Tagebuch Führerschein Klasse A

So laufen meine Motorrad-Fahrstunden

Volontärin Natalie Diedrichs macht ihren Führerschein Klasse A. Auf motorradonline.de berichtet sie über den Fortgang ihrer Ausbildung und wie ihre Motorrad-Fahrstunden laufen.
Volontärin Natalie Diedrichs macht ihren Führerschein Klasse A. Auf motorradonline.de berichtet sie über den Fortgang ihrer Ausbildung und wie ihre Motorrad-Fahrstunden laufen. Als Fahrschulmotorrad dient eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n. Natalie ist nur 1,53 Meter groß.Nach ein paar Trockenübungen darf ich die Kawa endlich einschalten. Erster Gang rein, langsam die Kupplung kommen lassen und losrollen. Rums, aus. Abgewürgt. Das war zu schnell.Erste Fahrübung für die Prüfung. „Slalom fährt man mit dem ganzen Körper“, erklärte Jenny, „Du musst die Hüften kreisen lassen und den Lenker mit deinen Händen drücken, damit du schön wedelst.“
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Endlich Motorrad fahren. Volontärin Natalie Diedrichs macht ihren Führerschein Klasse A. Auf motorradonline.de berichtet sie über den Fortgang ihrer Ausbildung und wie ihre Motorrad-Fahrstunden laufen.

Kupplung kommen lassen, Gas geben, Füße auf die Rasten – und alles bitte mit Gefühl. Motorrad-Praxisstunden sind wie Achterbahn Fahren, sowohl für den Kopf als auch für den Körper.

So ganz unvorbelastet bin ich ja nicht. Gut zwei Jahre ist es jetzt her, seitdem ich zum ersten Mal im Rahmen eines Motorrad-Schnupperkurses auf einem Bike saß. Eine Erinnerung, die mich seitdem nicht mehr loslassen will: der Fahrtwind, das völlig neue Gefühl von Geschwindigkeit, der Sound – all das waren Eindrücke, die ich seit zwei Jahren sehnlichst vermisse. Und das, obwohl ich sie nur einen Nachmittag lang auf einem alles andere als pittoresken Supermarkt-Parkplatz erleben durfte.

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Foto: Natalie Diedrichs
Als Fahrschulmotorrad dient eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n.
Als Fahrschulmotorrad dient eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n.

Wie es wohl wäre, wenn ich all das jeden Tag haben könnte? Eine Frage, die mich dazu bewegt hat, mir zum Start ins neue Jahr endlich auch mal einen guten Vorsatz zuzulegen: 2018 mache ich meinen Motorrad-Führerschein – jetzt oder nie! Tatsächlich habe ich mich Anfang Januar gleich in meiner Fahrschule um die Ecke angemeldet. Die dunklen Januartage verbrachte ich damit, die Theoriestunden „abzusitzen“ und den Stoff zu pauken.

Pünktlich zum Saisonstart spielt nun endlich das Wetter mit und wir können loslegen. Darf ich vorstellen: meine treue Gefährtin, die mich die kommenden Wochen durch emotionale und auch topographische Berge und Täler begleiten wird – eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n. Gemeinsam mit ihr und mit der Unterstützung meiner Fahrlehrerin Jenny will ich nun meinen Traum verwirklichen: endlich Motorradfahren!

Tag 1: Kuppeln, rollen, kippen

Morgens, halb 11 in Deutschland. Während sich andere vielleicht gerade noch genüsslich die letzten Krümel ihres Knoppers aus den Mundwinkeln wischten, hockte ich auf dem Sozius der Kawasaki und ließ mich von Jenny zu einem Parkplatz außerhalb von Stuttgart chauffieren. Ihr Credo: „So lange du die zehn Grundübungen nicht beherrschst, lasse ich dich nicht auf die Straße!“ Klingt vernünftig.

