Brasilien

Samba Party

Sturgis und Daytona? Klar, kennt jeder. Aber schon mal was von Boissucanga gehört? In dem kleinen Fischerdorf trifft sich jedes Jahr die brasilianische Biker-Szene und feiert am Strand ein berauschendes Pfingstfest.

Harley-Davidson? Das Mädchen hinter dem Tresen der Eisdiele runzelt die Stirn. Nein, sie kennt niemand mit diesem Namen. »Aber wenn hier was los ist, dann nur am Strand.« Dort ist das bunt gestreifte Zirkuszelt schon von weitem zu sehen, drumherum wird fieberhaft gearbeitet: Biertische werden aufgestellt, Verkaufsbuden gezimmert, laut rattert ein Notstromaggregat. Zwanzig Mann des Motorradclubs »Lobos do Asfalto«, Asphaltwölfe, treffen die letzten Vorbereitungen zum 3. Harley-Davidson-Treffen, das morgen, am Pfingstfreitag, beginnen soll. Dentinho, der mit seinem spitzen Bart und seinen langen braunen Locken aussieht wie Frank Zappa, ist gerade dabei, die letzte der großen Lautsprecherboxen abzuladen, die er mit dem Lastwagen von Sao Paulo hertransportiert hat. In wenigen Stunden werden hier über 1000 brasilianische Biker die größte Motorradféte Südamerikas feiern.Ein leichter Nieselregen beginnt, und hinter den Häusern des kleinen Fischerdorfes Boissucanga versinkt die grüne Wand des tropischen Waldes langsam in den Wolken. »Hier regnet es mehr als am Amazonas!« Dentinhos Sorgen sind nicht unbegründet. Die feuchtwarmen Luftmassen, die vom Meer herkommen, steigen an den Hängen empor und machen die Serra do Mar, das Küstengebirge zwischen den brasilianischen Metropolen Sao Paulo und Rio de Janeiro, zur feuchtesten Ecke Brasiliens. Trotzdem, auch an diesem Wochenende fliehen Tausende von Paulistanos, wie die Bewohner Sao Paulos heißen, aus dem Industriezentrum und fahren durch die Kordilleren der Serra do Mar hinunter an die feinsandigen Strände des Atlantiks. Doch diesmal haben sich merkwürdige Gestalten unter die Urlauber gemischt - die »Aguias de Aco« (Stahladler) von Belo Horizonte, die »Pes Vermelhos« (Rotfüßler) aus Curitiba und sogar die »Aguias de Ouro« (Goldadler) aus dem über 1500 Kilometer entfernten Süden des Landes, donnern auf lauten Harleys und mächtigen Bikes der heimischen Marke Amazonas vorbei an mit Kind, Kegel und Kühlbox überladenen Personenwagen.Der Regenwald, den sie mit ihren Maschinen durchqueren, erstreckte sich früher, als die ersten portugiesischen Seefahrer die neue Welt erreichten, noch wie ein riesiges grünes Band über 8000 Kilometer entlang der Küste. Doch im Lauf der Jahrhunderte bröckelte diese einst nahezu undurchdringliche Mauer. Gnadenlos fielen die Stämme, um Anbauflächen für Zuckerrohr, später für Kaffee zu gewinnen. Heute bildet die Serra do Mar einen der letzten großen Reste des Atlantischen Waldes, der in weiten Teilen der Küste fast vollständig verschwunden ist. Nach und nach erscheinen die einzelnen Motorrad-Clubs auf dem Gelände vor dem Zelt. In diesem Moment sind es die vom Regen völlig durchnäßten »Abutres« (Geier) aus Sao Paulo - laut Aufschrift auf ihren Lederjacken selbst eine »aussterbende Rasse«. Doch das erfrischende Bier an der langen Theke muß warten, was folgt, ist eine lustig-herbe Begrüßungszeremonie: Statt eines Händedrucks werden die Neuankömmlinge reihum von den bereits versammelten Bikern an den Schultern gepackt und kräftig hin- und hergestoßen, bis sie in einem übergroßen Volleyballnetz landen, das vor der Bühne aufgespannt ist. Erst dann geht´s ins Zelt, wo die Musik bereits auf Hochtouren läuft.Samstagvormittag. Die durchgefeierte Nacht hat in vielen Gesichtern tiefe Spuren hinterlaßen. Müde spazieren die ersten hinunter zum Strand, genießen die noch schwachen Strahlen der aufgehenden Sonne. Bald ist das verschlafene Fischerdorf zur Kulisse einer riesigen Motorrad-Ausstellung geworden. »Es sind rund 1000 Harleys hier«, schätzt Dentinho. Er hat gestern noch den Lastwagen in Sao Paulo abgeliefert und ist dann mit seinem Motorrad die 200 Kilometer gleich wieder hierher gefahren. Umringt von einem interessierten Publikum putzt er behutsam die Chromteile seiner 47er Flathead. Die Rarität mit der Gangschaltung an der linken Seite des Tanks ist nur eine von seinen vier Harleys, die früher alle einmal zum Fuhrpark der brasilianischen Polizei gehörten. Bis 1972 saßen die Cops auf den Bundesstraßen ausnahmslos auf Maschinen aus Milwaukee. »Aber die meisten Bikes in Brasilien sind nur Skelette von alten Polizeimaschinen, die mit anderen, vorwiegend japanischen Motoren wieder zum Leben erweckt werden - denn eine neue Harley können sich die wenigsten leisten.