Motorradreise - Madeira (Portugal)

Winterflucht

Motorradfahrers Paradies – die Gerade findet auf den Bergstraßen nur ausnahmsweise statt.
Die alte Nordküstenstraße ist ein Spektakel für alle ­Sinne, das vergisst du nie.Sonnenuntergang auf dem Pico do Arieiro, dem Dach Madeiras. Motor aus und staunen.Madeira zeichnet sich durch das samtweichn Klima, grandiose Landschaften und anspruchsvolle Straßen aus.Motorradfahrers Paradies – die Gerade findet auf den Bergstraßen nur ausnahmsweise statt.
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Na, steckst du auch im finsteren Sumpf des Winter-Blues? Dann hätten wir ein prima Gegenmittel: Madeira, die portugiesische Atlantikinsel mit ihrem samtweichen Klima, grandiosen Landschaften und anspruchsvollen Straßen. Flug buchen, BMWs mieten und auf in den Sommer.

Es gibt Winter in diesem Land, die sind erträglich. Dieser gehört nicht dazu. Drei Monate nasses Dauergrau, keine Chance auf Sonne, Motorradfahren scheint Lichtjahre entfernt zu sein. Bis plötzlich ein „Ping, nur ein Ping“ die Ereignisse entscheidend beeinflusst. Das wusste schon Kapitän Ramius alias Sean Connery im Filmklassiker „Jagd auf Roter Oktober“. Was das mit dieser Geschichte zu tun hat? Nun, dieses Ping in meinem PC kündigt eine neue E-Mail an, keine Werbung, keine Rechnung, kein nerviges Blabla, nein, eine Einladung von unserem Freund Ekki, ein nach Madeira ausgewanderter Kieler Hüne, der dort Motorräder und Autos vermietet. Augenblicklich sind wir elektrisiert, das ist unser Rettungsanker, checken vorhandene Urlaubstage, Kontostand, Flugpreise und den Wetterbericht. Einige Mails flitzen zwischen der Eifel und Madeira hin und her, und ein paar Tage später beamt uns eine Boeing 737 in den Sommer!

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140 Kilometer neue Schnellstraßen

20 Grad und Sonne, wie haben wir das vermisst! Ekki hat schon zwei BMWs vorbereitet, eine nagelneue F 700 GS und eine kaum ältere G 650, beide sind perfekt für die Achterbahn-Bergstraßen Madeiras. 20 Jahre waren wir nicht mehr hier, sind gespannt, ob das damalige Motorradparadies noch immer eins ist. Viel hat sich geändert, sehr viel. „Sucht die kleinen alten Straßen“, empfiehlt uns Ekki, „vergesst die Autobahnen, außer die um Funchal.“ 140 Kilometer neue Schnellstraßen mit über 100 Tunneln wurden durch die Berge der Insel gebuddelt, finanziert auf Pump oder durch „Förderung strukturschwacher Gebiete“ von der EU, eingefädelt vom autokratischen Inselpräsidenten Alberto João Jardim, genannt „der Pate“ oder „Onkel Alberto“. Als er nach 36 Jahren an der Macht im Jahre 2015 abgewählt wurde, hinterließ er 7,5 Milliarden Euro Schulden und eine absurd aufgeblähte Bauindustrie. Beachtlich für eine Insel, die so viele Einwohner hat wie Wiesbaden.

Foto: Deleker
Sonnenuntergang auf dem Pico do Arieiro, dem Dach Madeiras. Motor aus und staunen.
Sonnenuntergang auf dem Pico do Arieiro, dem Dach Madeiras. Motor aus und staunen.

Aber lassen wir das, fahren wir endlich los, auf der Autobahn zügig um die Hauptstadt Funchal herum. Lauwarme Luft zieht durchs Visier, die Sonne kitzelt auf der Nase, durchatmen, wohlfühlen, Dauergrinsen. Bei Camara de Lobos biegen wir ab, suchen und finden die alte Küstenstraße, wedeln hinauf zum Cabo Girão, einem Steilfelsen 580 Meter über dem Meer. Eine Aussichtsplattform mit Glasboden hängt kühn über dem Kliff, sorgt für sanften Nervenkitzel oder Schnappatmung. Weiter nach Westen. Die ER 222 kurvt und klettert durch riesige Bananenplantagen, uralte Terrassenfelder und schmucklose Orte. Links der stille Ozean, rechts die umwölkten Berge. Längst sind wir wieder im Rhythmus, er war gar nicht so eingerostet wie befürchtet. Aber die handlichen BMWs machen es uns auch leicht. Kaffeepause im schmucken, alten Ort Ponta do Sol direkt am Meer. Wie ruhig es hier ist, seitdem der neue Tunnel den Verkehr verschluckt. Gut für den Ort, gut für die alte Küstenstraße, wo außer ein paar heimischen Pick-ups keiner unterwegs ist. Sogar ein kleiner Wasserfall plätschert munter auf die Straße, Abkühlung und Visierwäsche gratis.

