German Cross Country (Archivversion)

Im Wechselbad des Gewühles

Schlammdurchfahrten, zig versandete Auffahrten und hunderttausend fiese Bodenwellen – die Rennen der populären Offroad-Serie GCC fordern Opfer und bescheren Glücksgefühle der besonderen Art.

Es ist der Puls, der ansteigt. Ihre Beine zittern nicht. Sie sind durchtrainiert. Jahrelanges Reiten und Leichtathletik im Teenageralter. Dann, mit 22, das erste Bike. Eine KTM LC4, gebraucht, Baujahr 1998. 50 österreichische PS im Clinch mit 56 Kilogramm norddeutscher Weiblichkeit. Heute steht sie mit einer KTM 450 EXC am Start. Es ist das erste Mal, dass sie an einem Lauf für die German Cross Country-Meisterschaft, kurz GCC, teilnimmt. Christiane Braren, 26, harrt in einer Reihe von 132 elektrisiert wirkenden Teilnehmern.
Inmitten einer schrillbunten Masse, die
dem Start entgegenzittert. Dieser erfolgt
nach Le-Mans-Manier. Die Fahrer Schul-
ter an Schulter aneinander gereiht, ihren
Bikes den Rücken zugewandt. Startsignal, 15- Meter-Sprint, Motor an und los. Der Countdown läuft. Noch eine Minute. Für viele die längsten 60 Sekunden des Tages.
Die Idee zum GCC ist simpel. Das Ziel lobenswert. Jeder, der offroad fahren möchte, hat im GCC die Gelegenheit dazu. Eine Lizenz ist nicht erforderlich. Das Spektrum der gefahrenen Motorräder reicht von einer ausgelutschten XT 350 mit 27 PS bis zum getunten Edelcrosser mit den exquisitesten Fahrwerksteilen. Weder Lichtanlage noch Zulassung sind vorgeschrieben. Gefahren wird in sieben Klassen. Genauso, wie die Klasse 1 professionellen Piloten
mit internationaler Erfahrung vorbehalten bleibt, dürfen in der Klasse 7 nur Einsteiger ohne Wettbewerbserfahrung an den Start. Christiane Braren startet in der Klasse 6, bei den so genannten Rookies. Sie setzt sich aus Piloten über 45 und unter 18 Jahren sowie Frauen zusammen.
Die letzten 20 Sekunden sind angebrochen. Totenstille. Handgelenke sind ein letztes Mal geschüttelt, Knie gebeugt und Rümpfe gekreist worden. Ein brisantes Gemisch aus Lampenfieber und Konzentration flackert in den Augen, spannt die Muskeln und lässt sie beim Startsignal aus der Anspannung schnalzen. Los geht’s. 15 Laufschritte. Sechs Sekunden. Hoffnung, Furcht und Siegeswillen vermischen sich zu einem Adrenalincocktail, der den Puls hochjagt, das Herz aus der Brust schlagen lässt. Hoffnung: Springt der Motor gleich an? Furcht: das Gerangel in der ersten Kehre. Und Siegeswillen: zwei Stunden Höchstleistung, für Fehler keine Zeit. Christiane hat Startnummer 35 und steht somit im ersten Drittel vor der Kehre. Ihre KTM springt sofort an. Als 13. von 132 Fahrern biegt sie ein. Quetscht sich durch die knapp acht Meter breite Biegung, die wie die Verjüngung einer Sanduhr wirkt. Die den brüllenden Strom aus buntem Plastik, schrillen Klamotten, peitschenden Ketten und rotierenden Stollen zusammenbündelt und ihn wieder auf die Strecke spuckt. Knapp sechs Kilometer Kehren, Kurven, Anlieger, Steilauf- und -abfahrten sowie eine fiese Wasserpassage erwarten die offroad-hungrige Meute. Wie tief das Wasserloch ist, darüber ranken sich Legenden.
Die Idee zum GCC kam von einigen Enduro-DM-Fahrern im Herbst 2001. Um den Offroad-Sport attraktiver zu gestalten, entwickelte man am Stammtisch eine neue Rennserie. Die Promotion des GCC übernahm die Firma Baboons, bekannt durch Endurolehrgänge, organisierte Motorradreisen und motorsportliches Eventmanagement. Der Hauptvorteil des Konzepts: kommen, anmelden, fahren. Startgeld: 30 Euro. Jeder Interessierte schätzt sein Fahrkönnen selbst ein und startet in der dafür vorgesehenen Klasse. Überflieger werden vom Veranstalter in eine höhere Klasse verwiesen. Wer alle Rennen fahren möchte, schreibt sich zu Jahresbeginn ein, zahlt 30 Euro Nenngeld und nimmt automatisch an der GCC-Meisterschaft teil. Im Debütjahr 2002 waren es etwa 400, im Folgejahr rund 700, in dieser Saison haben die
