Mit Africa Twins auf den Ojos del Salado

Rekordversuch

Mission: Von null auf 6.000 Höhenmeter in 24 Stunden. Die ganze Geschichte lest ihr in MOTORRAD 7/2017 (ab 17. März am Kiosk) und MOTORRAD 8/2017 (ab 31. März am Kiosk).
Bei so einer Challenge sind Ausfälle vorprogrammiert. Wen es außer dem Reifen noch erwischt hat, lest ihr in MOTORRAD 7/2017 und 8/2017.Die Einsatz-Maschinen: Honda Africa Twins.Die Begleitfahrzeuge von Metzeler und HRC Honda.Die Hotels.15 Bilder

Der Nevado Ojos del Salado. 6893 Meter hoch. Die Destination im Norden von Chile für Rekordjäger aus aller Welt. Auch wir wollen es wagen. Unser Ziel: innerhalb von 24 Stunden vom Pazifik auf 6000 Meter aufzusteigen.

Wo schafft man es, innerhalb kürzester Zeit und vergleichsweise weniger Hundert Kilometer richtig Höhe zu machen? Möglich ist das eigentlich nur im sogenannten Kleinen Norden von Chile. Unsere Route für die Höhenrekordfahrt startet an der Pazifikküste südlich vom Badeort Bahía Inglesa und zieht sich über die 118.000-Einwohner-Stadt Copiapó auf dem Highway 31 rauf zur Laguna Verde auf über 4300 Metern. Rund 70 Kilometer vor der Grenze nach Argentinien geht es dann rein ins unbefestigte Gelände. Zwei Schutzhütten, das Refugio Atacama (5230 m) und ­das Refugio Tejos (5837 m), dienen uns als Fix- und Orientierungspunkte, um der Vulkanspitze des Nevado Ojos del Salado so nahe wie möglich zu kommen.

So viel zu den Fakten. Nun zu unserem Ausgangspunkt: Ein meterhohes, verwittertes Stahlkreuz markiert das Ende. Riesige Wellen tosen an die felsige Steilküste, gierig saugen wir die salzige Seeluft tief in unsere Lungen hinein. Unfassbar, wie sehr wir plötzlich den Sauerstoff schmecken, ja regelrecht genießen können. Was für ein kostbarer Moment! Nach den Tagen in den einsamen und staubtrockenen Höhen der Atacama können wir uns an diesem gewaltigen Naturspektakel am Pazifik nicht sattsehen. Wenn es einen perfekten Startpunkt für unsere Challenge „Von null auf 6000“ gibt, dann ist er genau hier. Dramatischer kann unser 24-Stunden-Run auf den Ojos del Salado eigentlich nicht eingeläutet werden.

Bildergalerie: MOTORRAD-Challenge: Climbing nevado Ojos del Salado.
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Die Sonne steht steil über uns, inzwischen ist es eins durch, es wird Zeit. Viel zu bereden gibt es jetzt nicht mehr, wir nicken uns gegenseitig aufmunternd zu, dann starten wir die Bikes und geben den Twins die Sporen. Die Räder drehen kurz im Pazifiksand durch, dann haben wir aber schnell wieder das vertraute Brummen und Surren im Ohr, das man gewohnt ist, wenn grobstollige Reifen auf Asphalt rotieren.

Reifenwechsel auf 4500 m kostet zu viel Kraft

Während unseres Höhentrainings und ersten Exkursionen in Richtung Ojos del Salado haben wir feststellen müssen, dass wir mit den üblichen On-/Offroad-Reifen aufgeschmissen sind und wir nur mit echten Crossreifen weiterkommen werden. Doch ein Reifenwechsel bei fünf Bikes auf 4500 Metern, der hat so seine Tücken. In der sauerstoffarmen Höhenluft gerät das Ab- und Aufziehen sowie die Montage in unserer improvisierten Outdoor-Werkstatt zur echten Plackerei. Dabei hatten wir zunächst den Plan gefasst, die Rekordfahrt vom Meer bis zum Abzweig an der Laguna Verde auf den asphalttauglichen Reifen zu fahren und erst dann umzubereifen. Doch nachdem wir nun in der Trainingsphase über vier Stunden gebraucht haben, um die Twins auf die neuen Hardcore-Offroader MC 360 von Metzeler zu stellen, wurde die Idee schnell gestrichen. Das würde uns beim 24-Stunden-Run einfach zu viel Zeit, Kraft und Nerven kosten. 

