Kevin Schwantz (Archivversion)

Fan-Artikel

Während seiner aktiven Zeit slidete der Texaner mit der ewigen Nummer 34 um Grand-Prix-Pisten und in die Herzen der Fans. Und dort blieb er bis heute. Zu Recht.

Kevin Schwantz – oder der Grund, warum ich im pubertären Wahn nicht zu Hause ausgezogen bin. Meine Eltern hatten nämlich Kabel. Und damit Eurosport. Dort quetschte Sonntagmittags ein schlaksiger Ami seine stets etwas unterlegen scheinende Pepsi-Suzuki um die Rennkurse. Und ich klebte wie hypnotisiert vor der Glotze. Kevin Schwantz’ entschlossener Kampf mit seiner sich windenden 500er und der Konkurrenz ließ mich die unterschiedlichen Auffassungen über Pflichten und Rechte zwischen meinen Eltern und mir vergessen. Und machte mich regelmäßig erst, nachdem Kevin im Anschluss an die Rennen im näselnden Texas-Slang Gründe für Sieg oder Sturz in die Mikrofone diktiert hatte, wieder weltlichen Dingen zugänglich. Ganz oder gar nicht. Nach dieser Devise fuhr der unbe-fangen wirkende Mittzwanziger schnurstracks in die Herzen der Fans. Ohne Mätzchen mit Gummipuppen, Hühnchenkostümen oder gewagten Frisuren. Einfach durch seinen Fahrstil. Weit weg von der Gleichmäßigkeit eines Eddie Lawson oder der Unnahbarkeit eines Mick Doohan. Die Art und Weise, wie der Wuschelkopf seine Suzi im Rodeostil stets ans und oft übers Limit ritt, war einzigartig. »Ich fuhr immer so schnell ich konnte«, sagt er heute, »100 Prozent – oder mehr.« Was ihn den einen oder anderen Sieg sowie einen großen Teil seiner körperlichen Unversehrtheit und schließlich sogar die Fortsetzung seiner Karriere kostete. 1995 war Schluss mit dem Grand-Prix-Sport. Doch der heute 39-Jährige hat nicht nur seine Startnummer 34, die in der Königsklasse für immer gesperrt ist, mit in die Frührente genommen, sondern ebenso Biss und Unbefangenheit. Egal, ob er mit raushängendem Poloshirt und Schatten spendender Batschkapp per 110-Kubik-Mini-bike durch eine Tiefsandpiste furcht oder einer aktuellen GSX-R 1000 ans Leder geht – der Mann hat’s drauf. Geschmeidig gleitet er in Schräglage und wieder heraus, baut unmerklich Geschwindigkeit auf. Die ist nur am anschwel-lenden Kreischen des über 160 PS starken GSX-R-Vierzylinders auszumachen. Oder wenn du als Normalsterblicher versuchst, halbwegs an ihm dranzubleiben. Vergiss es. Und Vorsicht, lass dich nicht ins Unglück ziehen. Die spielerischen Bewegungen des Ex-Weltmeisters geben dir keinen Anhaltspunkt für seinen tatsächlichen Speed.Spielen, Kevins liebste Beschäftigung. Kein Mountainbike ist vor ihm sicher, regelmäßig matcht er sich mit anderen Ex-Profis beim Supermoto. Wobei sich der Trainingsfleiß in Grenzen hält: »Ich will die Dinge nicht zu ernst nehmen.” Ernsthaft betreibt er indes seine »Kevin Schwantz Suzuki School«, die in Road Atlanta/USA Anfänger wie Fortgeschrittene ins sichere und schnelle Motorradfahren einweist und künftig auch in Europa Fuß fassen soll. Seine Konkurrenten bekamen ihre Lektionen einst ganz umsonst. Wie etwa Yamaha-Pilot Wayne Rainey, damals, 1991 in Hockenheim. 500er-WM-Lauf, letzte Runde. Kevin kam fixer durch die Ostkurve, Rainey bleibt dran, saugt sich im Windschatten an. Bei der Einfahrt ins Motodrom bleibt Schwantz innen. »Das Heck war in der Luft, das Vorderrad am Blockieren, und so schlingerte ich quer in die Sachs-kurve. Schaffte es gerade so, weit genug nach innen zu kommen, um Wayne noch Platz zu lassen, ohne selbst auf das Gras zu geraten. Kurz gesagt: Ich bin schneller durch die Sachs, war vor Wayne, das war’s.« Grinst übers ganze Gesicht und fügt hinzu: »Wayne musste zugeben, dass ich schneller war und ihn geschlagen habe. Herrlich.« Kevin und Wayne waren und sind Freunde. Was ihnen während der aktiven Zeit die haarsträubenden Manöver erleichterte. »Wir konnten uns immer aufeinander verlassen. Da hat keiner was Blödes gemacht.« Auf Blödeleien steht er dafür heute. Trotz seines umfassenden Repertoires an Verletzungen – allein elf Stürze mit Knochenbrüchen – wirkt der Texaner fit und stellt sein Bewegungstalent unter Beweis. Am liebsten einfach so zum Spaß. Der ihm bei seinem Ausflug in die US-Nascar-Szene, also den dicken V8-Bolzen, die vorzugsweise über Ovalkurse donnern, eindeutig verging: »Die Südstaaten-Boys sind eigentlich ganz okay, trotzdem versucht jeder jeden übers Ohr zu hauen. Es ist ein Doggy-dog-business.«Aus ähnlichen Gründen hat er auch keine Lust auf eine Rolle als Teamchef im GP-Zirkus. »Du musst dich mit zu vielen Leuten rumschlagen, alle wollen etwas von dir.« Schwantz möchte lieber mit praktischen Tipps helfen. Nicht ganz leicht angesichts der aktuellen Situation des Suzuki-MotoGP-Teams. So zeigt der sich selbst gegenüber stets unbarm-herzige Kämpfer wenig Verständnis für den aktuellen Motivationsmangel eines Kenny Roberts junior.Zumal er die MotoGP-Klasse als zukunftsträchtige Veranstaltung ansieht, in der über kurz oder lang alle Hersteller mitmischen und das Niveau weiter anheben würden. Im Ge-gensatz zum aktuellen Megastar Rossi, der die Leistungs-zunahme bedenklich findet, bekennt Kevin verschmitzt:»Ich habe mich nie über zu viel Leistung beklagt.« Die Kräftebalance stelle sich von selbst ein, viel Leistung bedeute nicht automatisch schnelle Zeiten, wie seine mit unterlegenem Material aufgestellten und über Jahre bestehenden Rundenrekorde, etwa in Donington Park und Assen, be-wiesen. Dennoch doziert er: »Leistung hilft, andere Probleme zu überdecken, also kannst du davon nie genug haben.« Spricht’s, schwingt sich wieder auf seine 1000er-GSX-R und tobt davon. Ganz ohne Probleme. Eigentlich schade, dass Kevin inzwischen keine WM-Rennen mehr fährt, jetzt wo ich eine eigene Wohnung – mit Kabelanschluss! – habe.
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