Tagebuch Führerscheinausbildung Klasse A

So laufen meine Motorrad-Fahrstunden

Volontärin Natalie Diedrichs macht ihren Führerschein Klasse A. Auf motorradonline.de berichtet sie über den Fortgang ihrer Ausbildung und wie ihre Motorrad-Fahrstunden laufen.
Volontärin Natalie Diedrichs macht ihren Führerschein Klasse A. Auf motorradonline.de berichtet sie über den Fortgang ihrer Ausbildung und wie ihre Motorrad-Fahrstunden laufen. Als Fahrschulmotorrad dient eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n. Natalie ist nur 1,53 Meter groß.Nach ein paar Trockenübungen darf ich die Kawa endlich einschalten. Erster Gang rein, langsam die Kupplung kommen lassen und losrollen. Rums, aus. Abgewürgt. Das war zu schnell.Erste Fahrübung für die Prüfung. „Slalom fährt man mit dem ganzen Körper“, erklärte Jenny, „Du musst die Hüften kreisen lassen und den Lenker mit deinen Händen drücken, damit du schön wedelst.“
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Endlich Motorrad fahren. Volontärin Natalie Diedrichs macht ihren Führerschein Klasse A. Auf motorradonline.de berichtet sie über den Fortgang ihrer Ausbildung und wie ihre Motorrad-Fahrstunden laufen.

Kupplung kommen lassen, Gas geben, Füße auf die Rasten – und alles bitte mit Gefühl. Motorrad-Praxisstunden sind wie Achterbahn Fahren, sowohl für den Kopf als auch für den Körper.

So ganz unvorbelastet bin ich ja nicht. Gut zwei Jahre ist es jetzt her, seitdem ich zum ersten Mal im Rahmen eines Motorrad-Schnupperkurses auf einem Bike saß. Eine Erinnerung, die mich seitdem nicht mehr loslassen will: der Fahrtwind, das völlig neue Gefühl von Geschwindigkeit, der Sound – all das waren Eindrücke, die ich seit zwei Jahren sehnlichst vermisse. Und das, obwohl ich sie nur einen Nachmittag lang auf einem alles andere als pittoresken Supermarkt-Parkplatz erleben durfte.

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Foto: Natalie Diedrichs
Als Fahrschulmotorrad dient eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n.
Als Fahrschulmotorrad dient eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n.

Wie es wohl wäre, wenn ich all das jeden Tag haben könnte? Eine Frage, die mich dazu bewegt hat, mir zum Start ins neue Jahr endlich auch mal einen guten Vorsatz zuzulegen: 2018 mache ich meinen Motorrad-Führerschein – jetzt oder nie! Tatsächlich habe ich mich Anfang Januar gleich in meiner Fahrschule um die Ecke angemeldet. Die dunklen Januartage verbrachte ich damit, die Theoriestunden „abzusitzen“ und den Stoff zu pauken.

Pünktlich zum Saisonstart spielt nun endlich das Wetter mit und wir können loslegen. Darf ich vorstellen: meine treue Gefährtin, die mich die kommenden Wochen durch emotionale und auch topographische Berge und Täler begleiten wird – eine tiefergelegte Kawasaki ER-6n. Gemeinsam mit ihr und mit der Unterstützung meiner Fahrlehrerin Jenny will ich nun meinen Traum verwirklichen: endlich Motorradfahren!

Tag 1: Kuppeln, rollen, kippen

Morgens, halb 11 in Deutschland. Während sich andere vielleicht gerade noch genüsslich die letzten Krümel ihres Knoppers aus den Mundwinkeln wischten, hockte ich auf dem Sozius der Kawasaki und ließ mich von Jenny zu einem Parkplatz außerhalb von Stuttgart chauffieren. Ihr Credo: „So lange du die zehn Grundübungen nicht beherrschst, lasse ich dich nicht auf die Straße!“ Klingt vernünftig.