Das angesteuerte Ziel ist ganz offensichtlich ein Hotspot für Fahranfänger: Auf einen Blick sah ich zwei weitere Fahrschul-Motorräder, die bereits durch einen aufgebauten Slalom wedeln und zwei Fahrschul-Golfs, die gerade rückwärts einparken. Dazwischen springt eine Handvoll Fahrlehrer herum, die ihren Schützlingen per Kopfhörer und Mikrofon Anweisungen geben.

Foto: Natalie Diedrichs
Mit der Euro-Münze kann die Mindestprofiltiefe überprüft werden.
Mit der Euro-Münze kann die Mindestprofiltiefe überprüft werden.

Profiltiefe mit einer Euro-Münze ermitteln

Wir suchten uns erstmal ein schattiges Plätzchen am Rand und fingen ganz von vorne an: Ja, der Reflektor hinten ist vorhanden, nichts tropft und ein beherzter Tritt gegen den Reifen suggeriert zumindest grob einen adäquaten Luftdruck. Jenny fragte: „Hast du mal `nen Euro?“ Verwirrtes Schweigen. Dann gab sie mir einen cleveren Tipp: Der goldene Rand einer Euro-Münze ist genau 1,6 Millimeter breit – genauso viel Tiefe sollte das Reifenprofil mindestens haben.

Nach ein paar Trockenübungen darf ich die Kawa endlich einschalten. Mit den eigenen Händen am Lenker hört sich der Motorsound gleich doppelt so gut an! Erster Gang rein, langsam die Kupplung kommen lassen und losrollen. Rums, aus. Abgewürgt. Das war zu schnell.

„Das Bremsgefühl kommt mit der Zeit!“

Wieder den Startknopf drücken, Kupplung viel langsamer kommen lassen und tipp, tipp, tipp, die Maschine wurde zu schnell für meine Schrittchen. Jenny rief: „Kuppeln und bremsen!“ Mein Hirn übersetzte: „Beide Hebel an den Lenker. Und zwar mit Schmackes!“ Schwups, die Kawa stand wie eine Eins, ich dagegen eher so, wie eine Drei. „Das Bremsgefühl kommt mit der Zeit!“, motivierte mich Jenny und wies darauf hin, dass es auch noch eine Hinterradbremse gibt. Wie praktisch, die hätte ich ja fast vergessen.

So ging das Spielchen munter weiter: kuppeln, rollen, Tippel-Schritte, bis es nicht mehr ging, Füße hoch, Bremsen, Füße runter. Kuppeln, rums, aus. Kuppeln, Motor starten, rollen, lenken, kippen. Das war zu langsam. Wie gut, dass Jenny neben mir stand und mich mitsamt der Kawa auffängt. Ganz schön schwer, das Teil!

Langsam, aber sicher entwickelte ich ein rustikales Gefühl für Kupplung und Bremse. Dann lautete die Ansage: „Die Zeit ist um, wir fahren zurück. Also Motor aus und Seitenständer raus!“ Nach einer groß angelegten Suchaktion mit dem linken Fuß steht die ER-6n und ich merke, wie mein T-Shirt wieder einmal komplett durchnässt ist. „Ich sollte mir langsam wirklich mal Funktionswäsche zulegen“, geht mir so durch den Kopf, während wir zurück in den Kessel fahren.

Foto: Natalie Diedrichs
Das Gefühl für Bremse und Kupplung muss sich erst entwickeln.
Das Gefühl für Bremse und Kupplung muss sich erst entwickeln.

Tag 2: Umgefallen

Es ging alles ganz schnell: Wieder auf dem Parkplatz, angefahren, abgewürgt, umgekippt. Diesmal war Jenny leider nicht in Reichweite. Und da lag ich nun zwischen der ER-6n und dem Asphalt. Gar nicht so bequem. Aber was macht ein Motorradfahrer, wenn er liegt? Genau, wieder aufstehen.

