Grand Prix England in Donington Park (Archivversion)

Gelb im Spiel

Gelbe Flaggen und die gelben Camel-Honda von Max Biaggi und des gestürzten Tohru Ukawa (rechts) waren beim England-Grand-Prix letztlich spielentscheidend – trotz
Valentino Rossis Überlegenheit.

Fünf Mal hatte Valentino Rossi in Donington Park schon gewonnen, je ein Mal in der 125er- und der 250er-Kategorie, anschließend drei Mal hintereinander in der Königsklasse, und nach der furiosen Aufholjagd beim diesjährigen England-Grand-Prix wurde der sechste Streich gefeiert. Doch die Show des in Englands Hauptstadt wohnenden Rossi hatte schon am Dienstag vor dem Rennen in der Londoner Leicester Square mit einem öffentlichen Auftritt begonnen. Mit einem reinrassigen Rennboot rauschte der Italiener auf der Themse an, und 4500 Fans feierten ihn wie einen Rockstar. Enthusiastisch aufgenommen wurde auch sein Sieg fünf Tage später, als er mit Begeisterung Handschuhe und Knieschleifer in das Meer der Fans schleuderte, die die Strecke gestürmt und den Zielraum unterm Podium geflutet hatten.Doch Rossi hatte sich zu früh gefreut, denn zwei Stunden später kam die kalte Dusche. Die Renndirektion verdonnerte ihn wegen eines Überholmanövers unter gelben Flaggen im Nachhinein zu einer Zeitstrafe von zehn Sekunden. Zu seiner Gesamtzeit addiert, blieb nurmehr der dritte Platz. Neuer Sieger war Max Biaggi, der zunächst geführt hatte, dann aber vor der Schikane in Donington in den Leerlauf geraten und übers Gras gerumpelt war und Rossi auf diese Weise das leichteste Überholmanöver des Jahres ermöglicht hatte. Rossi wirkte dagegen zerknirscht – weniger wegen des Penalty selbst als wegen der Art, wie er zustande kam. Weder war der Verstoß der Rennleitung aufgefallen, was zu einer sofortigen Stop-and-go-Strafe im Rennen geführt hätte, noch kam es zum offiziellen Protest eines der konkurrierenden Teams. Ganz heimlich petzte jemand aus dem Lager des Camel-Rennstalls von Sito Pons, worauf die Videoaufzeichnungen hastig nochmals inspiziert wurden. Dabei zeigte sich, dass es Rossi eingangs der zweiten Runde tatsächlich zu eilig gehabt hatte. Vom Drang beseelt, den überragend gestarteten Max Biaggi nicht entwischen zu lassen, glühte der Weltmeister am Ende der Zielgeraden an der Ducati von Loris Capirossi vorbei auf den vierten Platz. Den vor Leibschmerzen gekrümmten Ukawa hatten die Marshalls längst wie einen Sack Kartoffeln aus der Gefahrenzone geschleppt, gleichzeitigwurden aber immer noch gelbe Flaggen gezeigt. »Ich habe nichts gesehen«, beteuerte Rossi. »Capirossis Ducati war zwischen mir und den Flaggen. Das Risiko einer Zeitstrafe wäre ich gewiss nicht eingegangen. Ich hätte Capirossi später überholen können.«Die Darstellung klingt einleuchtend, denn Rossi brach schon in jener Runde seinen eigenen Rekord und hatte es für die Kontrolle des weiteren Geschehens überhaupt nicht mehr nötig, derart aufzudrehen. Er wurde im Prinzip ohnehin nur gemaßregelt, um ein Exempel zu statuieren. »Wenn wir es bei einer Verwarnung belassen hätten, hätte sich künftig keiner mehr um die gelben Flaggen geschert«, legte sich Sicherheitsvertreter Uncini ins Zeug. Trotzdem blieb ein schaler Beigeschmack, weshalb selbst der neue Sieger Max Biaggi für seinen Erzfeind eine Lanze brach. »Auch ich kann mich an keine Flaggen erinnern. Ich wurde aus ähnlichen Gründen 1998 in Barcelona disqualifiziert und verlor meine Chance auf die Weltmeisterschaft. Deshalb weiß ich, wie man sich in solchen Situationen fühlt«, ließ der Römer wissen.Rossis Vorsprung in der Weltmeisterschaft beträgt freilich nach wie vor satte 34 Punkte. Doch immerhin spürt der Doktor einen raueren Wind als im vergangenen Jahr. Am erstaunlichsten ist der Widerstand des spanischen Draufgängers Sete Gibernau, der heuer schon vier Mal vor Rossi gewertet wurde. Nun rückt Max Biaggi ebenfalls auf, der mit seiner Standard-Kundenmaschine bisher klar benachteiligt war, in England aber jenes aktuelle Werks-Chassis mit besserer Hinterradtraktion erhielt, das Rossi bereits bei den Vorsaisontests als klaren Durchbruch gelobt hatte. Sein Team, fügte er hinzu, habe »brillante Arbeit« geleistet. Das Kompliment war Teil einer Kampagne, aufgekommene Gerüchte über eine bevorstehende Rückkehr zu Yamaha zu ersticken, denn allmählich scheint Biaggis Durststrecke bei Honda beendet und eine bessere Stellung in der Hierarchie der Honda-Piloten in Aussicht. Dem Vernehmen nach soll Biaggi im nächsten Jahr die Werksmaschine seines Teamkollegen Ukawa erhalten. »Ich habe einen Drei-Jahres-Vertrag mit dem Team«, erklärte Biaggi, der noch vor kurzem Teamchef Sito Pons abgekanzelt hatte, er kümmere sich zu viel um Sponsorkleber und zu wenig um die Technik hinter dem schönen Schein.Kam das dicke Ende in der Königsklasse erst nach dem Schluss, so ging es bei den 125ern schon in der ersten Runde heiß her: Sturz von Steve Jenkner und, für die nächste Dreiviertelstunde, ein grausames Erwachen aus den kühnen Titelhoffnungen, die sein Sieg in Assen geschürt hatte. Denn nachdem der tapfere Sachse bei seinem Kurzurlaub zum Fischen in Schottland nur einen einzigen Dorsch geangelt hatte, stand er jetzt auch noch ohne Punkte da. »Dani Pedrosa hat’s in einer Rechtskurve rausgetragen. Ich versuchte, die Linie innen durchzuziehen. Vielleicht war dort ein Hubbel«, sächselte Jenkner beim Versuch, den Crash zu erklären.Weil Jenkner zunächst Blut spuckte, ließ er sich im Clinica Mobile untersuchen, marschierte aber ohne weiteren Befund zu seinem Wohnmobil zurück. Das sportliche Happy End kam dann in der letzten Rennrunde: Titelrivale Dani Pedrosa wollte Andrea Dovizioso gerade den zweiten Platz hinter dem 16-jähri-gen Überraschungssieger Hector Barberá streitig machen, als sich Stefano Peru-gini noch einmischte. Der im Rennsattel als gemeingefährlich bekannte Italiener schoss Pedrosa ab und sorgte damit für ein Patt in der WM-Tabelle – für die Jenkner-Fans am Sachsenring ist es, als habe der England-Grand-Prix gar nicht stattgefunden.
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