Reiseziele: Pioneer Run

As times go by

Jedes Jahr am ersten Frühlingssonntag suchen Veteranen-Liebhaber im Süden Englands die Spuren einer vergangenen Zeit

»Ja, da, Heiner. Stopf den Schal noch fester in den Kragen.« Heiner Beckmann ist erkältet. Er und seine Frau campen seit Mittwoch auf der nassen Wiese hinter der Pferderennbahn von Epson Downs, im Süden Londons. Seit Mittwoch geht ein Landregen nach dem anderen auf die umliegende Grafschaft Surrey nieder. Und heute ist Sonntag. Aber nicht irgendein Sonntag. Es ist der dritte Sonntag im März. Und im Süden Englands beginnt am dritten Sonntag im März, dem ersten Frühlingssonntag, die Motorradsaison mit einer Ausfahrt. Aber nicht mit irgendeiner Ausfahrt. Es ist der Pioneer Run, für Motorrad-Veteranen aus den Jahren bis 1914, mit dem der britische Sunbeam Motor Cycle Club seit 1930 alljährlich - bis auf die Jahre 1940 bis 1945 - an ein Ereignis aus dem Jahr 1904 erinnert: Damals fand ein halbes Dutzend englischer Gentlemen, es sei an der Zeit zu beweisen, daß ihre Motor-Cycles, ihre Motor-Fahrräder - das Wort »Motorbike«, Motorrad, kam erst nach dem Ersten Weltkieg auf - zuverlässig genug seien, um eine Fahrt über Land wagen zu können. So verabredeten sie sich für den dritten Sonntag im März zum Treffen an der Pferderennbahn von Epson Downs im Süden Londons. Von dort aus wollten sie geradewegs nach Süden fahren, zum Seebad Brighton an die Kanalküste. Kein leichtes Unterfangen. Lehm und Schotter waren damals der übliche Straßenbelag, und der war durchsetzt von Hufnägeln, die Generationen von Zug- und Reitpferden verloren hatten und die nun von den empfindlichen »Pneumatics« wieder aufgesammelt wurden.Die Wege durch die Hügellandschaft im Süden Englands führen manchmal steil bergauf und bergab; keine einfache Übung für die schwachen Fahrzeuge mit ihren überhitzenden Gußeisen-Zylindern und nur marginal wirksamen Keilklotz-Bremsen an den Hinterrädern - die Vorderräder traute man sich damals nicht zu bremsen, aus Furcht vor Überschlägen. Auch war die Zuverlässigkeit der Motor-Räder natürlich nur relativ: Zündkerzen zerbröselten, Abreiß-Zündungen streikten, Vergaser verstopften oder waren voller Wasser. Und außerdem mußten die Gentlemen ständig nach Apotheken Ausschau halten. Denn Tankstellen gab es 1904 nirgendwo. Nur in Apotheken waren die nötigen Betriebsstoffe für die Motor-Räder zu bekommen: Rizinusöl oder Walöl für die Schmierung der Motoren, Waschbenzin und Benzol als Treibstoff und Karbid für die Lampen. Doch schließlich kamen sie in Brighton an und bewiesen, daß Motor-Cycles auch für Überlandreisen taugten. Das mutige Unterfangen sprach sich in England rasch herum, und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfreute sich die Ausfahrt London-Brighton wachsender Beliebtheit. Nach diesem Krieg jedoch hatte die Welt anderes zu tun, als Vorkriegs-Technik zu feiern. Die Pioniere der Motorradtechnik gerieten in Vergessenheit. Erst der englische Sunbeam Motorcycle Club erinnerte sich 1930 wieder der Vorkriegs-Veteranen und führt seitdem den Pioneer Run durch. Motorräder, Gespanne, Trikes und Forecars - eine Art Motorrad-Rikscha - sind zugelassen, die vor dem ersten Januar 1915 gebaut worden sein müssen. Allerdings konnte 1930 niemand ahnen, daß das Teilnehmerfeld des Pioneer Run bis zum Jahre 1996 auf stolze 338 Teilnehmer anwachsen würde. So hat die Präsidentin des Sunbeam Motorcycle Club und Organisatorin des Pioneer Run, Marjorie Ayers, mit dem Andrang alle Hände voll zu tun. Die zierliche ältere Lady, die man vielleicht in einem Damenkränzchen bei Tee und Gebäck vermuten würde, stapft in Gummistiefeln und Regencape über die matschige Wiese hinter der Pferderennbahn von Epson Downs, begrüßt Bekannte, hat für jeden ein freundliches Wort und schafft es dennoch, die erste Starter-Gruppe von zehn Teilnehmern mit Motorrädern aus einem Baujahr vor 1904 pünktlich zehn Minuten vor acht Uhr am Start zu versammeln. In dieser Gruppe startet auch Heiner Beckmann aus Harsewinkel-Greffen, Westfalen, mit seiner Gritzner: dreieinhalb PS, Baujahr 1903. »Die Gritzner habe ich vor zig Jahren auf einem Dachboden gefunden und komplett restauriert. Der Motor war bis auf ein paar Dichtungen und die Gleitlager des Pleuels noch in gutem Zustand, deshalb habe ich nicht mehr als nötig gemacht. Seit der Restaurierung bin ich mit ihr echte 30 000 Kilometer gefahren«, erklärt der verschnupfte Enthusiast kurz vor dem Start. Aber das Fieber der Erkältung geht unter im Lampenfieber aller Beteiligten. Jeder hier weiß, daß es sich beim Pionneer Run nur um eine Ausfahrt unter Veteranen-Liebhabern handelt, daß die Fahrzeuge viel zu selten und kostbar sind, um mit ihnen etwas zu riskieren. Und doch: Nervös wie Rennfahrer nesteln die Fahrer an ihren Fahrzeugen, regulieren Nebenluft-Klappen, stellen Zündzeitpunkt-Hebel ein, pumpen ein letztes Mal Luft in das Druckreservoir der Tropföl-Schmierung. Bis ein Satz alle Aktivität verstummen läßt: »Ladies and Gentlemen, ten seconds to start.