Jenny half beim Aufrichten und begutachtete die leicht lädierte Kawasaki: Der linke Seitenspiegel war etwas locker, die Außenverkleidung verschrammt und leicht verbogen. Und ich offenbar Käse-weiß. „Kein Problem“, ermunterte mich Jenny, „dafür ist sie ja ein Fahrschul-Motorrad geworden. Willste wieder drauf?“ – „Ist der Papst katholisch?“, dachte ich mir.

Nein, diese Situation sollte in meinem Kopf nicht zum Trauma-Erlebnis reifen. Nach gefühlten 30 Sekunden saß ich wieder auf dem Bike, startete und fuhr einfach. Hoch in den zweiten Gang, ein paar Runden um den Parkplatz drehen. Puh. Während ich die Gerade entlang raste (25 km/h), ging der Puls allmählich wieder herunter. „Das Fahren beruhigt dich“, therapierte ich mich selbst, „das ist doch ein gutes Zeichen!“

Zu kurze Beine

Aber dann sollte ich wieder anhalten. In meinem Kopf spukte der Gedanke: „Mit deinen 1,53 Metern bist du eigentlich echt klein.“ Wie hieß das nochmal? Selbsterfüllende Prophezeiung? Mein Anhalten entwickelte sich zu einem wackeligen Motorrad-Tanz, weil beide Beine gleichzeitig nicht so recht Halt spenden wollten. Aber Jenny war da und fing mich mal wieder auf.

„Bist halt echt klein. So wie ich“, lächelte mich die 1,59 Meter große Frau an. „Das schaffen wir schon!“ Sie empfahl mir, von nun an immer meinen „Schokoladenfuß“ (der linke) aufzusetzen und das Motorrad leicht zu kippen. Es gibt für alles eine Lösung.

Foto: Natalie Diedrichs
Die Slalomfahrt ist prüfungsrelevant.
Die Slalomfahrt ist prüfungsrelevant.

Tag 3: Slalom fahren

Habe mir einen Glücks-Euro zugelegt, der nun bis zum Ende der Motorradausbildung in meiner Jackentasche bleibt. Und falls mich der Prüfer nach der richtigen Profiltiefe der Reifen fragt, kann ich glänzen!

Ich spielte mit dem Euro in der Tasche herum, während Jenny den Slalom aufbaute. Erste Fahrübung für die Prüfung. „Slalom fährt man mit dem ganzen Körper“, erklärte Jenny, „Du musst die Hüften kreisen lassen und den Lenker mit deinen Händen drücken, damit du schön wedelst.“ Na toll. Tanzen. Auf dem Motorrad.

Im ersten Durchlauf tuckerte ich Shakiras „Whenever, whereever“ summend gemächlich im ersten Gang durch die Hütchen. Schon kam der Funkspruch: „Das geht schneller! In der Prüfung musst du es mit 30 km/h schaffen!“ Zweiter Versuch, zweiter Gang, kurzer Blick auf den Tacho. „Geht der richtig? DAS sind 30?“ Ich dachte an die Isle of Men und an die dort gefahrenen Geschwindigkeiten, von denen sie letztens in dieser Doku berichtet hatten. „Die haben doch allesamt `nen Schaden!“

Wie bei der Tourist Trophy

Mein Gedankenkarussell hinderte mich daran, rechtzeitig in den Slalom einzubiegen. Ich fuhr außen dran vorbei und setzte zu einem neuen Versuch an. Dann beschleunigte ich mit dem Gefühl, künftige Anwärterin der Tourist-Trophy zu sein, auf halsbrecherische 30 km/h und fuhr durch den Slalom.

„Noch mehr wedeln!“, funkte Jenny mir zu. Lenken, Hüften schwingen, Gas geben – so viel auf einmal. Nach fünf weiteren Versuchen war Jenny immer noch nicht ganz zufrieden, sagte aber: „So, einmal noch! Den Rest üben wir nächstes Mal.“ Bereits in Feierabendstimmung setzte ich erneut an und hatte schon den Kopf abgeschaltet. Und auf einmal flutschte es. Jenny, die zwischendurch ein paar Videos von meinen Läufen gemacht hatte, nahm verdutzt das Smartphone runter: „Na hoppla, was war denn das? Das sah super aus!“ Ein bisschen weniger Nachdenken schadet also nicht.