Verantwortlichen bei 999 Meisterschaftsteilnehmern gestoppt, um die Strecken nicht zu überlasten. Sieben Läufe sind 2004 zu absolvieren. Tollwitz bei Leipzig markierte den Auftakt.
Es ist ein abgenutzter Spruch, den die Fahrer, die zuerst am Wasserloch ankommen, in die Tat umsetzen: Augen zu und durch. Eine dunkelbraune Pampe, knapp sieben Meter breit und zirka 80 Zentimeter tief. Eine Umfahrungsmöglichkeit besteht. Doch vielen scheint der direkteste Weg der kürzeste. Das Drama nimmt seinen Lauf. Meterhohe Fontänen. Wild durcheinander stürzende Piloten. Schmirgelnder Sand auf Zähnen, Augen und Material. Fangopackungen. Rebellierende Zündungen. Hustende Motoren, spuckende Fahrer. Kalte Nässe, die sich auf die Haut legt wie eine Kühldecke. Und das in der zweiten Minute von zwei Stunden. Christiane erreicht das Wasserloch als 29. und wählt eine Außenspur. Sie verliert dadurch pro Runde zirka acht Sekunden. Verringert so jedoch das Sturzrisiko und vorzeitiges Auspowern durch Unterkühlung. Fahren mit Köpfchen. Typisch Frau.
2004 ist Christianes erste Rennsaison. Um sie zu finanzieren, erteilt die Erzieherin nebenbei Mathe-Nachhilfeunterricht. Als Homebase auf den Rennen dient ein alter VW Bulli. Selbst gebautes Bett, Koch-
gelegenheit, Wasserversorgung, KTM-
Werbebanner als Gardine. Den Winter über hat sie sportlich geschuftet. Zweimal wöchentlich Mountainbike, dreimal Fitnessstudio. An der Kondition solle es keinesfalls
scheitern, sagt sie. Und liebt ihre 450 EXC
weniger wegen des immensen Angriffspotenzials, sondern aufgrund der bulligen Kraftentfaltung, die Fahrfehler eher verzeiht als eine hysterische 125er. Ihr Cruisen mit Köpfchen wird belohnt. Mit 15 absolvierten Runden und einer Durchschnittszeit von 2.08,27 Minuten belegt sie letztlich Platz
26 in der Klasse 6 und wird hinter Heike Petrick zweite der Damenwertung.
Am Ende des ersten Fahrtags haben sich die rotierenden Stollenräder rund 6000-mal durch das Kieselstein-Sandgemisch gefressen. Und dabei unübersehbare Spuren hinterlassen. Auf- und Abfahrten narben metertiefe Einschnitte, die Geraden sind zu einem Endlos-Waschbrett mutiert. Der klägliche Rest besteht aus verwobenen Spurrillen, in denen die Bikes wie auf Schienen laufen – für die Profis am nächsten Fahrtag scheinbar Routine. Alfons Wiemann, 51, ein kreuzfideler Typ mit eingemeißeltem Lächeln, fliegt mit seiner 250er-Husky förmlich an der Konkurrenz vorbei und sichert sich den Sieg in der Klasse 3, den Zweitakt-Sportfahrern. Als Letzte rollen die Piloten der Klasse 1 an den Start. Der gute Ruf des GCC und die Siegprämie am Jahresende, ein Nissan X-Trail im Wert von 30000 Euro, hat Spitzenfahrer aus ganz Europa angelockt. Gunnar Junge, Vizemeister 2003, ein ehemaliger Enduro-DM-Pilot, ist schon vor dem Start skeptisch. Das »Sechs-
Kilometer-Waschbrett« fordert äußerste Konzentration und höllische Kondition. Ein wellenförmiges Meer, das zwei Stunden lang Arme verlängert, Muskeln dehnt, Antriebsketten malträtiert und den Schweiß aus den Poren presst wie Wasser aus
einem Schwamm. Junge ist nicht der
Einzige, der mit seiner Maschine nicht im Rhythmus der Strecke tanzt. Er beendet das Rennen als Sechzehnter. Sieger
wird das französische Enduro-Urgestein
Frederic Vialle. Fortsetzung folgt: Alle Termine sowie weitere Infos über das GCC unter www.baboons.de.
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