Weltreise mit Honda CX 500

CXtra weit

Es spielt keine Rolle, welches Motorrad man fährt, um den Globus zu umrunden. Entscheidend ist der Wille. Das meint jedenfalls der Engländer Keith Kimber und startete mit Freundin Tania und einer windigen »Güllepumpen«-Honda CX 500 ins Abenteuer. Über 16 Jahre sind die drei nun schon unterwegs. Und wollen auch noch nicht so schnell nach Hause zurück.

»Glaubst du etwa, mit diesem Ding durch die Wüste zu kommen?« spotteten Motorradfahrer in einem Campinglager in Timimoun, Algerien. Alle wollten sie die Wüste durchqueren. Da war Peter mit seiner Yamaha XT 500, die einen gewaltigen Tank trug, der 800 Kilometer Reichweite versprach. Der Originaltank unserer Honda CX 500 schaffte gerade 300. Für mehr Reichweite sorgten zwei rostige Kanister – ein Gelegenheitskauf in Zimbabwe. Peters Yamaha rollte auf riesigen, grobstolligen Reifen, die so aussahen, als könnten sie den Wüstensand fressen. Unsere Pneus, billige Dinger der Marke »Hwa Fongs« aus Paraguay, waren total abgefahren.Die zweifelhaften Komplimente über unsere CX war ich gewohnt. Dabei war die Honda ziemlich zweckmäßig ausgestattet. Das Schutzblech stammte von einer Trialmaschine und verhinderte, dass sich das Vorderrad im Lehm festsetzte. Und der kleine, selbstgebastelte Gepäckträger unter dem Scheinwerfer leistete immer gute Dienste.Wir starteten unsere Weltreise 1983. Ich war 25, Tania 23 Jahre alt, als wir unsere Jobs kündigten. Wohnung, Möbel und Auto – alles wurde verkauft und gegen eine gebrauchte CX 500 und Bargeld getauscht. Wir wählten die CX, weil mein Arbeitskollege eine fuhr. Zudem kostete sie nicht viel. Dann packten wir: ein elf Jahre altes Zelt, einen kleinen Heizofen, Schlafsäcke. Dazu Klamotten zum Wechseln, Motorradersatzteile und einen billigen Fotoapparat. Mit uns und unserer Ausrüstung beladen, fuhr die Honda nicht sehr stabil, doch wir wackelten los, glücklich, die Welt zu sehen. Türkei – der erste Rückschlag. Vier Tage und drei Nächte lang lag ich im Zelt, geschwächt von Fieber, ausgetrocknet von Durchfall und Erbrechen. Erst Infusionen, verabreicht in einem schmutzigen Krankenhaus, machten mich wieder fit.Wir mussten durch den Iran, die einzig mögliche Route Richtung Osten. Doch das hieß Krieg und fanatische Islamisten. In Teheran schossen Revolutionsgardisten mit Maschinenpistolen auf uns. In der Stadt Zahedan, nahe der pakistanischen Grenze, wurde Tania ohne Kopftuch erwischt. Die Gardisten bedrohten uns mit riesigen Schlagstöcken und ließen erst ab, als ich versprach, meine Frau für ihr Vergehen zu schlagen.Pakistan - und Frieden. Beim durchqueren der Baluchi-Wüste begegneten wir immer wieder schwer bewaffneten Mudschahedin aus dem kriegszerissenen Afghanistan. Wir verfuhren uns ständig, weil selbst die besten Karten ungenau waren. Der Monsun begann. Gewaltige Fluten schwemmten Felsbrocken und Bäume von den Hügeln. Es dämmerte bereits, als uns ein Jeep entgegenkam. Plötzlich machte der Fahrer einen Schlenker auf unsere Spur, rammte das Motorrad und fuhr lachend weiter. Was wir bis dahin nicht wussten: In Pakistan haben die gößeren Fahrzeuge immer Vorfahrt. Wir reparierten die CX notdürftig und fuhren weiter.Die nächsten sechs Monate führten uns durch Indien mit seinen Menschenmassen und durch ein Land, in dem anscheinend keinerlei ungepantschtes Motorenöl gibt. Wir durchquerten Nepal und lernten das von Armut gebeutelte Bangladesch kennen. In Sri Lanka herrschte Bürgerkrieg, in Thailand schliefen wir in buddistischen Klöstern. Einer der Stoßdämper brach, er konnte aber für einen Dollar geschweißt werden. In Sumatra, Indonesien, beschlagnahmten korrupte Zöllner die CX. Wir mussten 150 Dollar berappen, um sie unbeschadet zurückzubekommen. Die nächsten Wochen lebten wir von Reis und Linsen und schliefen am Strand.Eineinhalb Jahre, nachdem wir Großbritannien verlassen hatten, erreichten wir Australien. Pleite, aber reich an Abenteuern. Die nationale Presse schrieb über uns, wir gaben Interviews im Fernsehen und konnten Fotos verkaufen. Unsere Reisekasse füllte sich wieder.Von Melbourne aus setzten wir mit einem Containerschiff über nach Seattle, USA. Die CX stand festgezurrt an Deck, während wir unsere Passage mit Arbeiten wie Streichen und Putzen verdienten. Wir durchquerten Alaska auf schmutzigen, stahlhart gefrorenen Straßen. Die Honda bekam neue Stoßdämpfer mit progessiver Federung spendiert. Danach fuhr sie sich etwas besser.23. Juli 1986. Wir rollten gen Süden nach Lateinamerika. Zwei Jahre blieben wir dort. Und lernten Spanisch. San Salvador lag bei unserer Ankunft in Trümmern. Nur wenige Wochen zuvor hatte ein starkes Erdbeben die Hauptstadt von El Salvador erschüttert. Krankheit, Elend und Schmutz überall. Zudem befand sich das Land noch immer im Bürgerkrieg. In Nicaragua waren die Sandinisten an der