Die Slalomfahrt ist prüfungsrelevant.

Tag 4: Gefahrenbremsung

Einen Tag Pause gehabt und währenddessen einen fiesen Muskelkater in den Unterarmen gespürt. Kupplung und Handbremse – wer braucht da schon Hanteln? Nun also wieder ab auf den Parkplatz, diesmal bei lauschigen 29 Grad. Und nein, Funktionsunterwäsche habe ich mir immer noch nicht gekauft. Verdammt! Während ich also noch vor den Fahrübungen in der Sonne zerfließe, sagt mir Jenny, dass wir später mal die Gefahrenbremsung ausprobieren. Jetzt soll ich mich aber zunächst warm fahren (Ha. Ha.) und noch mal den Slalom üben.

„Knall die Bremsen mal etwas härter rein!“

Also Zündung einschalten, Kupplung ziehen, Motor starten und anfahren. Noch während ich ein paar Runden drehe, bemerke ich eine Veränderung an meinem Fahrverhalten: Ich denke gar nicht mehr nach. Bremsen, kuppeln, hochschalten, runterschalten, Gas geben – all das macht mein Körper nun schon, ohne dass ich mich panisch frage, ob hochziehen jetzt auch hochschalten war und umgekehrt. Auf der Sitzbank der Kawasaki fühlt es sich schon irgendwie vertraut an. Wahnsinn, das macht Spaß!

Auch mit dem Slalom scheint Jenny zufrieden zu sein. Ich durchfahre ihn viermal mit schwingenden Hüften und sie lobt mich. Dann baut sie mit den Pylonen ein Rechteck auf: „Versuch mal, dort zu bremsen!“ Ich fahre an, bremse und stehe. „Das war schon mal gut! Und jetzt knall‘ die Bremsen mal etwas härter rein!“

Also hole ich Schwung, beschleunige bis 30 km/h, ziehe und trete die Bremsen mit Schmackes. Die Kawasaki taumelt, ich fange sie gerade noch mit dem rechten Fuß ab. Jenny sagt: „Du musst die Arme locker lassen, den Blick aufrecht halten und die Knie an das Bike pressen, damit du nicht vorne rüber fliegst.“

Das ABS regelt zum ersten Mal

Nächster Versuch: Ich fahre an, sortiere sämtliche Gliedmaßen, hau die Bremsen rein und spüre zum ersten Mal, wie das ABS regelt, bis die Kawasaki leise hüstelt und der Motor verstummt, noch bevor ich stehe. Ups. Jetzt habe ich die Kupplung ganz vergessen. Jenny aber scheint zumindest teilweise zufrieden zu sein: „Deine Körperhaltung war jetzt aber besser!“

Und so bremse ich und bremse und bremse. Nie ist es perfekt. Mal sind meine Arme zu verkrampft, mal schaue ich nicht weit genug nach oben. Dann kippt mir die Kawasaki im Stand fast um, dann vergesse ich wieder die Kupplung. Mein Kopf wummert. Fast bin ich froh, als Jenny sagt, dass es nun Zeit ist, zurückzufahren. Wieder in der Fahrschule schäle ich mich aus meiner Goretex-Kombi. Mein grau-meliertes Shirt ist nun schwarz, ich kann es auswringen. Ich brauche dringend eine Dusche.

