Das Geisel-Drama in der Sahara, Teil 1

Der Alptraum

177 Tage war der Sahara-Fahrer Rainer Bracht zusammen mit 31 weiteren Geiseln in der Gewalt algerischer Terroristen. Zu Hause erlebte seine Frau Petra währenddessen eine der spektakulärsten Such- und Rettungsaktionen der Nachkriegsgeschichte. In einer mehrteiligen Reportage veröffentlicht MOTORRAD nun die Aufzeichnungen der beiden. Was passiert eigentlich, wenn ein Motorradurlaub zum Inferno wird?

Foto: Bracht
Sahara-Geiseln
Sahara-Geiseln
Petra: Morgen ist Sonntag, der 9. März, Rainers Geburtstag. Langsam bin ich in großer Unruhe. Seit einer Woche von Rainer und den anderen drei Jungs kein Lebenszeichen aus Algerien. Am 7. wollten sie auf der Fähre sein. Irgendwas stimmt nicht. Gestern rief Christians Freundin Esther an, völlig aufgeregt. Christian sei bereits seit einer Woche überfällig. Ich beruhigte sie noch, er sei sicher mit Rainer, Martin und Arjen länger geblieben. Aber spätestens aus Tunis oder Genua hätte Rainer sich doch gemeldet! Er hat häufig angerufen von dieser Tour. Sagte, dass ich ihm fehle. Normalerweise reisen wir immer zusammen, doch aufgrund einer Operation bin ich dieses Mal nicht dabei. Bei seinem vorletzten Anruf aus Djanet schwärmte er von der wunderschönen Dünenpassage, erzählte, wie gut alles laufe, die Mopeds, die Tour. Aus Illizi meldete er noch, dass sie die geplante Route über Tarat oder das Qued Imirhou aufgegeben hätten – die Tarat-Ostroute sei nur eine unattraktive Rumpelpiste und das Qued nach heftigen Regenfällen unbefahrbar. Dafür gehe es morgen auf die Gräberpiste. Wie gerne wäre ich dabei! So sehr hatte ich mich bei einer früheren Afrikareise in diese Landschaft verliebt, den roten Sand mit den schwarzen Steinen und grünen Büschen. Und dann sagte er noch, dass er aus Tunesien wieder anrufe! Und nie mehr ohne mich in Urlaub fahren würde, denn das wäre irgendwie nichts! Danke, Rainer. Ich freue mich, dass er mich vermisst! Arjens Freund Marten klingelt durch. Wo Arjen sei? Noch in der Nacht rufe ich die Notfallnummer der Botschaft in Algier an. Alles in mir ist voller Angst! Ich spüre, dass etwas passiert ist. Petra Bracht ahnt instinktiv, dass Rainer nicht mehr anrufen kann. Sie weiß allerdings nicht, dass er bereits seit zwei Wochen von militanten Islamisten festgehalten wird. Etwa 24 Stunden nach dem Anruf aus Illizi war der Urlaub der vier Wüstenfahrer mit einem Schlag zu Ende. Rainer: Es ist der Abend des 23. Februar. Wir campieren kurz vor dem Brunnen Ain el Hadjadj in den Dünen. Plötzlich sind Enduros zu hören. Eigentlich merkwürdig, da normalerweise in der Dämmerung keiner fährt. Vorsichtig schaue ich nach und entdecke einen Konvoi auf der Gräberpiste. Mehrere Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren, ein roter Toyota Hiace und drei Enduros. Hintendrauf langbärtige Beifahrer mit umgehängten Kalaschnikows. Sieht nicht gut aus. Als ich mich umdrehe, entdecke ich meine Mitfahrer weithin sichtbar auf einer Düne stehen. Verdammt! Der Konvoi biegt prompt in unsere Richtung ab, die Bewaffneten gruppieren sich um uns. Seltsamerweise habe ich keine Angst. Wenn es Fundamentalisten der GIA wären, hätten sie die anderen nicht mitgenommen, sondern gleich ermordet. Wie sich herausstellt, gehören sie zur einer salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf, GSPC. Wir hätten nichts zu befürchten, beteuern sie. Sobald ein paar »Kleinigkeiten« geregelt wären, könnten wir wieder gehen. Zunächst aber müssen wir mitkommen. Wir packen und starten mit jeweils einem Bewacher auf dem Motorrad nach einem kurzen Stück Gräberpiste in Richtung Süden. Diese Nebenpiste ist extrem schwierig und die Fahrerei bei Dunkelheit plus Sozius haarig. In einer schweren Felspassage stürzt Arjen, verrenkt sich den Arm. Er kann weiterfahren, hat jedoch starke Schmerzen. Wenigstens