Hartes Gras, Farne, Schafe und sanfte Hügel

Genug rumgedödelt, die Mopeds und wir brauchen ein wenig Auslauf; wir verlassen die dicht besiedelte Südküste und nehmen die Berge ins Visier. Nur wenige Straßen klettern dort hoch, zu steil und zerklüftet ist die Topografie. Wir finden einen Weg, dem die Kurve fremd ist. Langweilig? Mitnichten, denn die alten Straßen nehmen gerne den kürzesten Weg, also die Gerade, auch wenn die Steigung dann locker jenseits von 30 Prozent liegt. Das Vorderrad wird beim Beschleunigen ganz leicht, gefühlvoll am Quirl drehen, bloß nicht anhalten, so macht’s Spaß. Schnell sind wir aus der Bananenzone raus, kurven auf holprigem Teer durch herrlich duftenden Eukalyptuswald, danach knorrige Kiefern und weiter steil bergan. Bis die Straße oben über die Kante in eine andere Welt kippt, die Hochebene Paúl da Serra. Was für eine überraschende Weite. Sieht fast aus wie in den schottischen Highlands, hartes Gras, Farne, Schafe, sanfte Hügel bis 1.600 Meter Höhe und garniert mit einer weißen Armada von Windmühlen, die den steten Wind hier oben in saubere Energie verwandeln.

Foto: Deleker
Motorradfahrers Paradies – die Gerade findet auf den Bergstraßen nur ausnahmsweise statt.
Motorradfahrers Paradies – die Gerade findet auf den Bergstraßen nur ausnahmsweise statt.

Von Norden ziehen Passatwolken heran, jagen überraschend schnell auf die Hochfläche und vernebeln die Sichtweite von 150 Kilometer auf zehn Meter in fünf Sekunden. Wolken von innen sehen doof aus. Dafür verzaubert der Nebel aber den uralten Lorbeerwald von Fanal in eine Szene wie aus Mordors Reich, spannend, geheimnisvoll, melancholisch. Wie urzeitliche Riesen greifen die dick bemoosten Äste der mächtigen Bäume nach uns. Sie wuchsen schon, als Kolumbus auf seiner Irrfahrt nach Indien in Madeira anlegte. Abseilen zur Nordküste. Die tolle Panoramastraße nach Porto Moniz, die quer über Paúl do Serra führt, verschieben wir aus undurchsichtigen Gründen auf später, kurven lieber runter zum Meer und suchen uns in Seixal ein B & B. Kaum ein anderer Küstenort Madeiras liegt so fotogen wie Seixal, zudem lässt sich von hier die komplette Nordküste bestens erkunden.

Viele Abschnitte abgesperrt oder verschüttet

Die Nordküste, vor 20 Jahren war dies der spektakulärste Teil der Insel, was auch an der haarsträubenden Straße zwischen Porto Moniz und São Vicente lag, die sich an einigen Stellen kaum autobreit an die senkrechte Felswand klammerte und bei manchen Zeitgenossen Panikattacken auszulösen vermochte. Das passiert heute auf der erlebnisfreien Untergrund-Schnellstraße nicht mehr, es geht emotionslos und zügig voran. Zum Glück gibt es noch ein paar versteckte, aber fahrbare Abschnitte der alten Adrenalin-Straße, die meisten allerdings sind abgesperrt oder verschüttet. Wir suchen und finden die Zugänge, tasten uns über die schmale Spur hoch über dem Meer bergwärts, verschwinden in finsteren Tunneln mit integrierten Wasserfällen und freuen uns einfach, dass wir die alte Straße noch erleben können. Der Regierung ist offenbar nicht daran gelegen, die historische Strecke zur erhalten, sie verfällt zusehends. Lieber wird in sinnfreie Jachthäfen und Tunnel investiert, gut für die Bauunternehmen, schlecht für den Erhalt von Geschichte und Identität der Insel.