Tag 5: Kreisfahren

Eineinhalb Wochen war Pause, nun geht es weiter. Zum Eingrooven geht’s erst mal durch den Slalom, der sich inzwischen zu meiner Lieblingsübung gemausert hat. Drei hüftenschwingende Durchgänge lang genieße ich den Fahrtwind, im Anschluss steht wieder Gefahrenbremsung auf dem Programm – die mag ich weniger. Denn meinem Bremsverhalten fehlt der letzte Schliff: „Du musst sie härter reinhauen!“, funkt Jenny mir zu. Doch so viel ich auch bremse, noch immer ist es nicht so richtig perfekt. Das ABS regelt, aber entweder sind meine Knie nicht eng genug angezogen oder ich kippe zur Seite, weil der Lenker nicht zu 100 Prozent gerade steht. Es ist zum Mäusemelken.

Jenny merkt, dass ich etwas angenervt bin. Schon kommt der Funkspruch: „Als Nächstes möchte ich, dass du um mich herum fährst und mich dabei anguckst!“ Kreisfahren. Die dritte prüfungsrelevante Übung. Die Straße ist leicht abschüssig, links und rechts von mir ist Waldrand. Ich bin im ersten Gang, ziehe die Kupplung und lenke stark nach links ein. „Guck mich an, guck mich an, GUCK MICH AN!“, ruft Jenny. Ich fahre einen Halbkreis und sobald ich meine Fahrlehrerin nicht mehr fokussiere, will die Kawasaki sofort Richtung Botanik.

Blickführung ist wie Magie

Aber es ist so ungewohnt, nicht geradeaus nach vorne zu schauen, sondern den Kopf ganz weit nach links zu drehen, während ich fahre. „Gleich liegst du, gleich liegst du“, geht es mir panisch durch den Kopf. Ich liege nicht. Blickführung ist wie Magie. Wir wiederholen das Spielchen ein paar Mal, aber ich bin ängstlich und fahre zu langsam. Die Kreiselkräfte wirken nicht und ich schaffe es nicht, meinen linken Arm durchzudrücken. Ich muss mich nochmal korrigieren: Im Gegensatz zum Kreisfahren ist die Gefahrenbremse ein Klacks.

Zum ersten Mal zweifele ich an mir selbst. Während ich den Helm abnehme, frage ich Jenny langsam: „Ich schaffe den Führerschein doch, oder?“ Eigentlich ist es mehr eine Frage an mich selbst. Wie soll ich jemals perfekt auf den Punkt bremsen? Wie soll ich schnell im Kreis fahren, damit ich den linken Arm durchdrücken kann? Vielleicht bin ich einfach nicht dafür gemacht. Meine Knie werden weich.  „Natürlich schaffst du das!“, sagt Jenny in einem Ton, als würde sie über das Wetter plaudern. Ich schöpfe neuen Mut. Nur nicht aufgeben.

Volontärin Natalie Diedrichs macht momentan den Motorradführerschein. Im Tagebuch berichtet sie über den Verlauf der Ausbildung. Am fünften Tag stand die Gefahrenbremsung auf dem Programm.

Tag 6: Fahrschul- und Motorradwechsel

Nach einer langen Pause geht es weiter. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Um es kurz zu machen: Meine Kawasaki ist nicht mehr da und ihr Ersatz war leider zu hoch für mich. Deshalb musste ich mir eine neue Fahrschule suchen. Eine schwierige Angelegenheit für Menschen, die kleiner als 1,55 Meter sind. Viele Fahrschulen werben zwar damit, dass sie tiefergelegte Maschinen im Fuhrpark haben. Nur sind diese leider oft nicht tief genug, wenn man sich dann draufhockt.  

Nach vielen missglückten Sitzproben bin ich schließlich bei der Fahrschule Arenz in Ostfildern fündig geworden. Die haben nämlich als einzige Fahrschule in einem für mich erreichbaren Radius eine Honda CMX 500 Rebel im Repertoire. Für kompakt geratene FahranfängerInnen ist das meiner Meinung nach eine perfekte Wahl: Ich komme mit beiden Füßen ganz locker auf den Boden, weil die Sitzhöhe nur 69 Zentimeter beträgt. Und für einen Cruiser-Chopper-Mix ist sie erstaunlich agil.