ist die Schulter nicht ausgekugelt. Völlig übermüdet campieren wir bei Tagesanbruch in einem Versteck. Wir sind zu elft. Die schweizer Toyota-Besatzung Marco Hediger, Reto Walter, Sibylle Graf und Silja Stäheli sowie Frank Gottlöber, Jürgen Matheis und Sascha Notter mit zwei KTM und einer Africa Twin. Sie wurden eine Nacht vor uns aufgegriffen. Im Schutz der Dunkelheit schleicht der Konvoi in der nächsten Nacht weiter. Wir schaffen auf der wüsten Piste gerade 20 Kilometer bis zum Morgengrauen. Drei Nächte geht das so, bis wir das endgültige Versteck erreichen. Wir müssen etwa 90 Kilometer südwestlich von Illizi sein. Petra: Am Montag, den 10. März, bestätigt Algier, dass die vier Männer das Land nicht verlassen haben. Ich bin völlig durcheinander. Was macht man jetzt? Das Auswärtige Amt wurde von Christians Mutter bereits informiert. Die Idee, zur Polizei zu gehen, verwerfe ich. Habe Angst zu hören, mein Mann sei erwachsen, und überhaupt, wer nach Algerien fahre, müsse sich nicht wundern. Das Sahara-Forum im Internet! Die sind näher dran! Wer hat die vier Enduristen Martin Hainz, Christian Grüne, Rainer Bracht und den Holländer Arjen Hilbers zuletzt gesehen? Noch am selben Tag setzen wir Angehörigen die erste Nachfrage ins Netz. Beim Auswärtigen Amt nimmt man die Sache indessen noch nicht so richtig ernst. Sie haben vermutlich ihre Gründe, doch in dem Moment werde ich fast wahnsinnig. Es wird besser, als wir erklären, die Kosten für Autos und Helikopter zu übernehmen. Endlich, die Suche beginnt. Auf der Gräberpiste zunächst. Eine Bekannte aus Tamanrasset meldet per Mail von vorangegangenen starken Regenfällen in der Region. Eventuell hätten sie dadurch Schwierigkeiten bekommen. Es seien dort aber auch Banditen zu Gange und ein Überfall denkbar. Esther überlegt, nach Illizi zu fliegen. Sie spricht fließend Fran-zösisch und hat noch ein gültiges Visum für Algerien. Ich grüble halbe Nächte: Wenn die vier ein technisches Problem gezwungen hat, an einer unglücklichen Stelle zu übernachten... Wir hatten im Qued Imirhou vor Jahren genau so eine Situation. Alptraum!!! Die Vorstellung, in der Nacht von einer halben Meter hohen Schlamm-Lawine überrascht zu werden... Inzwischen melden sich immer mehr Leute im Sahara-Forum, geben ungezählte Infos. Die Nächte sitze ich am Computer, tags oft bis zu elf Stunden am Telefon. Anrufen, anrufen lassen: die Informationen gehen hin und her. Und Martins Eltern in Bad Tölz haben noch keinen Internet-Anschluss! Mühsam halte ich sie übers Telefon auf dem Laufenden. Martin war stets der Ansicht, das Internet sei eine reine Zeitvernichtungsmaschine. Für mich ist es inzwischen der Nabel zur Welt. Rainer: Bei Tage entpuppt sich unser Versteck als eine teil-weise mit Steinplatten bedeckte Felsspalte in einer Schlucht des Tamelrik-Gebirges. Zwei Meter breit und 20 bis 30 Meter lang. »Hotel Mudjahedin«, wie es unsere Bewacher nennen. Bereits seit Oktober leben einige von ihnen hier, bauten selbst die Verbindung zur Gräberpiste und schafften alles Nötige für eine Geiselnahme heran. In Sichtweite der Bewacher können wir uns relativ frei in der Schlucht bewegen, bauen aus Steinen eine Sitzgruppe samt Tisch und aus meinem Überzelt ein Sonnensegel. Lehmig braunes Wasser gibt es aus ein paar Löchern am Boden der Schlucht. Einige von uns ekeln sich, doch ich habe beschlossen, alles zu trinken und zu essen, was da ist. Morgens gibt es Fladenbrot, so viel wir mögen, mittags und abends Linsen, Bohnen, Reis, Nudeln und Grießbrei in diversen Zusammenstellungen. Marc hat angenehmerweise noch Konfitüre, Müsli und andere Leckereien aus seinem Toyota retten können, bevor das Auto mit den Motorrädern unterwegs zurückgelassen wurde. Unser Reisegepäck durften wir mitnehmen. Manche mogeln sogar noch Kamera und Filme durch, während GPS, Landkarten