Fischereihafenrennen Bremerhaven (Archivversion)

Am Anfang war der Fisch

Fischköpfe sind anders, fahren Rennen im Hafen, weil’s nur da richtig rundgeht. Schon der Hammer, irgendwie. Und wenn dann noch Comicer Holger Aue und seine Freunde mitmischen, dann wird’s knüppelhart.

Damals, in den Achtzigern, war klar, was wir Pfingsten machen. Ab nach Bremerhaven zum Fischereihafenrennen, wo furchtlose Helden zwischen Fischhallen auf Kopfsteinpflaster Motorradrennen fuhren. Wahnsinn, Nervenkitzel, geil! Dann, in den Neunzigern, war plötzlich alles vorbei, und wir glaubten, dass es Vergleichbares nie wieder geben würde. Heute stehen wir selbst hier am Start, und alles ist wie früher, bis auf das Kopfsteinpflaster. Da liegt jetzt Asphalt, und ich kenne keinen, der darüber wirklich traurig wäre. Zäune und mehr als 7000 Strohballen schützen die Zuschauer entlang des 2,3 Kilometer langen Kurses vor tief fliegenden Motorrädern und die Fahrer vor unsanfter Bekanntschaft mit Laternenpfählen, Telefonkästen und anderen Gegenständen, die am Straßenrand so rumstehen. Die Bordsteinkanten wurden mit Asphalt abgeschrägt und zu Curbs umfunktioniert. Dabei beginnt der Aufbau erst am Sonnabend, und Montagnacht muss alles verschwunden sein, damit Dienstag in aller Frühe der Hafenbetrieb laufen kann. Es wurde viel getan, aber es bleibt ein Abenteuer. Menschen mit ausgeprägtem Sicherheitsbedürfnis sollten lieber ein Schachturnier besuchen oder auf dem Golfplatz Bällchen vor sich herschubsen. Nichts für echte Kerle, deshalb tritt das MOTOmania-Racing-Team hier an, um schwer am Kabel zu ziehen, immer nach der Devise »Comics wie im Leben – Leben wie im Comic«. Das Team besteht aus meinen Kumpels und mir, einem Haufen Gaskranker, die’s am Wochenende auf den Rennstrecken ordentlich brennen lassen, begleitet von ihren nicht minder rennbegeisterten Frauen und, soweit vorhanden, Kind und Kegel. Die meisten von uns sind schon zum dritten oder vierten Mal in Fishtown dabei, und diesmal gehen wir gleich in vier Klassen an den Start: Henning, besser bekannt als Hinnerk »Wheelie« Wippermann, auf seiner Cagiva Elefant bei den »Fishtown Twins«, ebenso Ralph Schädel mit der Ducati TT2 900, Archy mit seiner 984er-Superlight und Jörn auf der 916.Bei »Sound of Classic« (Rennmaschinen bis Baujahr 1985) mischen auf: meine Wenigkeit auf Motomania-Guzzi Le Mans, Ralph Schädel, ja, der schon wieder, und der wahrscheinlich langhaarigste Ducati-Händler Deutschlands, Rolf Hadeler, mit Moretti 750 – Ducati-Motor in Alufahrwerk.Eckhard will mit seiner KTM bei den Supermotos wüten und Yeti in der »Königsklasse« (Zweitakter bis 500 cm3). Mit RD 400! Ob die Idee so gut ist? Die beiden sind zum ersten Mal dabei, wie an den bleichen Gesichtern, den Schweißperlen und dem unartikulierten Gebrabbel nach der ersten Streckenbesichtigung leichthin zu erkennen ist: »Wie findet ihr den Kurs?« »Hmmbrchmmhmmm…«Dann diese aus Strohballen aufgebauten Schikanen! Eng, eng, eng. Wenn die Linie nicht stimmt, bleibst du garantiert irgendwo hängen. Oder bist zu langsam. Beides schlimm! Ich hämmere auf die zweite Bremsschikane zu und muss feststellen, dass sich das 50-Meter-Schild als Bremspunkt nur bedingt eignet. Zu spät. Umpf! Haarscharf am Stroh vorbei. Bereits jetzt drängeln sich Zuschauer am Streckenrand, und im Fahrerlager samt anschließender »Partymeile« steppt der Bär. Jahrmarktstimmung. Zelte und Motorräder machen sich direkt am Hafenbecken zwischen aufgebockten Schiffen und Booten breit. Leckere Düfte aus den Fischbratbuden schwallen gegen das allgegenwärtige Aroma heißer Motoren an. Ich muss heute unbedingt noch frischen Backfisch essen... Backfisch macht schnell! Und tatsächlich, im zweiten Zeittraining läuft’s besser, trotz brütender Hitze. Platz vier, erste Startreihe, und Ralph auf Pole. Die Welt ist in Ordnung. Also raus aus den klatschnass geschwitzten Klamotten und hin zum Supermoto-Rennen. Eckhard schickt noch ein paar Gasstoßgebete gen Mattighofen, als plötzlich die Sintflut über uns hereinbricht. Zelte und Pavillons fliegen durchs Fahrerlager. Innerhalb von Minuten heißt’s auf dem ganzen Platz: Land unter. Was auch für die überall herumliegenden Verlängerungskabel gilt. Dieser Umstand führt zu ungefähr 500 zeitgleichen Kurzschlüssen und somit zum totalen Stromausfall. Nichts geht mehr.Pfingstmontag. Die Sonne scheint, und Eckhard treibt beim Supermoto-Rennen das Feld entschlossen vor sich her. »Habt ihr gesehen, wie sie vor mir abgehauen sind? Wie die Hasen sind sie geflüchtet!