Foto: Deleker
Geister im Nebel: Manche der mächtigen Lorbeerbäume waren schon haushoch, als Kolumbus Indien suchte und nicht fand.
Geister im Nebel: Manche der mächtigen Lorbeerbäume waren schon haushoch, als Kolumbus Indien suchte und nicht fand.

In São Vicente biegt die Schnellstraße zur Südküste ab, untertunnelt die Berge, lässt aber wenigstens die Chance, die alte Strecke über den Encumeada-Pass zu fahren. Wir bleiben vorerst an der Nordküste, denn östlich des netten Ortes São Vicente ist die Straße noch im Originalzustand, schmal, kurvig, fast verkehrsfrei, aussichts- und erlebnisreich, spannend und sehr langsam. So muss es sein. Die Tunnel für die geplante Schnellstraße sind zwar auch hier schon gebaut worden, aber für die Straße dazwischen fehlt zum Glück das Geld. So dienen die Tunnel bisweilen anderen Zwecken. Neulich entdeckte die Polizei in einer der finsteren Röhren ein umfangreiches Lager mit Diebesgut.

Straße sucht sich ihren Weg

So ist die alte ER 101 weiterhin der optimale Weg, um den schönsten Küstenabschnitt Madeiras zu erkunden. Die von Nordosten kommenden Passatwolken bringen reichlich Regen mit, der für die tropisch grüne Vegetation sorgt. Kleine Orte kleben zwischen Bergen und Meer inmitten kunstvoller Terrassenfelder, tiefe Schluchten bohren sich bis in die steilen Berge im Zentrum der Insel. Eine wilde Szenerie. Die Straße sucht sich ihren Weg als wundervolle Achterbahn, tänzelt hier am Abgrund lang, klettert dort hoch zu einem Scheiteltunnel um ins nächste Tal zu wechseln, versteckt sich im dichten Dschungel oder führt direkt ans Meer. So viele Bilder, so viele Eindrücke, einmal zu fahren reicht hier keineswegs aus.

Foto: Deleker
Monster aus der Tiefsee? Keineswegs, der Madeirer liebt seinen schwarzen Espada.
Monster aus der Tiefsee? Keineswegs, der Madeirer liebt seinen schwarzen Espada.

Aber jetzt wollen wir ganz nach oben, zum höchsten anfahrbaren Punkt Madeiras, dem Pico do Arieiro auf 1818 Metern. Und was für eine geniale Straße sich von Faial auf den Weg nach oben macht, auch hier kommen wir aus dem Staunen kaum heraus. Üppige Felder in tiefen Tälern, von Palmen beschattet, wilde Flüsse, kernige Serpentinen und weit darüber bizarr gezackte Berggrate. Höher, immer höher, die BMWs auf einer sauberen Linie zum Gipfel treiben. Es wird kälter, und jenseits der 1.500 Meter pfeift der Wind über eine karge Hochfläche. Noch ein paar Kurven und Kehren auf bestem Teer, dann sind wir ganz oben und erschrecken vor einer riesigen weißen Kugel, mit Stacheldraht eingezäunt. Ausgerechnet hier, mitten im Schutzgebiet, wurde 2011 eine NATO-Radarstation errichtet. Ein Schandfleck in dieser grandiosen Landschaft. Aber auch hier genießt das Militär offenbar das Privileg, sich jenseits von Gesetzen und Bestimmungen zu bewegen. Skandal im Sperrbezirk.

Ein „Ping“ reißt uns aus dem Traum

Trotzdem ist der Gipfel des Arieiro einer der Top-Aussichtspunkte in die wilde Welt der steilen Gipfel und tiefen Schluchten, hinüber auf die Hochebene Paúl da Serra oder einfach aufs Meer. Wenn, ja, wenn das Wetter mitspielt, denn Nebel und Sturm sind hier oben im Winter gar nicht so selten. Wir haben Glück, die Passatwolken liegen weiter unten, fließen über gezackte Berggrate, lösen sich auf und bilden sich wieder neu. Faszinierend. Und dann blinzelt die Abendsonne sogar für ein paar Minuten durch ein Wolkenloch, taucht das Dach Madeiras in starkes Orange. Überirdisch schön und unvergesslich. Mit jeder Minute ändern sich die Farben von Gelb nach Rot, von Purpur in Nachtblau. Sogar der Wind ist jetzt eingeschlafen, und aus dem Meer taucht dann tatsächlich auch noch der fast volle Mond auf. Ein „Ping“ reißt uns aus dem Traum. Es ist Ekki, der nach unserer Verabredung zum Abendessen fragt. Oh Mann, vergessen! Nachricht zurück: „Sorry, wir sind am Arieiro. Machen uns auf den Weg. Nur noch 1.800 Höhenmeter und 200 Kurven, dauert noch ein paar Minuten …“

Weitere Infos zu Madeira

Das portugiesische Madeira ist das Werk prähistorischer Vulkane und liegt 950 Kilometer südwestlich von Lissabon im Atlantik. Die Insel des ewigen Frühlings ist ein perfektes Ziel für die kleine Winterflucht. Spannende, oft anspruchsvolle Motorradstraßen, die sich achterbahngleich durch spektakuläre Berglandschaften fressen.