und Reiseführer in die Entführerbestände wandern. Das brauche man für den Djihad, den Heiligen Krieg.Petra: Die Suche auf der Gräberpiste wird erfolglos abgebrochen! Währenddessen meldet das Sahara-Forum eine weitere vermisste Gruppe: vier schweizer Toyota-Fahrer, ebenfalls seit Ende Februar überfällig. Ich bin in höchster Aufregung. Wenn durch das Unwetter ein Unglück passiert wäre, dann hätte man doch irgendetwas finden müssen! Kleidungsstücke, Motorradteile, Zelte...irgendwas! Einer hätte sich bestimmt retten können! Es kann einfach nicht sein, dass alle gleichzeitig einer Schlamm-Lawine zum Opfer fallen. Arjens Angehörige behaupten plötzlich, unsere Leute seien niemals in Illizi angekommen! Arjen habe nur von Tarat und dem Qued Imirhou gesprochen und dies auch in seinem PC abgespeichert. Verhängnisvollerweise liefern weder Zeltplätze noch Hotels in Illizi einen Nachweis von der Gruppe. Vielleicht waren auch bloß die blöden Meldezettel nicht ausgefüllt worden... Ich werde inzwischen fast verrückt, weil alles an meiner Erinnerung an das letzte Telefongespräch hängt. Rainer war in Illizi – da bin ich ganz sicher. Immer wieder rufen Leute an, die selbst in Algerien waren oder mir sagen, wer sie zuletzt gesehen haben könnte. Darunter Reiseprofis wie Gerhard Göttler, Axel Därr, Dieter Höpfner und Werner Nöther. Gerade sie werden wichtige Gesprächspartner! Ich weiß nicht, was ich ohne sie machen würde.Rainer: Bald kommen wir mit unseren Bewachern ins Gespräch und erfahren, dass ihre Organisation GSPC eine Abspaltung der islamischen FIS-Partei sei, die Anfang der 90er die Wahlen in Algerien gewonnen hatte. Allerdings wurde diese daraufhin vom Militär annulliert, woraufhin die GSPC in den Untergrundkampf gegen das Regime in Algier zog. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe sitzt da um uns herum, vom Bauern bis zum Uni-Absolventen, allein von dem Glauben geeint, eine islamistische Gesellschaft sei die Lösung aller Probleme. Organisiert ist die GSPC in neun Divisionen, die jeweils 40 bis 50 Kämpfer und einen kommandierenden Emir umfassen. Wir sind Gefangene der 5. Division mit dem Emir Abd el Razak amaria Abu Haidara – als ehemaliger Fallschirmjäger und Armee-Deserteur auch el Para genannt. Er gilt als äußerst ehrgeizig, erfahren in Entführungen und managt unsere Aktion angeblich im Alleingang. Die Truppe war offenbar auf dem Weg in den Niger gewesen, um Waffen zu kaufen. Als sie dabei auf die Gräberpiste stießen, kamen sie auf die grandiose Idee, ihre Waffenkäufe durch Kidnapping von Touristen, die auf der Piste unterwegs sind, zu finanzieren. Petra: Eine neue Motorrad-Gruppe wird vermisst. Jürgen Matheis, Frank Gottlöber und Sascha Notter. Sie sind nicht auf der für 14. März gebuchten Fähre eingetroffen und waren ebenfalls auf der Gräberpiste unterwegs. In der Gegenrichtung, von Bordj Omar Driss nach Illizi. Als ich Frau Maas von der Deutschen Botschaft in Algier die neue Entwicklung durchgebe, verliert sie fast die Fassung. Jetzt wird endgültig klar, dass da etwas ganz anderes dahintersteckt als Verirren oder Pannen. Rainer: 9. März, heute ist mein 46. Geburtstag. Es geht mir ziemlich schlecht. Obwohl Sibylle und Silja sogar einen Strauß Wüstenblumen auftreiben, kann ich die Gedanken an zu Hause nicht verdrängen. Normalerweise wäre ich heute heimgekommen, und wir hätten gefeiert. Jetzt wird für Petra endgültig zur Gewissheit, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Ich hoffe, sie hält das durch. Am nächsten Tag tauchen die Mudjahs mit vier weiteren Geiseln auf. Zufällig von unseren Bewachern entdeckt, als sie einen Fluchtweg zur Straße Illizi–Fort Gardel suchten. Einen Weg durch die tiefen Canyons fanden sie nicht, aber dafür die vier Augsburger, die mit ihren Allrad-Ivecos an einer Guelta, einer Wasserstelle, Pause