Weltreise mit CBR 900 RR

Fireblade-Sjaak

Was einen Mann bewegt, eine Weltreise zu machen, kann man sich vorstellen. Warum er dafür eine Honda Fireblade wählt, erfordert indessen einige Erklärungen von dem 39-jährigen Holländer Sjaak Lucassen.

»Alles nur eine Frage der Einstellung und des Zeitplans. Wenn du nicht zu einem festen Termin ankommen musst, ist jede Strecke zu bewältigen. Mit jedem Motorrad.« Auch die 500 Kilometer lange Schlammpiste in Kenia, auf der Sjaak am ersten Weihnachtstag 1997 sieben Stunden für fünf Kilometer brauchte? Auch die. »Ich habe mir einfach überlegt, wovor man da Angst haben soll, wenn man genug Sprit und Essen dabei hat und vor lauter Regen nicht mal verdursten kann.« Klingt einleuchtend. Sjaak Lucassen, 39 Jahre und im früheren Leben Arbeiter bei einem Kartoffelhändler, braucht einen gewissen Adrenalin-Pegelstand, um überhaupt Ruhepulsniveau zu erreichen. Vermutlich herrschte in seinen Adern schon Unterdruck, als er sich am 23. Mai 1995 in dem kleinen limburgischen Nest Maashees an der Maas, wo das einzig Aufregende die Rechts-Links-Kurve auf der Landstraße von Groningen nach Boxmeer ist, mit seiner 80 000 Kilometer alten CBR 900 RR auf den Weg gen Osten machte. Auf dem Heck ein 20 Kilo schweres Koffersystem aus zwei Millimeter-Alublech, an der Gabel Faltenbälge und ein Lenkungsdämpfer, der Rest blieb original. »Beim Reisen ist entscheidend, dass man sich wohl in seiner Haut fühlt. Und auf meiner Fireblade fühle ich mich wohl. Aber nur so, wie sie ist.« Am 26. Mai knallt an der polnischen Grenze in Görlitz der erste Stempel in den Pass - drei Monate später erreicht er Wladiwostok. 26 333 Kilometer Erfahrungen liegen hinter ihm und der Blade. Und die waren leichter, als er es sich vorgestellt hat. Bis auf die unablässigen Polizeikontrollen läuft es gut. Die CBR rennt wie der Teufel, schluckt tapfer auch das mieseste Benzin, legt Wochen auf löchrigem Asphalt und hinter dem Ural auf Sand- und Schotterpisten zurück. Sjaaks Konzept, trotz der Aufbauten den Schwerpunkt möglichst tief zu halten, funktioniert. Selbstgeschweißte Alubehälter über dem Kurbelgehäuse tragen schwere Ersatzteile wie Kette und Ritzel. Ersatzgriffe, Züge, Bremsbeläge, Blackbox und Regler liegen in den fahrdynamisch günstig über der Radachse platzierten und nur halbvoll gepackten Koffern. So bleibt das Kampfgewicht überschaubar, 225 Kilo vollgetankt und inklusive Aufbau plus Inhalt. Die große Waffe eines Sportmotorrads. Dafür gehen Sitzposition und stramme Federung auf die Kondition. »Ich muss sicher öfters Pause machen wie die anderen. Aber es ist ja egal.« Sjaak hat Zeit. Unbegrenzt.Endlose Tundra und Taiga umgeben die beiden, Staubpisten flach bis zum Horizont. Dem Holländer gefällt’s. »Russland war eines der spannendsten Länder der Tour. Nie weiß man, was passieren wird, ob nach zehn Kilometer der Weg überhaupt noch weitergeht. Die Bewohner wissen es meist selbst nicht.« Adrenalin pur. Als der Piste in Sibirien ganz aufhört, verlädt er die Honda auf die Transsibirische.Am 28. September rollt er von einem Frachtschiff auf Japan ein, und alles wird anders. Straßen und Infrastruktur sind nun perfekt, die Reglementierungen jedoch entsetzlich. Über 60 km/h kommt er kaum hinaus. Dennoch, junge Kneepad-Träger gucken beeindruckt die abgefrästen Fußrasten und schräglagentauglichen Koffer an. Die Freuden der Sporttouristen.Sjaak feiert seinen 34. Geburtstag. Und die Blade kriegt neue Reifen. Pirelli MTR 03/04, echte Sportpellen, was sonst. »Wenn man die bis auf die Leinwand runterfährt, kommen schon 20 000 Kilometer zusammen. Die Straßen haben ja nicht so viel Grip.« Plattfüsse dichtet Sjaak provisorisch mit Holzschrauben ab. Sind zehn zusammen, wird ordentlich geflickt. Einen 180er Tubeless montiert man nicht für nichts. Sjaak bleibt in Asien, setzt zum Jahreswechsel 95/96 nach Thailand über, durchquert Malaysia und die indonesischen Inseln. Es passiert, was irgendwann passieren muss. Bei einem unübersichtlichen Überholmanöver vor einer Brücke kracht er mit dem Vorderrad in ein riesiges Loch –wo normalerweise das Verbindungsstück zwischen Strasse und Brücke wäre, fehlt ein halber Meter. Das Motorrad fliegt zwei Meter durch die Luft, landet sensationionell auf den Rädern, ist aber schwer angeschlagen: Vorderrad und Gabel verbogen und vom herausspritzenden Gabelöl ein Bremssattel unbrauchbar. Mit dem krummem Vorderbau und nur einer Bremse kommt Sjaak zwar mühelos zureckt, die empfindlicheTubeless-Felge fordert indessen den Einsatz eines Schweißbrenners. Und eines bereits elf mal geflickten und einmal gerissenen Schlauchs, den Sjaak aus dem Müll fischt, näht, klebt und damit das Vorderrad wieder halbwegs dicht kriegt. Erst Wochen später kann er sich in einer australischen Werkstatt der Maschine widmen, alles wieder instandsetzen. 