Weltreise mit einer Honda CX 500

Nicht zu bremsen

Sechs Jahre schlummerte die »Güllepumpe« von Tania und Keith im Rumpf einer Yacht. Jetzt läuft sie wieder. Und trug die beiden auf der letzten Etappe einer insgesamt 17 Jahre langen Weltreise durch Sibirien zurück nach England.

Man hatte uns ausgelacht, fast schon für verrückt erklärt. Weit, da waren sich Freunde und Reisende einig, würden wir mit unserer Honda CX 500 nicht kommen. Das war 1983. Seitdem reisen wir um die Welt. Mangels Geld kam damals für uns nur ein möglichst billiges Fahrzeug in Frage – mehr als eine gebrauchte »Güllepumpe« war einfach nicht drin. Wir montierten einen Reservekanister anstelle eines großen Tanks, Billigreifen aus Paraguay, einen zusätzlichen Gepäckträger unterm Scheinwerfer und fuhren einfach drauf los. Nach rund 250000 Kilometern in 89 Ländern machte uns der Golfkrieg einen gewaltigen Strich durch die weiteren Reisepläne: Auf einmal war es unmöglich, auf dem Landweg vom Mittleren Osten nach Russland zu fahren. Wir überlegten eine Weile, beschlossen via Kanada nach Sibirien zu gelangen. Kurzentschlossen kauften wir in der Türkei ein betagtes Segelboot, flickten den Rumpf und hievten unsere in alle Einzelteile zerlegte CX an Bord. Wir hatten keine Ahnung vom Segeln. Aber viel Zeit. Nach sechs Jahren auf See erreichten wir 1998 XYXYXYXY in Florida, legten mit unserem Boot endgültig zum letzten Mal an (siehe auch MOTORRAD 4/2000).Unser Plan, auf zwei Rädern durch Sibirien zurück nach England zu reisen, gilt noch immer. Nur der Zustand der Honda lässt inzwischen zu wünschen übrig. Das Salz hat dem Rahmen massiv zugesetzt und sogar ein Loch in den Tank gefressen. Zudem ist das Triebwerk vollständig mit Salzkristallen überzogen. Eigentlich ist keine Schraube vom roten Fraß verschont geblieben. Alles in allem ein Haufen Schrott, den jeder vernünftige Mensch sofort über Bord schmeißen würde. Wir sind anderer Meinung: Unsere Honda wird uns zurück nach England bringen. Irgendwie.Wir verbrauchen Unmengen von Drahtbürsten, um die CX vom Rost zu befreien. Den Rahmen hänge ich schließlich am Masten auf und fange mit dem endgültigen Zusammenbau an, montiere notgedrungen auch ein paar gebrauchte Kawasaki- und Suzuki-Ersatzteile sowie einen selbstgeflochtenen Kabelbaum. Nach einem Monat der große Moment – und wir können es selber kaum glauben, dass unsere »Kawazukihonda« sofort anspringt. Lediglich 200 US-Dollar hat uns die Restaurierung gekostet. 3000 US-Dollar erhalten wir für unser Boot. Damit machen wir uns auf den weiten Weg nach Hause.Nach so vielen Jahren auf See erscheint uns Tempo 100 plötzlich wie Lichtgeschwindigkeit. Die Fahrt quer durch die USA bis ins kanadische Vancouver verläuft trotz allem völlig problemlos. Inzwischen haben wir sogar wieder eine Sitzbank für unsere CX gefunden. Eine ganze Weile saßen wir auf den Rettungswesten. Im Hafen finden wir sofort einen Frachter, der uns nach Sibirien bringt.8. August 1999. Wladiwostock. Zoll und Einwanderungsbehörde machen uns das Leben schwer. Wir brauchen vier Tage für den ganzen Papierkrieg. In unserem Hotelzimmer quäkt ununterbrochen »Radio Moskau« aus einem Lautsprecher, der sich nicht abschalten lässt. Und durch ein Gitter gut vor unüberlegten Attacken geschützt ist. Welch Erlösung, als wir endlich wieder den Klang der CX in unseren Ohren vernehmen. Ab jetzt nur noch Kurs West. Etwa 10000 Kilometer sind es bis nach England. Weil der Sommer fast schon zu Ende geht, geben wir Gas. Winter in Sibirien – auf das Erlebnis möchten wir lieber verzichten. Ebenso wie auf weitere Übernachtungen in einem dieser grässlichen Hotels. Wir zelten einfach im Wald neben der Straße. Bis auf die nervigen Mücken in Sibirien kein Problem.Am vierten Tag holt uns der ganz normale Wahnsinn ein. Mitten im Nichts zerbröselt das Hinterradlager. Noch während ich halte, bohrt sich ein Stein durch den Reifen, und es beginnt zu regnen. Trotz Wolkenbruch ist der Reifen schnell geflickt. Die Sache mit dem Lager ist ernster. Wir brauchen ein »6302«, ein Standardlager, das garantiert in jedem Dorf der Welt zu haben ist. Nur dass wir in diesem Moment meilenweit von einem Dorf entfernt sind. Während ich mir schon seit langem kaum noch Gedanken um Ersatzteile gemacht habe – für unsere Honda wäre eine entsprechende Liste sicherlich diverse Meter lang –, rettet uns Tanias Sammelleidenschaft. Tief unten in ihrem Koffer hat sie ein paar Kleinteile deponiert. Sie kramt eine Weile, fördert tatsächlich ein 6302er-Lager zutage, das wir vor ungefähr zehn Jahren erstanden haben.Weiter auf Sibiriens Straßen, die nicht immer ein Grund zur Freude sind. Löcher im Asphalt, Schlammpassagen und an den großen Flüssen keine Brücken. Am Ufer der Bureya müssen wir mal wieder längere Zeit auf eine Fähre warten. Unsere CX fällt – wie eigentlich überall – sofort auf. Diesmal sind es betrunkene Jugendliche, die einen recht aggressiven Eindruck machen. Aber das Interesse an der Honda scheint stärker als die Lust auf Randale. Obwohl wir kein Wort Russisch sprechen, verstehen wir die Fragen, die überall auf der Welt die gleichen sind. Wie schnell? Wie teuer? Wie viel Hubraum? Wie oft wir diese und ähnliche Fragen beantwortet haben, können wir nicht einmal mehr schätzen.Dagegen wissen wir ziemlich genau, wie oft wir bei unserer Fahrt von Wladiwostock über Ulan-Ude und Novosibirsk bis nach Moskau von der Polizei kontrolliert worden sind: etwa 200mal. Egal, ob sie DPS, GAI oder Militsi heißen – wir haben keinen Straßenposten passiert, ohne unsere Papiere zeigen zu müssen. Im Osten von Sibirien hatten wir es noch mit überraschend freundlichen Beamten zu tun, und wir hakten es als nette Begegnungen am Straßenrand (Wie teuer? Wie schnell? Wie viel Hubraum?) ab. Westlich von Novosibirsk hörte der Spaß irgendwann auf. Korrupte Beamte fragen häufig rüde nach »Geschenken«. Doch nach einer Weile merken alle, dass bei uns nichts zu holen ist. Unsere Reisekasse gibt kaum noch was her. Ist aber auch egal. Denn wir sind praktisch schon zu Hause. Ohne weitere Pannen. Nach 17 Jahren, in denen wir durch 98 Länder gereist sind. Heute lacht ganz sicher niemand mehr über unsere Honda.
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