Also gleich rauf mit den Crossreifen und hoffen, dass die Stollen nach vielen Hundert Asphaltkilometern noch ausreichend lang sind, um sich im Untergrund der Atacama satt zu verzahnen. In Copiapó – der einzigen richtigen Stadt im Umkreis von 100 Kilometern – erhöhen wir deshalb den Luftdruck auf 2,3 bar, im Gelände können wir wieder absenken. Blöd, dass wir bei dieser Gelegenheit versäumen, unsere Tanks wieder bis zum Rand zu fluten. 80 Kilometer, und ein Balken auf der Anzeige ist schon weg. Der nächste Tankstopp ist erst bei unserem Basislager an der Laguna Verde geplant, und bis dahin sind es immerhin noch 230 Kilometer. Gedanklich scheinen alle schon viel zu sehr an der bestmöglichen Route für den Aufstieg zu puzzeln, sodass wir dieses vermeintlich profane Detail schlicht und einfach übersehen.

Sauerstoffmangel, stürmische Kälte, unkalkulierbares Wetter

Wie vor einer knappen Woche geht es wieder raus aus der Minenstadt Copiapó und über den Paso San Francisco Richtung Argentinien. Nur mit dem Unterschied, dass wir jetzt schon ganz genau wissen, was uns in der Höhe erwarten wird: wenig Sauerstoff, stürmische Kälte und – trotz bester Aussichten – ein kaum kalkulierbares Wetter. So wie vor wenigen Tagen, als wir während des Höhentrainings auf einer Trekkingtour im Nationalpark Nevado Tres Cruces schlagartig von einem fiesen, sintflutartigen Regen überrascht wurden und durchnässt bis auf die Knochen ins Basiscamp zurückkehrten. Auch das geht uns durch den Kopf: Was passiert, wenn da oben das Wetter wieder so schnell umschlägt? Noch präsentiert sich die Bergwelt vor unseren Augen bei bestem Kaiserwetter, doch das heißt ja nichts, wie wir jetzt wissen. 

Am Anfang füllt sich unser Höhenmeterkonto in Rekordzeit, auch das haben wir bereits vor einer Woche staunend erfahren können. Endlos zieht sich der CH-31 durch die schroffen, mächtigen und größtenteils namenlosen Berge. Dann und wann sehen wir einen kleinen Mineneingang, der in einen steilen Berghang gegraben wurde, doch Menschen begegnen uns kaum. Bereits nach zwei Stunden durchstoßen wir den ersten Peak auf über 4300 Metern, bevor es wieder bis zur Laguna Santa Rosa leicht abwärts auf 3750 Meter geht. Bereits hier, knapp 100 Kilometer vor der eigentlichen Grenze nach Argentinien, müssen wir uns bei den chilenischen Grenzposten abmelden. Wir nutzen den Stopp, um endlich etwas Sprit nachzufassen. Doch viel hatten wir hier nicht deponiert, und bis zum Basiscamp an der Laguna Verde, wo unsere eigentlichen Benzinvorräte lagern, sind es noch 70 Kilometer. Immerhin noch ein Balken im Display, und er blinkt noch nicht. Das macht er erst 30 Kilometer später. Deutlich besonnener geben wir Gas, denn ob wir durch das geänderte Mapping mehr Sprit als üblich verbrauchen, wissen wir nicht. Aber das Glück ist uns weiterhin hold, mit dem buchstäblich letzten Tropfen rollen wir am Abend um kurz nach sieben im Camp aus.

Unser Zeitplan passt. Sechs Stunden sind rum, weitere zwölf wollen wir uns nun als Ruhezeit gönnen, dann bleiben uns am nächsten Tag noch sechs weitere, um in unserem Zeitfenster von 24 Stunden die „Mission 6000“ zu erfüllen.