machten. Mit Erna und Kurt Schuster sowie Michaela Spitzer und Witek Mitko sind wir nun zu fünfzehnt. Es wird eng in der Felsspalte.Petra: Um das Suchgebiet einzuschränken, bitten wir Frau Maas, noch einmal zu überprüften, ob sich unsere Leute vielleicht bei einem Militärposten eingetragen haben, in Hassi Bel Guebbour, El Adeb Larache oder In Amenas. Die Sache scheint nun ernster genommen zu werden. Zermürbenderweise stehen die Holländer wegen Arjens Aufzeichnungen unverändert auf dem Standpunkt, dass unsere Gruppe niemals in Illizi angekommen wäre! Das Chaos in meinem Kopf wird stetig größer. Wieso habe ich mir das letzte Telefonat nicht genauer gemerkt? Aber wer hätte je ahnen können, wie wichtig das mal würde? Die Suche wird in die entgegengesetzte Richtung umgeleitet. Esther ist nun doch nach Algier geflogen. Total fertig mit den Nerven rief sie an. Ich kapiere gar nicht richtig, was sie will. Nur, dass sie jetzt selbst suchen wird. Mit Herrn Zegri, dem Zeltplatzbetreiber von Illizi, fährt sie zwei Tage lange die Tarat-Piste ab, während Helikopter dort und am Qued Imirhou aus der Luft suchen. Herr Zegri kennt Rainer, und ich setze alle Hoffnungen auf ihn. Doch die Suche bleibt ohne Ergebnis, nach zwei Tagen kehren sie mit ruinierten Reifen vom viel zu schnellen Fahren auf der miesen Piste zurück. Also auch auf der Tarat-Route nichts. Mich treibt die Angst um, dass wir am falschen Ort suchen. Ich äußere beim Auswärtigen Amt die Vermutung, dass sie eventuell nahe der libyschen Grenze vom Militär verhaftet wurden. Könne nicht sein, heißt es aus Berlin, so ein Vorfall müsste innerhalb von drei Tagen den deutschen Behörden gemeldet werden! Na ja, der gute Mann war noch nie außerhalb Europas.Rainer: Mit einem kleinen Radio hören wir Deutsche Welle. Dadurch erfahren wir, dass wir zumindest vermisst werden. Offenbar gibt es Vermutungen, wir hätten uns verirrt, da die Amerikaner wegen des beginnenden Irakkriegs eventuell das GPS abgeschaltet hätten. Oder seien in einem Wadi ertrunken oder ohne Benzin liegen geblieben. Kein Wort von einem Bekennerschreiben.Petra: Im Sahara-Forum melden sich Reisende, die offenbar das letzte Bild von unseren Jungs gemacht haben. Es zeigt sie am Nachmittag des 21. Februar am Tin-Taradjelli-Pass. Tragischerweise liegt der Pass vor der entscheidenden Gabelung Tarat-Piste oder Illizi. Die Schlüsselfrage bleibt also weiter offen. Jetzt fehlen drei Reisegruppen. Alle verschwanden zwischen dem 23. und 25. Februar und müssen sich im Bereich des Dünendurchstieges entlang des Qued Samene befunden haben. Arjens Angehörige haben Urlaub genommen und recherchieren im Team. Mir fällt es alleine auch zunehmend schwerer, die Freunde entweder verreist oder weit weg. Schließlich bilde ich mit unseren Geschwistern den »freitäglichen Krisentisch«. Wir versuchen, uns gegenseitig und auch Rainer Kraft zu geben. Rainer: Endlich! Mit dem Verschwinden der Augsburger scheint klar geworden zu sein, dass ein Verbrechen vorliegt. Hubschrauber der algerischen Armee kreisen plötzlich über der Region. Wir dürfen nun die Felsspalte tagsüber nicht mehr verlassen. Zunächst sind wir völlig euphorisch, versuchen Zeichen zu geben, malen nachts SOS in den Sand. Doch sie kreisen und kreisen, drehen wieder ab. Sie müssen uns doch sehen! Irgendwann bleiben sie weg. Frustriert sacken wir zurück in die inzwischen angenommene Lethargie. Fast einen Monat ist es nun schon. Der Tabak aufgeraucht, alles Lesbare gelesen, die selbst gebastelten Zettelkartenspiele schon x-mal gespielt. Manche hangeln sich von Tag zu Tag, hoffen ständig neu, ich versuche mich eher auf die Situation einzustellen. Am schlimmsten ist, nie allein zu sein. Als die Quelle unter den Felsen mit dem beginnenden Sommer austrocknet, melde ich mich freiwillig zum Wasserholen an einer Guelta. Eine Stunde