Zweiradmechanikerausbildung in den USA (Archivversion)

Lernfabrik

Das Motorcycle Mechanics Institute in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona bildet angehende Motorrad-Mechaniker aus. Dort herrschen geradezu paradiesische Verhältnisse vor. Doch eine Haken hat die Sache: Die Ausbildung kostet einen Haufen Geld.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten macht seinem Namen zumindest in der Ausbildung von Motorradmechanikern alle Ehre. Wer in Deutschland eine hochwertige Berufsausbildung genießen möchte, braucht vor allen Dingen viel Glück bei der Wahl des Lehrbetriebs und der dazugehörigen Berufsschule. Häufig mangelt es einfach an modernem Lehrmaterial und geeigneten Anschauungs- und Übungsobjekten.Im sonnigen Phoenix gehen die Uhren ganz anders. Dort bietet das Motorcycle Mechanics Institute (MMI) traumhafte Voraussetzungen für eine umfassende Berufsausbildung. Die dort gebotene Ausrüstungs- und Angebotsfülle kann in Deutschland keine Ausbildungsstätte auch nur ansatzweise bieten. Auf 5400Quadratmetern findet sich alles, was ein Zweiradmechaniker in spe benötigt. Während deutsche Berufsschulen oft schon froh sind, wenn sie einige lauffähige Motorräder besitzen, hat das MMI einige hundert davon. Von der Motocross-Maschine über ATV bis zu Sportmaschinen und Tourern findet sich in den weitläufigen Hallen des MMI alles, was einen Lenker und einen Motor besitzt. Neben den japanischen Marken ist natürlich auch Harley-Davidson üppig vertreten. Damit aber nicht genug, Motoren, Getriebe und andere Einzelkomponenten sind ebenfalls in riesigen Mengen verfügbar. Ehemalige Ausstellungs-Schnittmodelle von Motorradherstellern wandern in den USA nicht auf den Schrott, sondern werden dem MMI als Schulungsmaterial zur Verfügung gestellt. Jeder Auszubildende kann im Unterricht an seinem eigenen Motorrad oder Bauteil herumschrauben. Niemand muß warten, bis ein anderer seinen Ausbildungsschritt abgeschlossen hat. Reparaturhandbücher und Ersatzteillisten der Hersteller ergänzen den Ausstattungsumfang. Während den Kursteilnehmern alle Spezialwerkzeuge gestellt werden, müssen sie das allgemeine Werkzeug selbst mitbringen. Wer noch keines hat, kann es über das MMI zu besonders günstigen Konditionen kaufen. Neben der Arbeit an Dreh- Fräs-, Bohr- und Zylinderhonmaschinen lernen die Studenten sogar an Zylinderkopf-Fließbänken die Strömungsverhältnisse eines Motors kennen. Auf zwei hochmodernen Dynojet-Rollenprüfständen schließlich wird die richtige Vorgehensweise bei Leistungsmessungen geschult und Fehlersuche betrieben. Damit der Lärm die anderen nicht stört, hat das MMI sie separat in aufwendigen Schallschutzkabinen untergebracht. Viele der 32 angebotenen Kurse werden in Abstimmung mit den Motorradherstellern festgelegt und sind in Amerika von staatlichen Stellen genauso anerkannt wie von den vier japanischen Marken und Harley-Davidson. Da es in den USA kein Berufsausbildungssystem wie in Deutschland gibt, sind bestandene MMI-Lehrgänge eine exzellente Visitenkarte für die Jobsuche. Jeden Tag wird fünf Stunden geschult. »Mehr«, so Lehrgangsleiter Dave Koshollek , »macht keinen Sinn. Versuche zeigten, daß eine Erhöhung der täglichen Ausbildungsstunden zu schlechteren Lernergebnissen führt. »Einschränkungen in der Ausbildungsqualität wollen wir nicht hinnehmen. Da unsere Schüler die Kurse selbst finanzieren müssen, erwarten sie zu Recht ein hochklassiges Ausbildungskonzept.