5901 Meter in 21 Stunden und 20 Minuten

Trotz aller Aufregung können wir tatsächlich schlafen. Die Luft ist eiskalt, aber herrlich klar, als wir am nächsten Morgen auf unsere Motorräder steigen. Auf dem Paso San Francisco geht es vom Camp aus zunächst wenige Kilometer zurück, bis wir an dem grünen Wegweiser stehen, der durch schweres Wüstengelände zum Ojos del ­Salado weist. Auf dem Weg zur ersten Schutzhütte, dem Refugio Atacama auf 5230 Metern, kreuzen wir große Sandfelder, die von zahllosen Jeep-Spuren zerfurcht sind. Im Zickzack passieren wir die Spurrinnen. Wer hier einfädelt und dann noch von einem Felsbrocken ausgehebelt wird, liegt unweigerlich auf der Klappe.

Nach 20 Kilometern leuchtet uns vor blauem Himmel der rote Atacama-Container entgegen – wow, die erste wichtige Etappe ist geschafft, wir schlagen mit den Händen ein. Doch die knifflige Schlüsselstelle kommt erst noch, die Passage weiter zum Refugio Tejos ist nur über einen extrem steilen und komplett versandeten Anstieg zu befahren. Und genau der hat uns bei ersten Erkundungstouren erhebliche Probleme bereitet. Wir beschließen, die zwei DCT-Africa-Twins mit dem Automatikgetriebe besser stehen zu lassen. Wenn, dann ist dieser Aufstieg nur mit den drei kürzer übersetzten und mit herkömmlichem Schaltgetriebe ausgestatteten Bikes möglich. Jetzt ist es gut, dass wir den federleichten Crosser – die CRF 450 RX – als Scoutmobil dabeihaben. Auch hier wieder viele Autospuren, die diese fiese Stelle dank Vierradantrieb im Schritttempo meistern können. Doch das ist für Motorräder, vor allem unsere über 220 Kilogramm schweren Honda Africa Twins keine Option. Wir müssen Speed aufbauen, um uns nicht hoffnungslos einzugraben. Und wiederum hoffen, dass uns keine tief im Sand versteckten Felsbrocken aus dem Sattel katapultieren. Wer hier liegt, der hat verloren. Um das Bike wieder aufzuheben, müssen in dieser Höhe mindestens vier Personen richtig heftig ackern. 

Nacheinander starten wir durch. Erstaunlich, wie fluffig plötzlich alles läuft. Na klar, wir sind bis in die Haarspitzen gefüllt mit Adrenalin, und dass die Luft hier immer dünner wird, merken wir in diesem Augenblick gar nicht mehr. Fast schon traumwandlerisch können wir heute diese Stelle meistern, die uns wenige Tage zuvor hat verzweifeln lassen. Wahnsinn! Der Tejos-Container taucht auf, 5837 Meter hat jemand mit Edding auf die rote Stahlwand gekritzelt, und es geht tatsächlich trotz fiesen, lockeren Gerölls, auf dem wir uns bewegen, noch ein Stück weiter nach oben. Doch die magischen 6000 bleiben uns heute verwehrt. Gerade Schneewände machen es unmöglich. 5901 Meter zeigt uns das Garmin, als wir die drei Africa Twins nach 21 Stunden 20 Minuten bei strahlendem Sonnenschein fürs Gruppenfoto aufstellen. Und als Danilo auf den Auslöser drückt, haben auch wir Ojos del Salado – verdammt salzige Augen.

Foto: Gigi Soldano, Jörg Lohse, Karsten Schwers, Danilo Vivan

Rekordverdächtig? Ja. Rekord geknackt? Nein.

Der eigentliche Motorrad-Höhenweltrekord von 6472 Metern des Chilenen Gianfranco Bianchi ist mit den schweren Africa Twins und aufgrund stark verschneiter Abschnitte nicht zu knacken. Bislang einmalig und deshalb auch rekordverdächtig ist aber dieser Run, innerhalb von 24 Stunden von Meereshöhe auf schließlich 5901 Meter zu fah­ren. Zum Schluss stehen 380 Kilometer auf dem Tripzähler.

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