Von „A“ runter auf „A2“

Der einzige Haken: Die Rebel hat „nur“ 46 PS, also 34 kW. Wer auf ihr den Führerschein macht, erhält nur die A2-Qualifikation, nicht aber den „großen“, unbeschränkten A-Führerschein. Denn dazu sind mindestens 35 kW nötig. Möchte ich den A-Führerschein erhalten, muss ich also nach zwei Jahren als A2-Fahrerin erneut eine praktische Führerscheinprüfung ablegen. Man nennt das auch „Stufenführerschein“. Ärgerlich, das hätte ich mir mit der Klasse A sparen können. Aber leider gibt es für mich keine Alternative.

Das „Herunterstufen“ von A auf A2 ist aus behördlicher Sicht kein Problem. „Runter geht’s immer“, lautete der Kommentar der Sachbearbeiterin auf der Zulassungsstelle. So kostete es mich 35 Minuten Wartezeit und 15 Euro Bearbeitungsgebühr und schon war ich wieder startklar. Das „Hochstufen“ wäre da wesentlich komplizierter geworden, hieß es.

Foto: Natalie Diedrichs
Neues Fahrschulmotorrad: Honda Rebel
Neues Fahrschulmotorrad: Honda Rebel

Tag 7: Erstmal die Rebel beschnuppern

Neuer Fahrlehrer, neues Bike, neue Umgebung. Von nun an geht es nicht mehr auf den Parkplatz, sondern ins Industriegebiet. In der ersten Stunde nach dem Wechsel lassen mein neuer Fahrlehrer Mario und ich es ganz locker angehen: Erstmal draufhocken an die Rebel gewöhnen. Kupplung langsam kommen lassen und rollen. Anhalten. Füße raus und mit Erstaunen feststellen, dass ich einen festen Stand habe.

Gerade am Anfang ist das ein riesiger Vorteil, wenn man sich mit allem anderen noch unsicher ist. Deshalb lautet mein ganz persönlicher Tipp: Sucht euch ein Fahrschul-Bike, das perfekt passt. Macht da keine Kompromisse und hört nicht auf Sätze wie „Das passt schon irgendwie!“. Wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr unsicher seid, wenn ihr anhalten oder anfahren müsst, dann besser Finger weg von dem Bike.

Trotzdem ist es anfangs recht ungewohnt, plötzlich auf einer anderen Maschine zu sitzen. Bauartbedingt befinden sich die Fußrasten, Schalthebel und Hinterradbremse bei der Honda an einer anderen Position als bei der Kawasaki. Sie sind nun viel weiter vorn und auch sonst hocke ich ganz anders auf dem Motorrad. So war die erste Fahrstunde erst mal nur ein gegenseitiges Beschnuppern. Marios Devise: „Bitte lächeln!“ Noch etwas nervös ziehe ich die Mundwinkel nach oben. Endlich geht es weiter.

Tag 8: Kreisfahren und Gefahrenbremse die Zweite!

Wir wiederholen die Fahrübungen. Bei Mario beginne ich mit dem Kreisfahren. Allerdings erstmal nur ohne Gas zu geben, Schritt für Schritt. Also lasse ich die Kupplung heraus, lenke in dem Winkel ein, der für die Kreisbahn angemessen ist und lasse die Rebel den Rest machen. Das klingt so kinderleicht, aber es kostet mich anfangs große Überwindung. Ich habe ständig das Gefühl, umzukippen. Mario macht kurzen Prozess, schwingt sich selbst auf das Bike, lässt mich hinten drauf sitzen und fährt gemeinsam mit mir im Kreis: „Siehst du“, sagt er, „selbst mit zwei Leuten drauf macht die Rebel das ganz locker. Du musst keine Angst haben.“ Er hat Recht. Wenn man es kann, ist alles halb so schlimm.

