Biker-Szene

Wir-Gefühl

Farbige Motorradfahrer kommen selten zu den großen amerikanischen Treffen wie in Sturgis oder Daytona. Aber einmal im Jahr feiert die schwarze Biker-Szene ihr eigenes Fest, über 25 000 kamen diesmal nach Ohio.

So, du willst also mit ein paar von unseren Leuten zum Treffen nach Ohio fahren?« Spider D, Präsident des farbigen Motorrad-Clubs »Sword of Justice« - Schwert der Gerechtigkeit -, zögert einen kurzen Moment. In der Regel kommen keine Weißen zum National Round-Up, dem größten Motorradtreffen für schwarze Biker in den USA. Dann aber nennt er als einer der Veranstalter drei Namen von Club-Mitgliedern aus Colorado, Blind Man, Shadow und Fingers, die mich als europäischen Journalisten auf dem Weg dorthin begleiten könnten.Nie hatte ich farbige Motorradfahrer gesehen. Weder während der bekannten Treffen in Sturgis oder Daytona noch auf den amerikanischen Highways oder an einschlägigen Treffpunkten. Zufällig hörte ich von dem National Round-Up, »ihrem« Treffen, welches bereits seit 18 Jahren jeweils an verschiedenen Orten stattfindet. Fast 30000 Biker kamen zuletzt nach Atlanta, in diesem Jahr trifft sich die schwarze Szene in der Nähe von Columbus in Ohio. Ich wurde neugierig auf eine unerwartet große Motorrad-Gruppe, die nahezu unbekannt ist. Ein paar Tage später treffe ich mitten in Kansas Blind Man, Shadow und Fingers. Wir hatten uns an einem Truck-Stop verabredet, und die drei sind in ihren Club-Westen auf den schweren Harleys nicht zu übersehen. Neben ihnen parken noch Jordan und Berry auf ihren K 100 RT. Die beiden sind ebenfalls auf dem Weg zum National Round-Up in Ohio.Weil es bereits dunkelt, suchen wir ein Quartier für die Nacht. Der Truck-Stop ist komplett belegt, das nächste Motel über 80 Meilen entfernt. Ich schlage vor, einfach neben der Straße in einem kleinen Waldstück zu campen - und blicke in versteinerte Gesicher. »Glaub´s mir«, erklärt Shadow mit ernster Stimme, »kein Farmer in diesem konservativen Winkel Amerikas versteht Spaß, wenn er Schwarze, die dazu noch Motorradfahrer sind, unerlaubt auf seinem Land antrifft. Du kannst gern bleiben, aber wir fahren besser bis zum nächsten Motel.« Später beim Abendessen im vollbesetzten und einzigen Restaurant einer kleinen Ortschaft beginne ich die Befürchtungen meiner neuen Reisebegleiter zu verstehen. Seit unserer Ankunft gehört uns die volle Aufmerksamkeit der anderen Gäste. Die Gespräche an den Tischen verstummten plötzlich, und wir werden von allen Seiten mißmutig beäugt. Ein unangenehme Spannung liegt in der Luft. Wir fühlen uns unwohl und bleiben nicht lange. Wieder draußen bei den Motorrädern, bemerke ich, wie die Restaurantbesucher an den Fenstern stehen und jeden unsere Schritte in Richtung Motel beobachten. Ich bewundere meine neuen Bekannten, die sich zumindest nach außen relativ gelassen geben.Je näher wir nach Ohio kommen, desto nervöser werde ich bei dem Gedanken, als einziger Weißer unter vielen tausend Farbigen zu sein. Nur zu gut könnte ich nach den Erlebnissen der letzten beiden Tage verstehen, daß ich kein gerngesehener Gast bin. Dabei ist es fast schon rührend, wie Shadow versucht, mich zu beruhigen, doch seine gutgemeinten Ratschläge bewirken im Augenblick eher das Gegenteil: »Es ist besser, wenn du einen großen Bogen um die Motorrad-Clubs machst, niemals alleine über das Gelände gehst, immer um Erlaubnis fragst, bevor du fotografierst, und auf jeden Fall eine Kutte trägst, damit man glaubt, daß du zumindest offiziell eingeladen bist«. Auch Jordan nickt zustimmend, öffnet sein Topcase und holt eine mit vielen Abzeichen bestickte Lederweste heraus. »Für dich, du bist ab sofort und für die Dauer von drei Tagen Mitglied des BMW-Clubs von Chicago.« Diese Zeremonie kommt mir im Augenblick zwar etwas übertrieben vor, aber weil ich merke, daß Jordan und seine Freunde sich ernsthaft um meine Sicherheit sorgen, ziehe ich die Weste über meine Jacke. Hinter Columbus nehmen mich meine fünf Begleiter in die Mitte. Tausende von farbigen Bikern kommen aus allen Richtungen und ziehen in einem nicht endenwollenden Konvoi zum Treffen auf das weitläufige Gelände einer abgelegenen Farm. Ich war gespannt, auf was für Maschinen die meisten von ihnen unterwegs sein würden. Im dichten Gedränge entdecke ich einige BMW und eine Handvoll japanische und englische Motorräder. Der Rest der fast 25000 Besucher demonstriert amerikanisches Nationalbewußtsein und fährt Harley-Davidson, oft wunderschön verziert oder gnadenlos umgebaut, aber immer ohrenbetäubend laut. Oder Honda Gold Wing, schließlich