfahrer unter den Befragten, um so höher fiel dafür die Anzahl der Rennbesuche aus: Im Schnitt gingen die Fans im letzten Jahr mehr als zehnmal in ein Bahnstadion. Auch bei der Cross-WM in Gaildorf gab´s nicht viel zu meckern. Eine gut überschaubare Strecke, deutsche Spitzenfahrer als Sympathieträger und 27 Mark Eintritt inklusive Zugang zum Fahrerlager - das überzeugte. Ein Großteil der Befragten fährt selbst Motorrad. Drei Rennen werden im Schnitt pro Jahr besucht, wobei sich das Interesse nicht ausschließlich auf Moto Cross-Läufe beschränkt. Etwa die Hälfte der Interviewpartner kam aus der Region und nur zu dem einen Rennen in Gaildorf. Was dafür spricht, daß eine solche Veranstaltung auf dem Land ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis ist: Da geht man einfach hin. Viele Leute indentifizieren sich mit dem Veranstalter und haben großes Verständnis für den Arbeitsaufwand, den der lokale Club bei der Organisation bewältigen muß.Weniger positiv fielen die Kommentare bei dem von vielen deutschen Fans besuchten Superbike-WM-Lauf in Assen aus. Die Rennen kamen gut an. Außer Super Moto wurde aber keinerlei zusätzliche Unterhaltung geboten. Die Tickets - am Sonntag kosteten sie zwischen 30 und 50 Mark - waren daher vielen zu teuer. Der Schnitt der Rennbesuche pro Jahr liegt bei vier, zwei Drittel der Befragten sind Motorradfahrer.Genausoviel wie in Assen mußten die Besucher beim Hockenheimer Straßen-DM-Finale löhnen. Hier wurde das Preis-/Leistungsverhältnis allerdings positiv bewertet, denn das teure Ticket berechtigte immerhin auch zum Bummel durchs Fahrerlager. Prügel bezogen die Veranstalter jedoch für das nicht vorhandene Rahmenprogramm. »In den Pausen gibt es nicht einmal Musik«, monierte Andreas Illing, einer der gerade mal 6000 treuen Fans, die sich im weiten Rund des Motodroms verloren. Der 34jährige Buchhändler aus Heidelberg sehnte sich nach der heißen Super Moto-Show, die er im Mai an gleicher Stelle beim Superbike-WM-Lauf gesehen hatte. Als Motorradfahrer, der etwa drei Rennen pro Jahr besucht, verkörpert Andreas Illing im übrigen exakt den durchschnittlichen DM-Finale-Besucher.Daß dieses Rennen trotz des hohen sportlichen Werts sowenig Kundschaft anlockt, hängt auch damit zusammen, daß es wegen der begrenzten Anzahl der in Hockenheim erlaubten Groß-Veranstaltungen nicht beworben werden darf. Was sich prompt im Ergebnis von zwei weiteren Umfragen widerspiegelt, die MOTORRAD am Renntag bei beliebten Motorradtreffs im Einzugsgebiet des Hockenheimrings durchgeführt hat: am Marbachstausee im Odenwald und an der Stuttgarter Solitude. 72 Prozent der dort Befragten hatten von dem Renntermin keine Ahnung.Dabei ist das Interesse am Rennsport durchaus vorhanden. 60 Prozent der Motorradler fahren gelegentlich auf Veranstaltungen. Gar 96 Prozent schauen regelmäßig Motorradrennen im Fernsehen - ein nahezu identisches Umfrageergebnis wie an der Rennstrecke.Graben die immer umfangreicheren TV-Übertragungen also den Renn-Veranstaltern das Publikum ab? Hierin ist bestimmt eine Ursache für den Zuschauerschwund bei verschiedenen Rennen zu finden. Viele Fans vermissen draußen auf der Tribüne offenbar das besondere Erlebnis, mit dem sich der Rennbesuch von der Live-Übertragung in der Glotze unterscheidet. Fahrerlager- und Boxenbummel, Autogrammstunden, Großbild-Leinwand für den besseren Überblick, knackige Einlagen wie Super Moto sowie zünftige Feten auf dem Campingplatz lauten die am meisten genannten Stichpunkte. Einige der Befragten gaben auch unumwunden zu, daß sie ein Rennbesuch schlichtweg streßt: weite Anfahrt, Stau auf der Autobahn, zuviel Rummel am Rennplatz und obendrein geht noch eine Menge Geld dabei flöten - da machen sie sich lieber ein gemütliches Wochenende zu Hause.Nicht nur beim Hockenheimer DM-Finale mag mangels Zuschauermasse keine rechte Athmosphäre aufkommen. Auch die rund 25 000 Fans, die im letzten Jahr zum Superbike-WM-Lauf kamen, konnten im gewaltigen Motodrom-Stadion nur eine relativ spärliche Kulisse bilden. Und die Organisatoren trugen mit ihrem zuschauerfeindlichen Zeitplan maßgeblich zur zunächst sehr tristen Stimmung auf den Rängen bei. Das erste Rennen am Sonntag war gegen elf Uhr beendet, der erste Superbike-Heat folgte erst eine geschlagene Stunde später - dazwischen war absolut tote Hose. Begründet wurde die zähe Pause gleich zu Beginn des Renntags mit dem Hinweis, daß man ein Zeitpolster brauche, um die TV-Live-Übertragung nicht zu gefährden. Auch die Startprozedur der WM-Superbiker war ein Langweiler ersten Ranges. Rund 20 Minuten dauerte es, bis die Fahrer nach dem Verlassen der Box, einer Besichtigungs- sowie einer Einführungsrunde endlich ins Rennen gingen. Ob der zwischenzeitliche Stopp auf der Startgeraden, das Aufbocken der Maschinen, das Aufheizen der Reifen sowie eventuelle Feinabstimmungen wirklich noch sein müssen, sein dahingestellt. Hier sollten sich die Superbike-Stars und die Straßenfahrer generell mal ein Beispiel an ihren Kollegen aus anderen Disziplinen nehmen, die viel schneller in die Gänge kommen. Wie etwa die Moto Crosser, die auch bei den Grand Prix ohne viel Tamtam an die Startmaschine rollen und dabei zwischen Training und Rennen oft viel wechselhaftere Streckenverhältnisse vorfinden als die Asphalt-Ritter.Richtig Leben in die Bude kam in Hockenheim jedenfalls erst, als am frühen Nachmittag die Super Moto-Stars mit spektakulären Stunts Appetit auf ihr abendliches Abschlußrennen machten. In diesem Jahr sollen die Fans bei der deutschen Superbike-Runde am 8.Juni noch mehr Grund zum Feiern haben. Die ADAC-Zentrale in München hat die Rolle des Veranstalters übernommen und will das Rennen mit einem zuschauerfreundlichen Konzept kräftig aufpeppen. Dann soll schon am Samstag abend bei einem bunten Unterhaltungsprogramm im Motodrom die Post abgehen.Auch um den Nürburgring-Grand Prix wollen sich die ADAC-Mannen künftig intensiv kümmern. Der schlappe Patient soll wieder auf die Beine kommen. Wir sind gespannt, mit welcher Medizin.
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