« Zum Leidwesen der brasilianischen Biker belegt die Regierung in Brasilia sämtliche importierten Motorräder mit saftigen Zöllen. Eine neue Harley-Davidson 883, die kleinste in der Modellpalette, kostet in Brasilien umgerechnet 28 000 Mark, eine aktuelle Heritage Classic ist derzeit nicht unter 55 000 Mark zu haben. Dentinho erzählt auch von Peter und Boris, zwei Deutschen, die vor fünf Jahren auf der Suche nach alten Harleys im Land umhergereist sind und am Schluß einen ganzen Container voller Motorräder und Teile nach Deutschland verschifft haben. »Uns wird hier alles weggekauft«, pflichtet ihm der dunkelhäutige Marcello bei. Er betreibt in Sao Paulo eine Motorradwerkstatt und schätzt das Festival vor allem als Ersatzteilbörse. Ganz konkret sucht er nach einem Zylinder für sein Modell Chicago 1943, und das schon über ein Jahr lang. Doch die Ersatzteilsuche muß heute warten. Mit einem langen Seitenblick bemerkt er eine blonde Frau im Sattel einer pinkfarbenen 77er Shovelhead, charmant lächelnd verschwindet er in ihre Richtung. Doch die Lady läßt keinen Zweifel daran, wem ihre Vorliebe gilt: »Als ich die erste Harley gesehen habe, war ich sofort verliebt. Mit einer japanischen Maschine würde ich nie fahren.« Für Fernanda, die Schulsekretärin aus Rio, sind Motorräder der Marke Harley-Davidson wie geschaffen für Fauen: »Sie sind zwar schwer, aber fordern trotzdem von mir als Fahrerin kaum Kraft.« Fast zehn Prozent seiner Maschinen verkauft Izzo Motors, der brasilianische Harley-Importeur, inzwischen an weibliche Kunden - eine Prozentzahl, die sich in etwa auch am Strand von Boissucanga beobachten läßt. Reine Männersache dagegen sind die fünf bulligen Motorräder, die ein Stück weiter im Staub vor einer Kaffeebar eine eindrucksvolle Phalanx bilden. Die in Brasilien gebauten Bikes der Marke Amazonas sind mit den 1600er Boxer-Motoren von VW bestückt, wiegen fast 400 Kilogramm und sind mit einem Rückwärtsgang versehen, ohne den sie nicht zu rangieren wären. Deren Besitzer werden im Gegensatz zu den Fahrern japanischer Motorräder von Harley-Fahrern sogar als ihresgleichen akzeptiert, sie gehören sozusagen zur Familie. Südamerikanische Dominanz herrscht dann auch bei einem Wettbewerb am Nachmittag: Es gilt, einen Wagemutigen auf Skiern, der an einem langen Seil hinter einem Motorrad hängt, möglichst weit durch den Schlamm zu ziehen. Vergeblich mühen sich diverse Harley-Fahrer, dann sind zwei verwegen aussehende Amazonas-Trikes mit ellenlangen Gabeln an der Reihe. Jaulende Boxer, durchdrehende breite Reifen und zwei Skifahrer, die vor einem tobenden Publikum kreuz und quer über den rutschigen Platz gezogen werden. So wird es gemacht. Etwas hintenan stehen allerdings die Fahrer japanischer Enduros: Ihnen wird die Teilnahme bei diesem Spektakel von den Veranstaltern einfach untersagt.Zur großen Tanzparty nach Einbruch der Dunkelheit dürfen dann wieder alle mit dabei sein, egal für welches Motorrad ihr Herz schlägt. Das gilt auch für diejenigen, die kein Motorrad besitzen. Sofort ist es im Festzelt brechend voll. Unter der stickigen Plane kocht die Luft, es riecht nach Bier, Qualm und Schweiß. Ohrenbetäubend schallt es aus den übergroßen Lautsprechern, viele hundert Biker tanzen und zucken zu den treibenden Klängen von heimischen Blues- und Rockbands, zur Musik der Doors und der Stones, und zu später Stunde grölt die tobende Menge wie aus einem Mund »Born to be wild«, dem Klassiker von Steppenwolf, den auch in Brasilien jeder Motorradfahrer kennt.Daß es am Strand von Boissucanga schon vor fast 450 Jahren auch schon ziemlich wild herging, belegen die ersten Reiseberichte über diese Region. Der deutsche Schiffbrüchige Hans Staden, der 1553 in dieser Bucht gestrandet war, beobachtete wie hier der Stamm der Tupinamba auf seine Feinde stieß, mit denen er sich eine heftige Schlacht lieferte. Bei der anschließenden Siegesfeier wurde kräftig gezecht, und die Tupinamba servierten sich die Gefangenen - Stück für Stück gebraten. Da bilden die Biker vom 3. Harley-Davidson-Festival trotz des provozierenden Outfits und der wilden Tätowierungen einen friedlichen Haufen. »Asphaltwolf« Pierro, Initiator des Festivals, bringt es auf den Punkt: »Am Wochenende setzte ich mich auf meine Maschine und fühle mich wie ein König, warum sollte ich mich dann benehmen wie ein Rowdy?«Auch nächstes Jahr wird in Boissucanga wieder kräftig gefeiert. Kontaktadresse: Lobos do AsfaltoRua Natingui, 756Vila Madalena05443-002 Sao Paulo S.P. BrasilTelefon 0055-11-8157116
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