auch ein Bike »made in Amerika«: Das Werk, in dem dieser Luxus-Dampfer seit Jahren gebaut wird, befindet sich nur wenige Minuten von hier entfernt in Marysville. Am Abend spaziere ich zum erstenmal über das Gelände, zwar alleine, aber sicherheitshalber mit Kutte. Plötzlich bin ich es, an dem die Blicke haften, dessen Schritte genau beobachtet werden. Zum erstenmal in meinem Leben fühle ich mich wirklich als krasser Außenseiter. Aber keine Spur von Aggressivität mir gegenüber. Viele finden es sogar »cool«, daß ich über ihr Treffen berichten möchte. Bis auf einen, der lässig auf seiner fast vollständig verchromten Harley hockt. Eine ganze Weile schaut er mir zu, wie ich mit meiner Kamera hantiere, dann platzt es aus ihm heraus. Er brüllt mich an, daß er kein Affe im Zoo sei, der sich wie ein exotisches Lebewesen ablichten lassen muß. Andere Biker eilen herbei, versuchen ihn zu beruhigen und raten mir, doch besser zu ganz schnell verschwinden. Was ich mache.Später treffe ich Billy Walker, der dieses Treffen 1977 ins Leben gerufen hat. Damals lud er acht farbige Motorad-Clubs aus der nächsten Umgebung nach Kansas City ein. Acht Jahre später kamen schwarze Biker bereits aus allen Teilen der USA zu dieser Veranstaltung, die jedes Jahr in einem anderen Bundesstaat stattfindet. Wo, darüber stimmen morgen abend die Vertreter der mehr als 600 anwesenden Motorrad-Clubs ab. Nur eines ist sicher: 1997, zum 20. Jubiläum kommen alle wieder nach Kansas City, über 50000 Biker werden schon jetzt erwartet. Billy kann es kaum glauben, wie schnell dieses Treffen in den wenigen Jahren gewachsen ist. »Vielleicht liegt es daran, daß unsere Leute nur ungern nach Sturgis oder Daytona fahren, weil ihnen viele weiße Biker einfach zu konservativ sind und Farbige nur ungern in ihrem Revier dulden.« Auf der anderen Seite, erklärt er, seien weiße Motorradfahrer hier grundsätzlich willkommen, aber denen fehlten beim National Round-Up einfach die typischen Rock n´Roll-Bands und unvermeidlichen Stripperinen. Gegenüber anderen Motorrad-Treffen gleicht diese Veranstaltung vielmehr einem netten Familienfest als einer bodenständigen Biker-Party. Zwischen Motorrädern, Zelten und ellenlangen Wohnmobilen hocken ganze Famillien, von den Großeltern in bequemen Sesseln, die sich von summenden Ventilatoren kühlen Wind ins Gesicht blasen lassen bis zu den Enkeln, deren Spielzeug verstreut herum liegt. Es duftet nach gegrillten Hamburgern und Steaks, aus allen Richtungen schallt laute Musik aus wattstarken Stereoanlagen - kein Biker-Rock á la »Born to be wild« wie sonst üblich bei Motorrad-Treffen, sondern schwarzer Funk und Soul, Hip Hop und Rap. Party-Stimmung. Bis zum Morgengrauen. Tausende von Bikern feiern nach Sonnenuntergang ein rauschendes Fest, tanzen in einer irrsinnig heißen Sommernacht auf jedem noch freien Quadratmeter des Geländes. Eine unglaubliche Gelassenheit herrscht unter den Leuten, die gute Laune wächst bei vielen aus der beruhigenden Gewißheit, zumindest an diesem Wochenende eine starke Gemeinschaft zu sein, die sonst im eher im Abseits steht. Das von den Veranstaltern gebotene Rahmenprogram interessiert am Samstag dagegen kaum jemanden. Nur wenige schauen sich die Dragster-Rennen an, niemand meldet sich für die geplante Ausfahrt. Auch Wettbewerbe wie Motorrad-Fußball oder Geschicklichkeitsfahren finden statt, und am Abend vergibt eine Jury in einem Zelt die obligatorischen Pokale für das schönste Bike und die weiteste Anreise, aber das ist Nebensache. »Die meisten sind eben nur gekommen«, sagt Spider D, »um wenigstens einmal im Jahr ihre Freunde zu treffen. Die sitzen dann viel lieber zusammen und plaudern, als an irgendwelchen Spielchen teilzunehmen.«Am Sonntag gießt es in Strömen, nach wenigen Stunden stehen alle bis zu den Knöcheln im Matsch. Beladene Gold Wings mit Anhängern und schwere Harleys rutschen und fallen zur Freude vieler Schaulustiger, die große Zeltplanen über ihre Köpfe halten, über das sumpfige Gelände. Schlammwerfen, Schlammcatchen und in-den-Schlamm-fallen sind plötzlich und unerwartet neue Disziplinen, an denen sich mehr beteiligen als an den gestrigen Wettbewerben. Inzwischen haben auch die Vertreter der anwesenden Motorrad-Clubs entschieden, wo das 19. National Roundup stattfinden wird. Per Mundropaganda verbreitet sich die Nachricht schnell unter den inzwischen hoffnungslos durchnäßten Bikern. Im nächsten August werden alle nach Denver in Colorado fahren, zum Motorrad-Club Sword of Justice von Blind Man, Shadow und Fingers.
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