Cruiser-Fahrt

Alles Abenteuer, oder was?

Ein Mann sucht mit seinem Cruiser noch einmal das Abenteuer. Um es zu finden fährt er von Angermünde nach Schwaben und zurück. 1600 Kilometer - Autobahn.

Welcher Mann kennt das nicht? Du bist Mitte 40 und denkst noch einmal über das große Abenteuer nach. Nicht den totalen Kick, den Overkill, sondern eine knackige Motorradtour würde schon reichen.Gedanken an einem Montagabend, an dem deine Frau feststellt, daß du seit vier Jahren alle möglichen Chrom- und Wunderputzmittel - das Sortiment jeder Reinigungsfirma gleicht dagegen dem eines Bauchladens - für deine Karre gekauft hast, aber der große Ritt allenfalls mal zur Ostsee führte. Also 180 Kilometer, großzügig gerechnet. Äh, äh, ja. Dann gehst du in den Motorradschuppen, stehst vor deinem stundenlang geputzten Teil und denkst zurück an die Zeit, als du an der MZ unterwegs aus der Hüfte Kette und Unterbrecher gewechselt hast. Und du merkst, daß du´s noch mal wissen und vorbei an Rückenschmerzen und steifem Hals direkt in die Ruhmeshalle der Weitfahrer einziehen willst. Schluß mit dem Puffi-Dasein - morgen geht`s los. Ich rufe meine Tochter in der Nähe von Stuttgart an, daß ich komme. Mit einem Gefühl wilder Entschlossenheit schlafe ich ein.Dienstag, 8.00 Uhr, sonnige 14 Grad. Die Gattin ist bei der Arbeit, die AC DC-Scheibe fliegt in den CD-Player, starken Kaffee einfahren, Klamotten aufpacken, die Katze nochmal streicheln und dann heißt es by, by geordnete Welt. Mt Haltungsnote zehn vorbei an Nachbarn, die Unkraut zupfen, Rosen gießen, die Zeitung holen, irgendwo düdelt die volkstümelnde Hitparade im Radio, na, sauber Burschi! Im Rückspiegel wird die mecklenburgische Heimat - laut Umfragen auf dem letzten Platz beim Wettbewerb um die Lebensqualität - immer kleiner, langsam Gas auf in Richtung Süden. 160 Kilometer später: Berlin ist vorbei, ich schalte auf Reserve, erste Druckstellen am Gesäß. Ganz locker bleiben beim Tanken, Cola trinken, Schokoriegel einwerfen und Kippe rauchen. Schönen Gruß von meiner Lunge und an alle vorbeirauschenden Biker. Kurz hinter Leipzig ist der Reservehahn wieder dran und der Druck inzwischen in ein Brennen übergegangen. Irgendwo zwischen Hof und Nürnberg ist es schließlich vorbei mit Lockersein. Erste Zeitberechnungen und Übernachtungsalternativen gehen durch den windgeschüttelten Kopf. Die Luft hat inzwischen 28 Grad, das Öl 100. Noch 30 Kilometer bis Stuttgart. Hey, hier ist old Daddy und seine Maschine, Easy Rider lebt, was für ein Gefühl, kein Gedanke mehr an die Rückfahrt. Meine Tochter erlaubt, daß das Chromteil nebens Bett kommt. Das bringt den Wahnsinn - aus den Kissen Standlicht oder Blinker anschalten, süßer träumen mit Ölduft und Benzin.Donnerstag, 8.00 Uhr, Rückfahrt nach Angermünde. Draußen ist es trübe, habe den Wetterbericht dreimal angesehen - dreimal Horror: 400 Kilometer Regen, dann wird es trocken. 9.00 Uhr. Es nieselt bloß. No problem, der Lederkram ist gut gefettet. Doch der Regen wird mit konstanter Boshaftigkeit stärker. Auf der A 6 fühle ich mich bereits wie im Auge des Hurrikans, Wolkenbruch, runter mit der Geschwindigkeit. Nach 150 Kilometern ankere ich auf einem Parkplatz. Das Feuerzeug ist tot, ertrunken, ohne soll ja auch gesünder sein. Hinter dem Nürnberger Kreuz zum zweiten Mal tanken. Der Tankwart nimmt den Schein mit zwei Fingern, unter mir eine Pfütze, Wasserstand in den Stiefeln bedenklich. Hallo Houston, wir haben ein Problem. Das Handy knarrt nur noch, ebenfalls ertrunken, die Dramatik steigt, und die an der Tanke düdelnde Vorabendserie im TV verblaßt dagegen zum Laienspiel. Die klitschnasse Lederjacke ziehe ich kurz aus, Gewicht etwa 25 Kilo. Vielleicht hält der Wechselpullover für die nächsten 100 Kilometer vor. Ich trinke noch ’ne Cola, damit das Feuchtigkeitsverhältnis innen und außen etwas ausgeglichen wird, esse eine Bratwurst am Stand. In der Raststätte dinieren die Bürger im kurzem Hemd. Ich schaue zu ihnen rein und sie gucken so komisch raus, nee danke, Bewunderung ist mir jetzt egal. Schon eigenartig, kein einziger harleyfahrender Zahnklempner ist auf Achse, liegt doch nicht am Wetter, oder? Dann kommt doch ein Typ vorbei und erzählt, er habe auch so ein Motorrad, aber heute komischerweise keinen Bock zu fahren. »Haste noch weit?« »Ach nö, bis Berlin und dann noch 100 Kilometer drauf.« Er guckt ein bißchen verstört, brummelt was von 500 Kilometer, die das ja noch wären, und wünscht mir alles Gute. Ich ihm auch, schönen Dank für das Mitgefühl. Dann kommen die Träume von einem Hotelzimmer, vom Trucker, der mich und mein Bike nach Hause bringt und von den verschmähten Gore-Tex-Klamotten. Wie´n Friseur losgefahren, passiert nur einmal, hoffentlich. Ach Shit, ich fahre einfach weiter. Hinter Hof hört der Regen auf, die Luft weht frisch, Klamotten und Fahrbahn trocknen langsam ab. Rennhaltung einnehmen - Gas auf. Allmählich wird es kühl, und die Substanz flaut ab. Na, muß sowieso wieder tanken. Schoko-Riegel, Cola und Zigaretten - blöde Qualmerei, hilft auch nicht. Ankommen, hämmert es unter dem Helm, konzentriert bleiben.Zwölf Stunden sind vorbei, es wird dunkel. Endlich, der Ortseingang von Angermünde, ich bin zu Hause! Und es ist wieder da, dieses geile Gefühl, es geschafft zu haben. In der heißen Badewanne denke ich daran, wie ich morgen alle besuche, die Motorradkumpels, die Arbeitskollegen, meine Mutter, und allen meine Story reindrücken werden, ob sie sie hören wollt oder nicht. Ich kriege mit, wie meine Frau irgendwem am Telefon erzählt, old Daddy wäre wieder da, bißchen Lack sei ab, aber sonst okay. Mann, den Bock putzen dauert bestimmt zwei Tage. Ich werfe ein Aspirin ein, sicherheitshalber. Auch Helden können ’ne Grippe kriegen.
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