60 000 Kilometer und gut ein Jahr sind sie unterwegs, 140 000 stehen insgesamt auf der Uhr. Zeit für eine Generalinspektion. Doch viel ist nicht dran, die Fireblade läuft und läuft. Ärger macht nur das selbstgebaute Koffersystem. »Weil Gepäckträger brechen können, baute ich ein trägerloses System unmittelbar auf den Rahmen.« Leider bricht nun das ganze Alu-Heck. Mehrfach. Bei der Honda am mächtigen Brückenrohrrahmen nur angeschraubt, ließ es sich bislang zwar immer wieder zusammenbrutzeln, doch nun macht Sjaak es mit stählernen Verstärkungen ewigkeitstauglich. Was auch nötig ist, denn auf den australischen Outback-Pisten braucht die Sportlerin Speed. »Spandpisten gehen entweder mit 10 oder mit 80 km/h.« Fast zehn Monate cruisen die beiden durch Down Under, erreichen in Neuseeland den entferntesten Punkt ihrer Reise. »Maashees 86 476 Kilometer« schreibt Sjaak stolz auf einen Wegweiser. Theoretisch beginnt nun die Rückreise. Praktisch geht es per Schiff geht es auf den indischen Subkontinent und von dort in die Höhen des Himalaya. Jetzt wird es wirklich hart für die Blade: Der Sprit ist bis zu einem Drittel mit Dieselöl gestreckt und hat Oktanwerte unter dem Gefrierpunkt. Gewaltige schwarze Qualmwolken hinter sich herziehend, kriecht sie bis auf 4600 (?) Meter Höhe und erreicht auf dem legendären Karakorum-Highway im Juli 1997 die chinesische Grenze. »Der lange erste Gang macht das Anfahren zur quälenden Prozedur, doch dann fährt sie tapfer.« 128 PS schieben auch mit halber Kraft noch mächtig an. Immer wieder schrappt der Kiel mangels Bodenfreiheit über das Geröll, »aber bis auf den Auspuffsammler ist da unten ja nichts Lebenswichtiges.« Der wird zwar allmählich immer flacher, doch das einstige Edel-Rennbike nimmt’s nicht krumm. Immer noch drückt sie mit schierer Kraft die 180er-Pelle um die Kehren, dass es für Sjaak eine schiere Lust ist. Langsam arbeiten sich die beiden Richtung Europa zurück, als im Iran der erste technische Defekt sie stoppt. Die Lichtmaschine gibt auf. Eine Woche später ist bereits Ersatz da – vom holländischen Automobilclub geschickt. Sjaak hat tatsächlich einen Auslandsschutzbrief. Kurz vor dem ersten afrikanischen Längengrad null der Tacho zum zweiten Mal. Gelegenheit für Sjaak zu überlegen, ob er nach zweieinhalb Jahren wirklich schon nach Hause will. An der türkischen Grenze dreht er entschlossen den Stummellenker südwärts – er will noch nicht. Vor ihm liegt Afrika. Und der vielleicht schwerste Teil der Reise. Bis Äthiopien geht alles gut, die Blade fegt über Wellblech- und Sandpisten, bietet Abenteuer pur. Doch an der Grenze zu Kenia beginnt der Regen, tage- und wochenlang. Weicht die einzig mögliche Piste metertief auf. Nur noch ein paar Lkws wühlen sich noch durch, riesige Spurgräben hinter sich herziehend. Dann kommt dieser erste Weihnachtstag 1997, an dem Sjaak sieben Stunden für fünf Kilometer braucht. Immer wieder zieht er die CBR aus dem Schlamm, kratzt mit dem Taschenmesser das Vorderrad frei. 20 Liter auf Kanister und Colaflaschen verteilter Reservesprit machen’s nicht leichter. Doch irgendwann ist er durch, »hinter dem Äquator war alles gut«. Auf löchrigen Straßen rollt er gen Süden, Botswana, Namibia und Südafrika wirken fast schon heimatlich. Ausgerechnet dort erwischt ihn der Lkw, reißt ihn samt Maschine schmerzhaft zu Boden. Dennoch – am 25. Mai 1998 landen beide in Mailand, fünf Tage später sind in Maashees. Nach drei Jahren, einer Woche und 160 000 Kilometern. Ob er etwas bereue? Nein, nichts. Bald startet er wieder. Nach Amerika. Und von Alaska über die Beringstraße zurück. Diesmal mit einer Yamaha R1.
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