Motorrad-WM ab 2004 in RTL? (Archivversion)

Schau’n mer mal

Mit Schumi, Maske und Hannawald machte der Privatsender RTL den Sport und
dessen Protagonisten zu Medien-Stars. Nun wollen die Kölner die Motorrad-WM ins Programm nehmen.

Was nicht im Fernsehen gezeigt wird, existiert nicht, behaupteten unlängst US-Medienforscher lapidar. Wer oder was von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, bestimmt in der Tat der Bildschirm. Das System funktioniert. Berühmt wird bereits, wer lange ge-nug in einem Container sitzt. Wer gar ein Liedchen trällern kann, avanciert zu Deutschlands Superstar. Vorausgesetzt, das Prozedere flimmert häufig genug über den Bildschirm. Zum Meister dieses Konzepts hat es mittlerweile der Privatsender RTL gebracht. Mit 15,5 Prozent Marktanteil haben die Kölner die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD (14 Prozent) und ZDF (13,1 Prozent) zu Verfolgern degradiert. Wobei die Truppe vom Rhein längst eine weitere Passion des fernsehenden Volks entdeckt hat: den Sport. Denn der Sport liefert Sieger und Helden. Und die garantieren hohe Einschaltquoten. Doch nicht jeder Gewinner taugt zum Quoten-Bringer. »Der Sport besitzt ein starkes nationales Element«, relativiert RTL-Sportchef Manfred Loppe. Sprich: Quoten-Erfolge gibt’s nur, wenn deutsche Sportler international mithal-ten. Die zu finden, braucht’s ein feines Spürnäschen. Beispiel Formel 1. Als RTL 1992 die Übertragungsrechte der Vierrad-Erstliga für den deutschsprachigen Raum übernahm, besaß Michael Schumacher gerade mal vier WM-Punkte, die Einschaltquote bei der ersten Ausstrahlung lag bei 920000. Zwei Jahre später holte Schumi seinen ersten Titel. Fortan kletterte die Quote im Jahresschnitt bis auf 5,44 Millionen. Beispiel Boxen. Aufgestiegen vom Schlägersport aus dem Rotlichtmilieu zum gesellschaftlichen und medialen Großereignis (6,95 Millionen). RTL und Gentleman-Boxer Henry Maske machten’s möglich. Beispiel Skispringen. Vom verkatert konsumierten Zeitvertreib am Neujahrstag zum Teenie-Happening und Quoten-Stürmer (5,3 Millionen). Dank Schmitt, Hannawald und RTL. Sechs der zehn meistgesehenen Sendungen in der RTL-Historie sind Sportübertragungen. Weil sich auch Helden abnutzen, muss Nachschub her. Ein Glücksfall für den Motorradsport. Der fand im TV – zumindest hier zu Lande – bislang hauptsächlich beim Spartensender Eurosport statt. Mit einer durchschnittlichen Einschaltquote von unter 500000 pro GP bleiben die Fans von Rossi und Co. dort jedoch weitgehend unter sich. »Mit sechs Millionen Motorradfahrern in Deutschland besitzt der Motorrad-Grand-Prix genügend Potenzial«, begründet Loppe das dreiteilige RTL-Pilotprojekt in dieser Saison. Zudem macht die spanische GP-Vermarktungsagentur Dorna RTL den Einstieg schmackhaft und schürt mit Traum-Einschaltquoten wie beispielsweise des Mugello-GP auf Italia 1 (6,2 Millionen) die Erwartungen. Die Spanier lieferten auch die Basis der Berichterstattung, zu der in Jerez, Assen und am Sachsenring jeweils 70 RTL-Mitarbeiter eigene Aufnahmen und Beiträge beisteuerten. Übrigens von erstaunlicher journalistischer Qualität. Neben technischen Innovationen wie der am Sachsenring eingesetzten Camcat, einer an einem 500 Meter langen Stahlseil befestigten Kamera, die mit bis zu 140 km/h den Motorrädern folgt, zeigte der Sender ebenso personell kräftig Flagge. Gleich die gesamte Formel-1-Moderatoren-Crew Kai Ebel, Florian König und Ex-Formel-1-Weltmeister Niki Lauda bewiesen der neuen Zuschauergruppe, wie ernst es RTL meint. Promis wie der Sänger Peter Maffay sollen nur am Rande Interessierte ins Programm locken.Ihren Motorrad-Schumi suchen die Macher allerdings noch. Steve Jenkner wirkt zu blass, Racing-Dame Katja Poensgen kämpft lediglich um die Qualifikation, die Youngster aus dem Red Bull Rookies Cup sind noch nicht WM-tauglich. Wunschkandidat bleibt momentan der einzige deutsche MotoGP-Pilot Alex Hofmann. Der 23-Jährige ist intelligent, spricht fünf Sprachen, sieht blendend aus, sitzt aber auf der derzeit lahmenden Kawasaki. Der sich anbahnende Wechsel Hofmanns in ein geplantes zweites Ducati-Werksteam zeigt allerdings nur vordergründig Parallelen zur Schumacher/Ferrari-Traumhochzeit. Dass der Twen auf der V4-Maschine in absehbarer Zeit unter die besten Fünf vorstoßen kann, halten selbst Optimisten für ausgeschlossen. Bleibt den Programmplanern nur noch die Hoffnung, dass die zweite nationale Karte gespielt wird: der immer wieder kolportierte MotoGP-Einstieg von BMW. Wobei durchaus eine Wechselwirkung bestehen könnte. Die Aussicht auf deftige TV-Präsenz würde den Bayern die Entscheidung zur millionenschweren Investition sicher erleichtern.Derzeit ringen aber wohl eher die RTL-Verantwortlichen um einen Entschluss. Nach dem gelungenen Einstieg in Jerez (siehe Tabelle unten) und As-sen sackte die Quote ausgerechnet bei der Übertragung des Sachsenring-GP ab. Über die Gründe – auf ARD und Eurosport lief die Schlussetappe der Tour de France – kann nur spekuliert werden. Vor der Unterschrift unter den im Herbst zu signierenden Drei-Jahres-Vertrag mit der Dorna werden die Kölner jedenfalls noch mal in sich gehen.
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