Macht. Lebensmittel und Benzin waren rationiert, der Schwarzmarkt florierte, die Inflation galoppierte. In Chile suchten wir schließlich wieder ein Schiff, das uns über den Südatlantik bringen sollte. Es fand sich ein rostiger, mit Fischmehl beladener Kahn, auf dem wir in Richtung Afrika entlang der unzähligen Inseln Südchiles schipperten. Unberührte Eilande mit Steilfelsen, Wasserfällen, Vulkanen und Gletschern und zweifellos mit die schönsten Inseln der Welt. Nach einem Monat erreichten wir Kapstadt.In Johannesburg montierten wir einen breiteren Lenker, der das Handling der CX verbessern sollte. Wir campten wild, auch in Zimbabwe am Fluss Zambezi, an dessen Ufer sich Löwen, Elefanten und anderes Großwild tummelten. Aber die wilden Tiere waren eigentlich nie ein Problem. Stressig waren die Menschen. So hielt uns die Geheimpolizei in Zambia für Spione, in Nairobi wurde Tania überfallen und ausgeraubt und in Kenia landete ich im Gefängnis. Die Einreise nach Tansania wäre uns verweigert worden, hätten wir nicht die geforderten 100 Dollar bezahlt. Auch die körperlichen Strapazen waren enorm. Wir fuhren 6000 Kilometer über schlammige Pisten, hievten die CX in Einbaum-Boote, um Flüsse zu durchqueren. Die Stoßdämpfer brachen, der Schmutz rieb die Antriebskette auf. Nach dem Schlamm wartete der Sand: Die Sahara, die größte Wüste der Welt, lag vor uns. Seltsame Felsformationen, gewaltige Dünen, keine Menschen, keine Polizei. Und keine Angst, dass einem etwas geklaut wird. In Timimoun streikte der Anlasser. Die Honda hatte keinen Kickstarter, wir mussten anschieben. Nach vier Monaten ohne Regen eine Woche Dauerregen - das Atlas-Gebirge. Wir erreichten die spanische Grenze, und zum ersten Mal - nach über 200 000 Kilometern - winkten uns die Grenzbeamten einfach durch.Die Güllepumpe musste nun dringend repariert werden. In Frankfurt nahm sich Honda Europe der lädierten Maschine an. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits 89 Länder bereist und dabei eine Viertelmillion Kilometer zurückgelegt. Dennoch planten wie einen »Abstecher« in den Mittleren Osten, um von dort weiter nach Russland zu fahren. An der Grenze zum Irak wurde die Behörden plötzlich misstrauisch. Für normale Touristen waren wir zu lange unterwegs, unsere Pässe voll mit Einwanderungsstempeln - wir mussten Spione sein. Schließlich ließ man uns doch passieren. Freude, dass der Liter Benzin nur zweieinhalb Cents kostete, Ärger über irakische Soldaten, die einen alle paar Kilometer stoppten.Als der Golf-Krieg ausbrach, war der Landweg endgültig zu. Also musste es erneut per Schiff weiter gehen - über das Rote Meer und entlang der arabischen Halbinsel nach Pakistan, dachten wir. Von dort aus könnten wir dann über den Himalaya und durch China schließlich Russland erreichen. Nur: niemand wollte uns mitnehmen. In einem Hafen in Zypern schließlich entdeckte Tania ein Holzsegelboot. Neuneinhalb Meter lang und mit Löchern übersät. Kurzentschlossen kauften wir den Segler für 4000 Dollar, flickten den Schiffsrumpf und hievten die CX – in Einzelteile zerlegt – durch eine kleine Luke an Bord. Wir hatten zwar keine Ahnung vom Segeln, aber anders ging es eben nicht. Für die nächsten sechs Jahre sollte die Honda nun Seeluft atmen.Zehn Monate nachdem wir Zypern verlassen hatten, landeten wir in Barbados. Wir hatten die Route geändert - die Fahrt durch den Suez-Kanal war uns zu teuer – und Kurs Richtung USA genommen. Wir wollten nun versuchen, über Nordamerika und das Beringmeer nach Russland zu gelangen. Dieser »Abstecher« führte durch 15 Länder, einschließlich Haiti und Kuba. Wir erlebten eine traumhafte Zeit auf paradiesischen Inseln.1998 erreichten wir Florida. Mit einer Winde transportierten wir die zerlegte CX – oder besser was von ihr übrig war - wieder von Bord. Der Tank hatte ein Loch, der Rahmen war völlig verrostet, alles war feucht, glibberig und vermodert. Den Motor überzog eine dicke Schicht aus Salzkristallen, doch er funktionierte noch. Rund 40 Drahbürsten und Schleifer brauchte es, um all den Rost zu entfernen. Aus roten und gelben Drähten bastelten wir einen neuen Kabelbaum, alles übrige wurde mit Motorradteilen aller Marken geflickt. Die ganze Aktion kostete uns 200 Dollar. Das einzige Problem war die völlig verrottete Sitzbank. Bis wir eine neue auftrieben, saßen wir auf den Rettungswesten unseres Beibootes. Dann wurde das Boot für 3000 Dollar verkauft und wir fuhren mit der renovierten Honda von Florida nach Vancouver in Kanada. Und dort startete unsere letzte Etappe. In Richtung Wladiwostock. Momentan sind wir gerade irgendwo in Russland unterwegs. Eine Weile kann das ruhig noch so gehen. Immerhin sind wir nun schon 16 Jahre lang mit unserer alten Güllepumpe unterwegs – und es waren die besten unseres Lebens.
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