« Damit spricht der Ausbilder den einzigen Knackpunkt dieses Angebots an. Die zwischen sechs und 69 Wochen dauernden Kurse kosten nämlich richtig Geld - zwischen 1125 und 13 875 Dollar (1600 bis 22 200). Nicht gerade ein Pappenstiel, denn dazu kommen noch die Kosten für ein Apartment, für das in Phoenix zwischen 225 und 400 Dollar pro Monat zu bezahlen sind. Nicht jeder kann diese Summen einfach von der Bank abheben. Doch die Staaten wären nicht die Staaten, wenn es keine Abhilfe gäbe. Für die, die sich ihren Lebensunterhalt und die Schulungskosten während des Lehrgangs selbst verdienen müssen, hat das MMI vorgesorgt. Es bietet jeden Tag drei Schulungsperioden an. Entweder von 7.00 bis 12.00, von 13.00 bis 18.00 oder von 18.30 bis 23.30 Uhr. »Wenn sich jemand Geld dazuverdienen muß, helfen wir natürlich bei der Jobsuche. Wir finden eigentlich immer eine Möglichkeit, sich ein paar Dollar dazu zu verdienen«, so Koshollek. Wenn das kein Service ist. Allerdings gilt dieses Angebot nur für Inländer oder Ausländer mit gültiger Arbeitserlaubnis. Wer das Lehrgeld aufbringen kann, die Kurse aber teilweise schwänzt, trifft im MMI auf wenig Verständnis. Es ist genau festgeschrieben, welche Abwesenheitszeiten toleriert werden und welche nicht. Wer faul ist, bekommt kein Abschlußzeugnis. Überhaupt scheint die MMI-Organisation bis ins kleinste durchdacht. Alle Gebäudeteile sind farblich einheitlich angestrichen, jeder Raum hat einen Namen, und jeder Werkzeugschrank ist beschriftet. Daß für die Spezialwerkzeuge ordentliche Haltetafeln vorhanden sind und alles sehr sauber und aufgeräumt ist, versteht sich von selbst. Die Lehrgänge sind genau strukturiert und laufen nach bewährtem Plan ab. Das Basisprogramm 310 für Motorrad-Mechaniker etwa umfaßt 975 Ausbildungsstunden, die in 39 Wochen absolviert werden. In diesem Programm werden die Grundlagen der Motorradtechnik vermittelt. Allein für den theoretischen Teil der Ausbildung sind 150 Stunden vorgesehen. Die praktischen Schulungen erfolgen in Laborräumen. Jedes der folgendenThemen wird jeweils drei Wochen lang geschult. - Kraftstoffaufbereitung und Vergasertechnik- Elektrik allgemein- Getriebe und Endantrieb- Fahrwerk und Federung- Mechanische Bearbeitung und der Gebrauch von Meßwerkzeugen- Fahrzeugelektrik- Motorradwartung- Fehlersuche und Geräuschanalyse- Leistungssteigerung an Zwei- und Viertaktmotoren. Bei dieser Aufzählung wird so manchem deutschen Lehrling das Wasser im Munde zusammenlaufen. Doch damit nicht genug: Wem dieses Programm zu allgemein ist, der kann sich auch markenspezifisch schulen lassen. Für Honda Motorräder werden Zwölf-Wochen-Kurse angeboten, sechs Wochen dauert die Spezialisierung auf Yamaha und Suzuki. Für Kawasaki wird das Ausbildungsprogramm derzeit erarbeitet.Am besten haben es die Harley-Davidson Fans, sie können sich ganz besonders spezialisieren. Sogar für alte Modelle werden Intensivkurse angeboten, denn in den USA gibt es auch eine agile Oldtimer-Szene, mit der sich später gutes Geld verdienen läßt. Knucklehead-, Flathead-, Panhead- und Shovelhead- Motoren werden im MMI genauso behandelt, wie neuere Sportster- und Evolution-Motoren. Das 150-Stunden Harley-Davidson Engine Rebuild & Performance Program dauert beispielsweise sechs Wochen und kostet 1195 Dollar. Der Kurs besteht aus vier Unterrichtsblöcken. Top End Rebuild, vom Kurbelgehäuse an aufwärts. Bottom End Rebuild: für alles, was sich im Kurbelgehäuse befindet, Performance Forum für die Leistungshungrigen und die Dynojet Clinic, in der die Teilnehmer alles erfahren, was mit Leistungsmessungen und Abstimmungen zusammenhängt. Bisher haben rund 9000 Teilnehmer die Kurse besucht. Zunehmend kommen auch Ausländer nach Phoenix oder Orlando in Florida, wo sich ein Zweiginstitut des MMI befindet. Wer gerne an Motorrädern herumschraubt, bereits brauchbare Englischkenntnisse besitzt, etwas Geld auf dem Konto hat und das riesige Freizeitangebot an den beiden Standorten einmal auskosten will, sollte über einen Lehrgang im Motorcycle Mechanics Institut intensiv nachdenken.Anschrift für nähere Auskünfte:Motorcycle Mechanics Institute2844 W. Deer Valley Rd., Phoenix, Arizona, USATelefon 001 800 528 7995.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote