Grand Prix Spanien in Jerez (Archivversion)

Ri, Ra, Rutsch

Sete Gibernau holte sich den Sieg und die WM-Führung. Und doch blieb Valentino Rossi nach Pole Position und prächtig gerettetem Rutscher im Rennen wieder die Rolle des Superstars.

Der Himmel war so strahlend blau wie Valentino Rossis Gauloises-Yamaha. Inspiriert von seinem Sieg beim Saisonauftakt in Südafrika und von seinen erfolgreichen Ferrari-Tests in Italien (siehe Seite 170), schlug der amtierende MotoGP-Weltmeister mit der nächsten Pole Position zu und brachte seine Gegner ernsthaft ins Taumeln. Mit einer Fabelzeit von 1.40,818 Minuten unterbot er den alten Rekord von Loris Capirossi um nicht weniger als 1,165 Sekunden und war außerdem lockere 0,38 Sekunden schneller als der Zweitplatzierte Sete Gibernau. »Seit ich Honda verlassen habe, geht dort nichts mehr«, streute Rossi genüsslich Salz in die Wunden der gedemütigten Honda-Armada. So weit der erste Trainingstag.
Dann kam die Regenfront. Nieselwetter im Abschlusstraining, Nässe am Sonntagvormittag. Kalt war es obendrein. Vielleicht war pure Sehnsucht nach Sonnenschein im Spiel, als Jeremy Burgess vor dem
Rennen zum Himmel aufsah und einige lichte Stellen ausmachte. »Der Regen könnte nachlassen«, flüsterte der Cheftechniker seinem Schützling ins Ohr, ließ die Federung und Dämpfung seiner Yamaha M1 nach einer Lagebesprechung in der Box um ein paar Klicks härter stellen und wählte auch eine andere Reifenmischung als die Konkurrenz.
Wenn es jene helle Stellen
zwischen den Wolken denn überhaupt gegeben hatte, zogen sie sich rechtzeitig zum Start der MotoGP-Klasse wieder zu. Beim Losfahren regnete es Bindfäden, und nach einer Runde schüttete es Wassermassen, als sei irgendwo ein Damm gebrochen.
Rossi, zunächst noch Zweiter hinter Gibernau, begann mit schlingernder Maschine zurückzufallen. Der Weltmeister schien auf einer Eisbahn zu balancieren – und verlor in Runde zwölf fast die Kontrolle. Ausgangs der zweiten Kurve bereits im Handstand über dem Lenker, fing er seine Maschine mit Glück und phänomenalem Reaktionsvermögen wieder ab. Alex Barros nutzte den Augenblick, an Rossi vorbeizuhuschen, und der Weltmeister verzichtete auf Gegenangriffe. Er wusste, dass er das Rennen verloren hatte und fügte sich in sein Schicksal. »Ein reines Wunder, dass ich nicht gestürzt bin. Ich hatte hinten zu wenig Grip«, erklärte er nach seinem vierten Platz. »Es fühlt sich komisch an, nicht aufs Podium steigen
zu können, denn das ist mir seit 2002 in Brünn nicht mehr passiert, als ich einen Reifenschaden hatte. Weil sich die Vorderpartie gut angefühlt hat, versuchte ich,
aggressiv zu fahren, doch es ist offensichtlich, dass wir im Nassen noch einiges
auf Honda aufzuholen haben. Trotzdem bin
ich zufrieden, da wir insgesamt wieder ein gutes Wochenende mit einer Pole Position hatten. Und eines steht jetzt schon fest:
Es wird ein großartiger Titelkampf werden – mit Sete und Max als meine gefährlichsten Rivalen, so wie ich es immer
vorausgesagt habe.«
Die beiden Honda-Stars spielten vom Start bis ins Ziel Katz und Maus und
trieben sich zu erstaunlicher Eile an. Dank neuer 16,50-Zoll-Regenreifen mit weiter
verbessertem Grip bei voller Schräglage waren die Rundenzeiten trotz des widerwärtigen Wetters nur um elf Prozent
langsamer als im Trockenen. Biaggi beschränkte sich dabei hauptsächlich aufs Hinterherfahren und überließ Gibernau nach einem riskanten Rutscher im Endspurt endgültig das Feld.
Der Spanier sorgte dafür, dass
es den 125000 in der Kälte bibbernden
Zuschauern wieder so richtig warm ums Herz wurde. Schon mit seinem ersten Sieg beim Valencia-Grand-Prix 2001 hatte Sete seine Furchtlosigkeit auf feuchter Piste zur Schau gestellt und seinen Ruf als Regen-könig mit einem Sieg im nassen Assen 2003 bestätigt.
Trotzdem war der Erfolg in Jerez
etwas ganz Besonderes. Im Vorjahr hatte er seine Chance auf den Heimsieg nämlich mit einem Sturz verspielt. Ein
weiteres Missgeschick dieser Art wollte er sich und seinem Team unbedingt ersparen und bewegte sich deshalb auf einem
besonders schmalen Grat zwischen Erfolg und Enttäuschung.
Dass er den Druck bewältigte und auf jede Attacke Biaggis die richtige Antwort parat hatte, spricht Bände über sein Selbstvertrauen und seine Nervenstärke. »Es war eines der härtesten Rennen, das ich je gefahren bin, weil ich die Erinnerung an den Sturz letztes Jahr mit mir herumtrug. Gleichzeitig bin ich selbst überrascht davon, wie ich mich fahrerisch weiter-
entwickelt habe«, zog Sete Bilanz. »Beim Überqueren des Zielstrichs brüllte ich
vor lauter Freude in den Helm. Immerhin habe ich Valentino Rossi besiegt, einen
der besten Motorradrennfahrer der Geschichte. Und ich habe mich gegen die beeindruckendste Meute an Könnern durchgesetzt, die in der Königsklasse je am Start gestanden ist.«
Schon nach seinem zweiten
Trainingsplatz hatte er Selbstbewusstsein bewiesen und wissen lassen, er sei bereit, bei Honda als neue Führungsfigur aufzutreten. »Einer muss das Heft in die Hand nehmen, sonst treten wir auf der Stelle«, kündigte er kämpferisch an. Derzeit ist er nicht nur bei Honda der Mann der Stunde, sondern verewigte sich in der Rennsportgeschichte außerdem als der Mann, der eine Ära beendete. Seit der Einführung der MotoGP-Viertaktklasse 2002 hatte Valentino Rossi die Punktetabellen dominiert, kein anderer Pilot hatte es in den letzten drei Jahren geschafft, dem Doktor auch nur ein einziges Mal
die WM-Führung zu entreißen – bis zu
Setes Regentanz in Jerez.
Der geschlagene Max Biaggi sparte nicht mit artigen Komplimenten, setzt nach zwei zweiten Plätzen aber seinen gesamten grimmigen Ehrgeiz daran, Gibernau schnellstmöglichst von der Spitze zu
verdrängen. »Ich habe meinen besten
Saisonstart seit 1998 hingelegt und heute mein 100. Podium erbeutet. Ein gutes Omen für den Rest der Saison«, rieb sich der Römer die Hände.
Wer von den beiden auch das
Rennen macht: Einen lachenden Dritten wird es bei Honda auf absehbare Zeit nicht geben – die Repsol-Werkspiloten Alex Barros und Nicky Hayden sind
nach gegenwärtigem Stand der Dinge
weder im Nassen noch im Trockenen in
der Lage, den Satellitenteams von Biaggi und Gibernau das Wasser zu reichen.
Das führte bereits zu Krach im eigenen Lager. Noch genießt das offizielle Repsol-Werksteam eine vertraglich garantierte technische Sonderstellung. Der japanische MotoGP-Manager der Honda Racing
Corporation (HRC), Koji Nakajima, will die ersten vier Rennen partout abwarten,
bevor er Richtungsänderungen in Aussicht stellt. Der italienische Honda-Teamdirektor Carlo Fiorani steht dagegen auf dem Standpunkt, man habe sich in der Wahl der Werkspiloten getäuscht und müsse
die Politik sofort und unverzüglich auf die aussichtsreichsten Kandidaten umstellen. »Es gibt zwei Aspekte. Erstens verlangen die Resultate der Satellitenteams eine
größere Unterstützung von seiten Hondas. Und zweitens hat das HRC-Team möglicherweise ein Fahrerproblem«, erklärt Fiorani spitzbübisch.
Damit steht Honda vor dem Dilemma, entweder mit dem Werksteam zu verlieren oder die Satellitenteams im Kampf gegen Yamaha aufrüsten zu müssen. »Derzeit
ist die Vertragslage klar«, meint Fiorani
diplomatisch. »Aber wenn sich die gegenwärtige Sachlage bestätigt, könnte man bestimmte Strategien überdenken!“
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