Das angesteuerte Ziel ist ganz offensichtlich ein Hotspot für Fahranfänger: Auf einen Blick sah ich zwei weitere Fahrschul-Motorräder, die bereits durch einen aufgebauten Slalom wedeln und zwei Fahrschul-Golfs, die gerade rückwärts einparken. Dazwischen springt eine Handvoll Fahrlehrer herum, die ihren Schützlingen per Kopfhörer und Mikrofon Anweisungen geben.

Foto: Natalie Diedrichs
Mit der Euro-Münze kann die Mindestprofiltiefe überprüft werden.
Mit der Euro-Münze kann die Mindestprofiltiefe überprüft werden.

Profiltiefe mit einer Euro-Münze ermitteln

Wir suchten uns erstmal ein schattiges Plätzchen am Rand und fingen ganz von vorne an: Ja, der Reflektor hinten ist vorhanden, nichts tropft und ein beherzter Tritt gegen den Reifen suggeriert zumindest grob einen adäquaten Luftdruck. Jenny fragte: „Hast du mal `nen Euro?“ Verwirrtes Schweigen. Dann gab sie mir einen cleveren Tipp: Der goldene Rand einer Euro-Münze ist genau 1,6 Millimeter breit – genauso viel Tiefe sollte das Reifenprofil mindestens haben.

Nach ein paar Trockenübungen darf ich die Kawa endlich einschalten. Mit den eigenen Händen am Lenker hört sich der Motorsound gleich doppelt so gut an! Erster Gang rein, langsam die Kupplung kommen lassen und losrollen. Rums, aus. Abgewürgt. Das war zu schnell.

„Das Bremsgefühl kommt mit der Zeit!“

Wieder den Startknopf drücken, Kupplung viel langsamer kommen lassen und tipp, tipp, tipp, die Maschine wurde zu schnell für meine Schrittchen. Jenny rief: „Kuppeln und bremsen!“ Mein Hirn übersetzte: „Beide Hebel an den Lenker. Und zwar mit Schmackes!“ Schwups, die Kawa stand wie eine Eins, ich dagegen eher so, wie eine Drei. „Das Bremsgefühl kommt mit der Zeit!“, motivierte mich Jenny und wies darauf hin, dass es auch noch eine Hinterradbremse gibt. Wie praktisch, die hätte ich ja fast vergessen.

So ging das Spielchen munter weiter: kuppeln, rollen, Tippel-Schritte, bis es nicht mehr ging, Füße hoch, Bremsen, Füße runter. Kuppeln, rums, aus. Kuppeln, Motor starten, rollen, lenken, kippen. Das war zu langsam. Wie gut, dass Jenny neben mir stand und mich mitsamt der Kawa auffängt. Ganz schön schwer, das Teil!

Langsam, aber sicher entwickelte ich ein rustikales Gefühl für Kupplung und Bremse. Dann lautete die Ansage: „Die Zeit ist um, wir fahren zurück. Also Motor aus und Seitenständer raus!“ Nach einer groß angelegten Suchaktion mit dem linken Fuß steht die ER-6n wieder und ich merke, wie mein T-Shirt wieder einmal komplett durchnässt ist. „Ich sollte mir langsam wirklich mal Funktionswäsche zulegen“, geht mir so durch den Kopf, während wir zurück in den Kessel fahren.

Foto: Natalie Diedrichs
Das Gefühl für Bremse und Kupplung muss sich erst entwickeln.
Das Gefühl für Bremse und Kupplung muss sich erst entwickeln.

Tag 2: Umgefallen

Es ging alles ganz schnell: Wieder auf dem Parkplatz, angefahren, abgewürgt, umgekippt. Diesmal war Jenny leider nicht in Reichweite. Und da lag ich nun zwischen der ER-6n und dem Asphalt. Gar nicht so bequem. Aber was macht ein Motorradfahrer, wenn er liegt? Genau, wieder aufstehen.

Jenny half beim Aufrichten und begutachtete die leicht lädierte Kawasaki: Der linke Seitenspiegel war etwas locker, die Außenverkleidung verschrammt und leicht verbogen. Und ich offenbar Käse-weiß. „Kein Problem“, ermunterte mich Jenny, „dafür ist sie ja ein Fahrschul-Motorrad geworden. Willst wieder drauf?“ – „Ist der Papst katholisch?“, dachte ich mir.