« Jetzt sind die Fishtown-Twins dran. Ex-Superbiker Michael Galinski sahnt ab, souverän, aber dahinter begeistern packende Duelle. Das Publikum tobt, belohnt jedes Überholmanöver mit frenetischem Jubel. Ralph wird Dritter, Archy Fünfter, Jörn Siebter, und »Hinnerk« treibt den Elefanten aufrecht sitzend auf Platz 10. »Von hier oben hab’ ich einen viel besseren Überblick als die Gebückten!«Vorstart zur Sound of Classic. 36 brachiale Geräte, vom Ducati TT-Renner über Zwei- und Dreizylinder-Laverda, BoT-Guzzi, BMW-Boxer, geniale Eigenbauten wie Josef Kochs Yamton mit TR1-Motor bis hin zu Norton Manx und Seeley-BSA lassen die Luft vibrieren. Dem Publikum flattern die Hosenbeine, und ich bin sicher, dem einen oder anderen läuft’s jetzt warm die Oberschenkel runter. Ich komme gut weg, biege als Dritter in die Rechts-Links-Kombination nach Start und Ziel ein. Dann die Gerade am Wasser entlang: Gaaas! Erst mal auf spitze Linien kaprizieren, damit sich nicht doch einer im Knocking-on-Heavens-door-Modus innen reinbremst. Nach der dritten Runde drehe ich mich kurz um – keiner mehr da! Alles klar, jetzt nur nach vorn orientieren. Ralph liegt in Führung, drei Runden vor Schluss ist noch alles drin, links, rechts-links durch die Bremsschikane, volles Rohr, ich schalte in den dritten Gang und... der Motor dreht hoch, doch der Vortrieb bleibt aus. Scheiße! In den anderen Gängen geht auch nichts mehr, ich rolle aus. Der sichere Podestplatz – dahin! Diagnose: Getriebeausgangswelle abgerissen. Wie konnte das passieren? Das Getriebe ist doch erst 22 Jahre alt! Seufz! Wenigstens bin ich an der richtigen Stelle ausgefallen, denn auf einem Lkw-Anhänger haben Fans eine Privattribüne errichtet. Die versorgen mich mit eisgekühlten Drinks und aufmunternden Worten, bis mich der »Lumpensammler« mitnimmt. Ralph gewinnt das Rennen, Rolf und seine Moretti landen auf dem 13. Platz: »Im zweiten Lauf fahr’ ich unter die Top Ten, Ehrensache!« Zurück im Fahrerlager, bietet mir ein Zuschauer an, ich könnte sein Getriebe fürs zweite Rennen haben: »Le Mans III, das müsste doch passen, oder?« Ich bin zu Tränen gerührt, doch die Zeit bis zum zweiten Lauf ist eh zu knapp. Königsklasse – Yeti fühlt sich mit seiner RD 400 wie der Hering im Haifischbecken. Anschließend feuern wir unsere Gladiatoren bei den Twins an. Mit Erfolg: Archy Zweiter, Ralph Dritter. Dabei haben sie mit ihren »alten« Zweiventilern eine ganze Armada von Honda SP-2, Ducati-Vierventilern und Aprilia mille versägt. Kommentar der beiden: »Tja, Motorleistung ist eben nicht alles!«Jörn hätte Fünfter werden können: »War Ende Start/Ziel wohl zu spät auf der Bremse. Dachte noch, mit dem Heck in der Luft einlenken geht schlecht! Da schlidderte ich schon in den Notausgang. Die Ducati hat einen Strohballen für mich aus dem Weg geschoben, so dass ich komfortabel zu liegen kam.« Applaus vom Publikum. Jedoch erst, als Jörn unverletzt wieder aufsteht.Hinnerk landet erneut auf Rang zehn, und Ralph muss seine Tochter zur Siegerehrung schicken, um seinen Pokal abzuholen, denn direkt im Anschluss fährt er ja den zweiten SoC-Lauf... Und ich darf mit blauen Lippen zuschauen!! Aber diesmal erwischt es ihn ebenfalls: Motorschaden in der siebten Runde, aus! Rolf steckt die Moretti nach einem Verbremser in die Strohballen. Moped heil, aber er kriegt sie nicht mehr angeschoben: »Vielleicht sollte ich doch mal’n büschen Sport treiben...« Wieder nichts mit den Top Ten!Trotz der gestiegenen Verlustrate sind wir uns einig: Das war richtig geil! Finden die Zuschauer auch. Über 20000 sind gekommen, und ich bin sicher, im nächsten Jahr werden es noch mehr. Und uns ist eh klar, was wir Pfingsten machen.
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