« Cyril Frazer, der Bürgermeister des Startorts Epsom Downs, fuhr selbst in den fünfziger und sechziger Jahren auf BSA- und Matchless-Motorrädern lange Touren durch Europa. Deshalb läßt er es sich in keinem Jahr nehmen, selbst die Startflagge zu senken. Punkt acht Uhr fällt die Flagge, und Cyril Frazer schickt die ersten zehn Teilnehmer auf die 84 Kilometer lange Strecke nach Brighton.Das Knattern, Stampfen und Röhren der Fahrzeuge wird nur selten von einer Fehlzündung unterbrochen. Die meisten Maschinen wurden mit moderner Technik top restauriert und schnurren wie ein Uhrwerk. Sicher, ein paar Anlaufschwierigkeiten gibt es immer. Aber jeder Pioneer Run-Teilnehmer, der irgendwo liegenbleibt, hat sofort eine Traube hilfsbereiter Zuschauer um sich versammelt, und jeder kommt früher oder später doch noch vom Fleck. Heute sind Lehm, Schotter und Hufnägel der ursprüglichen Route unter der Autobahn-ähnlichen Schnellstraße A 23 London-Brighton verschwunden. Und so war der Pioneer Run in den letzten Jahren für die Veteranen ein zermürbender Vollgas-Marathon im Fernverkehr. Darum brach der Sunbeam Motorcycle Club in diesem Jahr erstmals mit der traditionellen Route. Ein paar Kilometer nach dem Start verläßt die neue Strecke den historischen Weg und biegt ab auf die typischen engen und winkeligen Wege, die steil auf- und abwärts zwischen Weidenhecken und durch Dörfer hindurchführen.Hunderte von Enthusiasten beobachten den Start, andere Hundertschaften säumen die Strecke. Und buchstäblich Tausende von Londoner Motorradfahrern - mit modernem Material - benutzen den Pioneer Run als Anlaß zur ersten Ausfahrt im Jahr und begleiten die Veteranen auf ihrem Weg nach Brighton. Auch wenn die klassischen Motorräder heute mit besserem Material ausgestattet sind als zu Beginn des Jahrhunderts, wenn auch die Straßen heute asphaltiert sind und Benzin und Öl nicht mehr in der Apotheke gekauft werden müssen; ein paar Dinge sind noch genauso wie damals: Da ist das Wetter, lausig zu Beginn, neblig und naß. Doch nach der Hälfte der Strecke heben sich Dunst und Nässe, und wärmende Sonnenstrahlen durchfluten zum ersten Mal seit Wochen die sattgrüne Landschaft. Dann sind da die Steigungen und Gefälle. Je nach Mut und Fähigkeiten kriegen einige der Veteranen bergab bis zu 100 km/h drauf. Bergauf jedoch wird gekämpft, gestrampelt und geschoben. Und schließlich ist da noch der Ehrgeiz. Viele Teilnehmer kennen sich schon seit Jahren, man trifft sich auf verschiedenen Veranstaltungen, entwickelt Freundschaften - und Rivalitäten. So bekommen die Zuschauer am Streckenrand zum Teil echte TT-Atmosphäre geboten, wenn zwei Charaktere aufeinander treffen und langliegend um km/h und Meter kämpfen.Kurz vor Brighton biegt der Pioneer Run dann wieder ein auf seine alte Strecke, und die Teilnehmer finden sich nach einigen Kilometern Schnellstraße sämtlich eingekeilt in den Stadtverkehr von Brighton. Dieser Teil ist der anstrengendste. Eine Reihe Motorräder hat weder Kupplung noch Getriebe, sondern muß vor jeder Ampel abgestellt und wieder angeschoben werden. Keuchend und mit hochrotem Kopf erreichen aber auch die Fahrer solcher Maschinen schließlich Brightons See-Prommenade, den Madeira Drive.Und hier, vor der berühmten Seebrücke Palace Pier, stehen sie schließlich alle glänzend in der milden Frühlingssonne zur Parade und Besichtigung aufgereiht: die Ariel und Bat, die Chater-Lea und Douglas, die Fafnir, Hobart, Indian, James, Jap, Lewis, Magna-Debon, Minerva, Premier, Singer und und und. Aber halt: Es fehlt die Gritzner. Motorradfahren muß doch gesund sein, denn als Heiner Beckmann seine Gritzner durch die Reihen hinter der Zieldurchfahrt schiebt, ist in seinen Augen von Erkältung keine Spur mehr. Und wie war«s? »Ich bin heute zum zehnten Mal hier«, resümmiert Heiner Beckmann. »Aber soviel Spaß wie diesmal auf der neuen Streckenführung hat’s noch nie gemacht. Das schwör« ich, im nächsten Jahr, zum 60. Pioneer-Run, bin ich wieder dabei.« Und das trotz Schlammwiese, Landregen und Erkältung; das ist echter Pioneer-Geist.
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