Nein, diese Situation sollte in meinem Kopf nicht zum Trauma-Erlebnis reifen. Nach gefühlten 30 Sekunden saß ich wieder auf dem Bike, startete und fuhr einfach. Hoch in den zweiten Gang, ein paar Runden um den Parkplatz drehen. Puh. Während ich die Gerade entlang raste (25 km/h), ging der Puls allmählich wieder herunter. „Das Fahren beruhigt dich“, therapierte ich mich selbst, „das ist doch ein gutes Zeichen!“

Zu kurze Beine

Aber dann sollte ich wieder anhalten. In meinem Kopf spukte der Gedanke: „Mit deinen 1,53 Metern bist du eigentlich echt klein.“ Wie hieß das nochmal? Selbsterfüllende Prophezeiung? Mein Anhalten entwickelte sich zu einem wackeligen Motorrad-Tanz, weil beide Beine gleichzeitig nicht so recht Halt spenden wollten. Aber Jenny war da und fing mich mal wieder auf.

„Bist halt echt klein. So wie ich“, lächelte mich die 1,59 Meter große Frau an. „Das schaffen wir schon!“ Sie empfahl mir, von nun an immer meinen „Schokoladenfuß“ (der linke) aufzusetzen und das Motorrad leicht zu kippen. Es gibt für alles eine Lösung.

Foto: Natalie Diedrichs
Die Slalomfahrt ist prüfungsrelevant.
Die Slalomfahrt ist prüfungsrelevant.

Tag 3: Slalom fahren

Habe mir einen Glücks-Euro zugelegt, der nun bis zum Ende der Motorradausbildung in meiner Jackentasche bleibt. Und falls mich der Prüfer nach der richtigen Profiltiefe der Reifen fragt, kann ich glänzen!

Ich spielte mit dem Euro in der Tasche herum, während Jenny den Slalom aufbaute. Erste Fahrübung für die Prüfung. „Slalom fährt man mit dem ganzen Körper“, erklärte Jenny, „Du musst die Hüften kreisen lassen und den Lenker mit deinen Händen drücken, damit du schön wedelst.“ Na toll. Tanzen. Auf dem Motorrad.

Im ersten Durchlauf tuckerte ich Shakiras „Whenever, whereever“ summend gemächlich im ersten Gang durch die Hütchen. Schon kam der Funkspruch: „Das geht schneller! In der Prüfung musst du es mit 30 km/h schaffen!“ Zweiter Versuch, zweiter Gang, kurzer Blick auf den Tacho. „Geht der richtig? DAS sind 30?“ Ich dachte an die Isle of Men und an die dort gefahrenen Geschwindigkeiten, von denen sie letztens in dieser Doku berichtet hatten. „Die haben doch allesamt `nen Schaden!“

Die Slalomfahrt ist prüfungsrelevant.

Wie bei der Tourist Trophy

Mein Gedankenkarussell hinderte mich daran, rechtzeitig in den Slalom einzubiegen. Ich fuhr außen dran vorbei und setzte zu einem neuen Versuch an. Dann beschleunigte ich mit dem Gefühl, künftige Anwärterin der Tourist-Trophy zu sein, auf halsbrecherische 30 km/h und fuhr durch den Slalom.

„Noch mehr wedeln!“, funkte Jenny mir zu. Lenken, Hüften schwingen, Gas geben – so viel auf einmal. Nach fünf weiteren Versuchen war Jenny immer noch nicht ganz zufrieden, sagte aber: „So, einmal noch! Den Rest üben wir nächstes Mal.“ Bereits in Feierabendstimmung setzte ich erneut an und hatte schon den Kopf abgeschaltet. Und auf einmal flutschte es. Jenny, die zwischendurch ein paar Videos von meinen Läufen gemacht hatte, nahm verdutzt das Smartphone runter: „Na hoppla, was war denn das? Das sah super aus!“ Ein bisschen weniger Nachdenken schadet also nicht.

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