Über Madeira: Autonome Region Portugals; Fläche: 741 km²; Einwohner: 268.000; Höchster Berg: Pico Ruivo, 1.862 m; Hauptstadt: Funchal; Berühmte Bewohner: Christoph Kolumbus und Cristiano Ronaldo.

Foto: Deleker
Raues Klima: Über die Hochfläche Paúl da Serra ziehen häufig Passatwolken, bringen reichlich Feuchtigkeit mit und damit die Verkehrsschilder zum schnellen Rosten.
Raues Klima: Über die Hochfläche Paúl da Serra ziehen häufig Passatwolken, bringen reichlich Feuchtigkeit mit und damit die Verkehrsschilder zum schnellen Rosten.

Anreise: Eurowings und TUIfly bieten Direktflüge von diversen Flughäfen ab etwa 300 Euro an. Mit TAP Air Portugal geht es beispielsweise von Frankfurt in der Nebensaison schon ab 200 Euro nach Madeira, dann aber mit Stopover in Lissabon.

Reisezeit: Der Name ist Programm: Insel des ewigen Frühlings. Im Januar wird es etwa 20 Grad warm, im August um 25 Grad. In den Bergen, bis 1.862 Meter hoch, kann es im Winter auch schneien. Ohnehin sind die Wintermonate wesentlich regen­reicher als der Sommer. Allerdings hält auch der Winterregen meist nicht lange an. Die Wassertemperaturen schwanken zwischen 17 und 23 Grad.

Übernachten: Fast jeder Ort hat Pensionen und kleine Hotels, wo es Zimmer ab 50 Euro gibt. Dank der neuen Schnellstraßen sind von Funchal alle Orte binnen einer Stunde zu erreichen. So kann man auch im Großraum Funchal ein Hotel für den gesamten Urlaub buchen und ist damit ohne Gepäck auf dem Motorrad unterwegs.

Motorradmiete: Ekkehard Kutz von Magos Bikes in Caniço de Baixo hat etwa 30 topgepflegte BMWs im Angebot. Preisbeispiele für eine Woche: G 650 GS: 521 Euro, F 700 GS: 620 Euro, F 800 GS: 724 Euro. Preise inkl. Versicherung, unbegrenzten Kilometern und Flughafentransfer. Magos vermittelt auch Unterkünfte wie die Villa Ventura (www.villa-ventura.com), DZ ab 49 Euro. Info: www.magoscar.com, E-Mail: info@­magoscar.com, Tel. 0 03 51/2 91 93 48 18

Aktivitäten: Tauchen: Joe Klenk, Inhaber des Café Rustico in Caniço, hat eine Pension und eine Tauchschule (www.madeira-caferustico.com) Wandern: In einer Woche lassen sich fast alle Straßen Madeiras bequem erfahren. Es lohnt sich, noch ein paar Tage dranzuhängen, um das andere Madeira per pedes zu erkunden. Zum Beispiel die karge Halbinsel Ponta do São Lourenço. Oder entlang der Levadas, künstlicher Wasserkanäle, eine Wanderung in eine spektakuläre Welt, tropisch grün und menschenleer. Tipp der Autoren: Die Levadas Caldeirão Verde und do Infierno zählen zu den spannendsten Wegen.

Bücher und Karten: Der Madeira-Reiseführer aus dem Michael Müller-Verlag weiß beinahe alles. 264 Seiten, 17,90 Euro. Weitere gute Reiseführer kommen von Iwanowski und dem Verlag Reise Know-how. Der Rother-Verlag bietet für 14,90 Euro einen gewohnt guten Wanderführer. Und zum Einstimmen zu Hause eignet sich der DuMont-Bildatlas für 9,95 Euro hervorragend. Im Verlag Reise Know-how erscheint eine detaillierte Karte im Maßstab 1:45.000, Preis 9,95 Euro.

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