Neue Position des Schalthebels

Nach dem Kreisfahren trainiere ich das Schalten. An die neue Position des Schalthebels muss ich mich erst noch gewöhnen. Die ersten Male verheddere ich mich ein bisschen mit dem Motorradstiefel. Das sieht nicht gerade elegant aus, macht aber nichts. Nach ein paar Wiederholungen gewöhne ich mich dran und schalte bis in den dritten Gang.

Weiter geht es mit der Gefahrenbremse. Damit ich ein Gefühl für beide Bremsen erhalte, lässt Mario mich zuerst mit der Hinterradbremse und dann mit der Vorderradbremse voll bremsen. Ein ganz schöner Unterschied. Wenn ich nur mit der Hinterradbremse verzögere, dauert es ewig, bis das Motorrad steht. Nur mit der Vorderradbremse geht es zügiger. Als Letztes packe ich beide zusammen und bremse aus Tempo 50 voll. Ich blicke weit nach vorne und stehe. Nach drei Versuchen passt es. Mario ist zufrieden.

Foto: Natalie Diedrichs

Tag 9: Slalom und Ausweichen auf der Rebel

Heute bauen wir zum ersten Mal den Slalom auf. Okay, Mario baut ihn auf, während ich mich auf der Rebel „warmfahre“. Ganz ehrlich? Ich liebe dieses Motorrad. Es ist so ein herrliches Gefühl, beide Füße fest auf dem Boden zu haben, wenn man anhält. Größere Biker werden jetzt vielleicht die Stirn runzeln, weil sie das für selbstverständlich halten. Ist es aber nicht. Umso schöner ist es, dieses Motorrad gefunden zu haben.

Es wird wieder ernst. Ich fahre mit 30 km/h auf den Slalom zu, weiche als Erstes nach rechts aus und versuche mich, durch die Hütchen zu hangeln. Hui, das ist irgendwie ganz anders als mit der Kawasaki früher. Beim letzten Hütchen ist mein Tempo auf 20 km/h abgesackt, irgendwie gelingt es mir anfangs nicht, die Geschwindigkeit zu halten. Ich wünsche mir einen Tempomaten. Mario gibt mir den Tipp, ganz leicht mit dem rechten Handballen gegen den Gasdrehgriff zu drücken, wenn ich mein Wunschtempo erreicht habe: „Deine Hand ist dein Tempomat.“ Nach ein paar Versuchen klappt es, auch wenn ich zunächst skeptisch bin: „War das von Schräglage her okay?“, frage ich ungläubig. „Absolut“, sagt Mario und zeigt mir Beweisfotos.

Kuppeln, Gas wegnehmen, drücken, schwingen, Fragezeichen

Heute machen wir Nägel mit Köpfen. Der Slalom sitzt und Mario stellt die Hütchen für die Ausweichübung in die richtige Position. Zunächst mal ohne vorheriges Bremsen. Er diktiert mir die Aufgabe: Bis Tempo 50 Beschleunigen, Gas wegnehmen und gleichzeitig die Kupplung ziehen, rechts am ersten Hütchen vorbei, dann die Maschine nach links drücken und nach dem Ausweichen um das zweite Hütchen wieder in die ursprüngliche Fahrspur zurückschwingen.

Dann sieht er die Fragezeichen auf meiner Stirn. Mit einer Geste deutet er an, dass ich nach hinten rutschen soll. Er schwingt sich auf das Motorrad und zeigt mir, wie es geht, indem er die Übung selbst fährt. Mit mir hinten drauf. Aha, so also! Dann bin ich dran. Mario ist zufrieden, aber ich könnte noch ein bisschen schneller sein. Außerdem sagt er mir per Funk vor, zu welchem Zeitpunkt ich kuppeln und Gas wegnehmen soll. Das muss ich in der Prüfung allein schaffen. „Aber das kriegst du ganz schnell raus“, sagt er und macht mir Mut.

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