Weg. Einfach. Doch es ist eine Abwechslung. Aber wenn andere sich dann mit dem mühsam hochgeschleppten Wasser Haare oder Füße waschen, fällt es schwer, freundlich zu bleiben. X. will Tabletten. Wir haben ein paar, doch rationieren sie für wirklich starke Schmerzen. X. ist depressiv, war es vermutlich schon vorher. Die Reise ein Ausbruchsversuch, der nun völlig schief ging. Ich weiß nicht, wie man gebaut sein muss, um dieses ewige Warten durchzustehen. Labil jedenfalls nicht.Petra: Im Sahara-Forum bieten alle Leute, die jetzt noch nach Algerien fahren wollten, ihre Hilfe an! Wir bitten sie, andere Touristen zu warnen, denn bisher weiß kaum jemand von der Sache. Sie verteilen Flugblätter mit Suchmeldungen auf der Fähre, schlagen sie auf den Campingplätzen in Tunesien und Algerien an. Doch in Algerien verschwinden sie sofort. Am 17. März bringt BILD den ersten kleinen Artikel. Der Anfang einer Lawine! Rainer: Am fünfzigsten Tag landet ein Helikopter in der Nähe und brennt einen Pick-up der Fundamentalisten ab. Sehen sie uns in dem zerklüfteten Terrain nicht? Wir müssen sofort das Versteck räumen und ziehen 500 Meter weiter in eine Höhle um. Petra: Am 19. März fliegt Frau Maas von der Botschaft mit einem Schweizer Kollegen selbst nach Illizi. Sie mieten alles an Autos, was rollen kann und erteilen Herrn Zegri den Auftrag, die Suchaktion zu leiten. Sonderbar ist nur, wie ich später erfahre, dass alle Suchtrupps täglich gegen 17 Uhr wieder da sind. Bei der Größe des Gebietes merkwürdig. Ich frage mich häufig, auf welcher Seite die Algerier eigentlich stehen. Man beschließt, eine Kamel-Karawane loszuschicken, die zwei Wochen lang die Region absuchen solle. So sähe man mehr als mit Autos, heißt es. Zum Glück haben die Schweizer Geld dabei. Die Leute dort unten nehmen bisher alle Kosten auf ihre Kappe. Manchmal bin ich sprachlos. Am 24. März bricht die Karawane auf. Parallel dazu steigen Hubschrauber mit Wärmebildkameras auf. Und von der Übernachtung in Illizi gibt es noch immer keinen Nachweis. Rainer: Am 30. April ist unser 19. Hochzeitstag. Ein Tag, den wir zu Hause kaum registrieren. Hier fühlt sich das ganz anders an. Mir geht es schlecht, und ich fürchte, Petra ebenfalls. Ich denke viel an sie.Vor einiger Zeit ist der Emir mit 20 Kämpfern verschwunden, Kontakt läuft nur noch per Funk. Schließlich kommt die Meldung, dass dieser Trupp 17 weitere Touristen als Geiseln genommen hat. Jetzt gibt es 32 Gefangene, aber kein Bekennerschreiben. Mittlerweile wird das Essen knapp, das Brot rationiert und der Wasseranteil in der Suppe stetig größer. Christian versucht, durch Verhandlungen unsere Freilassung zu beschleunigen. Dadurch kommt unser Führer Osama zu so nützlichen Dingen wie neuen Schuhen, sonst ändert sich nichts. Meiner Meinung nach verhandeln nicht wir, sondern andere über uns. Mit dieser Ansicht stehe ich ziemlich alleine da. Das ginge wohl über meinen Horizont von »Abwarten und Tee trinken« hinaus, heißt es. Ich hasse Illusionen. Dafür bin ich ziemlich geduldig und halte gute Beziehungen zu einfachen Kämpfern für wichtiger. Wie Osama, der uns regelmäßig etwas zusteckt, oder Abu Hafsa, der manchmal heimlich Brot für uns backt.Petra: Immer mehr Touristen werden vermisst gemeldet! Jetzt sind die Behörden hellwach, so viele gut ausgerüstete Teams können nicht einfach verschwinden. Am 1. April bildet das Auswärtige Amt einen Krisenstab. Langsam begreifen alle, was da passiert. Aber wenn es eine Entführung ist – wieso gibt es keine Forderungen? Die Polizei meldet sich, ich müsse nun eine Vermisstenanzeige machen. Sie notieren Rainers persönliche Angaben. Und nehmen Fingerabdrücke und Haare für eine DNA-Analyse ... Ich hoffe, dass man sie niemals brauchen wird. Ich weiß, sie leben!Teil 2 folgt in MOTORRAD 25/2003
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