Porträt Stefan Bradl (Archivversion)

Wo ein Wille ist...

...ist bekanntlich ein Weg: Stefan Bradl hat seine Eltern davon überzeugt, dass er Rennfahrer werden will. Jetzt sammelt der 13-jährige Realschüler die ersten Punkte im Red Bull Rookies Cup.

Der 26. Mai 1991 war ein denkwürdiger Tag im Leben von Helmut Bradl. An diesem Sonntag gewann der Honda-Werksfahrer in Hockenheim den deutschen 250er-Grand-Prix und konnte im tosenden Applaus von mehr als 100000 Fans baden – unvergessliche Momente und sicher der Höhepunkt in der Karriere des Rennprofis aus dem bayerischen Zahling.Stefan Bradl war damals gerade anderthalb. Doch logisch, mit drei Jahren flitzte auch der Sprössling des WM-Stars auf zwei Rädern durch die Gegend – auf dem 50er-Minibike durch den elterlichen Garten, wie das viele Kids von rennsportbegeisterten Vätern tun. Sportlich orientierte sich der Sohn des ehemaligen Vizeweltmeisters aber zunächst in Richtung Fußball. Der Wunsch, eine eigene Rennkarriere zu starten, reifte erst viele Jahre später. Irgendwann zog sich Stefan Bradl die Videokassetten aus Vatis Grand-Prix-Zeit rein und stellte fest: »Das war echt cool, was der Papi da gebracht hat.« Zudem imponierte ihm bei den GP-Übertragungen die Kultfigur Valentino Rossi. Besuche bei IDM-Rennen im letzten Sommer und erste Bekanntschaften mit Fahrern des ADAC-Honda-Cups gaben dann den letzten Anstoß, bei den Eltern vorzusprechen: »Ich will Rennfahrer werden.« Da die Bradls ihren Sohn nie zum Rennsport gedrängt hatten, überwog wohl zunächst die Skepsis. »Jetzt geht das Ganze wieder von vorn los«, lautete die erste Reaktion von Mami Gisela, die den Wunsch ihres 13-jährigen Steppkes letztlich jedoch ebenso akzeptierte wie ihr Mann. Wobei sich Stefan über eines klar sein muss: Schule und Berufsausbildung haben zunächst absolute Priorität vor einer unsicheren Rennkarriere.Angemeldet wurde der Junior im Red Bull Rookies Cup, und bei diversen Vorausscheidungen konnte er sich auch prompt für einen der 24 Startplätze im Grand-Prix-Talentschuppen qualifizieren. Seit dem Beginn der Rennsaison muss die C-Jugend von Zahling auf ihren Mittelstürmer verzichten, denn der schlüpft jetzt lieber in die Rennkombi, als die Kickstiefel zu schnüren.Der Wechsel vom grünen Rasen auf den schnellen Asphalt ist Stefan Bradl beachtlich gut gelungen. Beim Saisonstart auf dem fahrerisch sehr anspruchsvollen Sachsenring wurde er Zehnter und schnitt als bester Neueinsteiger ohne vorherige Rennerfahrung ab. Zwei Wochen später in Hockenheim überraschte ein kräftiger Regenschauer die Rookies kurz vor dem Rennen. Abgesehen von einem Frühstart, der jedem Anfänger mal passieren kann, schlug sich Bradl junior selbst unter erschwerten Bedingungen prima. »Hauptsache sitzen geblieben und Punkte gemacht«, kommentierte der Jüngling den 14. Platz im zweiten Rennen seiner jungen Karriere auf dem 44 PS starken 125er-Honda-Production-Racer.Das klingt recht kühl und abgeklärt, obwohl bei Stefan Bradl enorm viel Emotion im Spiel ist, wie der Cup-Betreuer Adi Stadler weiß. »Stefan ist total happy, dass er im Cup mitfahren darf. Seine Augen leuchten, wenn er aufs Motorrad steigt, und die Begeisterung überträgt sich voll auf seinen Fahrstil«, charakterisiert der Mentor der Rookie-Rasselbande den viertjüngsten Teilnehmer im Cup.An den Rennwochenenden muss Stefan Bradl nicht nur eine sportliche Herausforderung meistern. Dank seines prominenten Namens stand der 13-Jährige von Anfang an im Fokus der Medien. Hier ein Fototermin, dort ein Interview mit einem Fernsehteam, danach eine Pressekonferenz der Cup-Initiatoren ADAC und Honda: Gelassen und geduldig absolviert Bradl junior das gewünschte Programm und lässt dabei immer wieder seinen spitzbübischen Schalk und einen Schuss Humor durchblitzen.Sicher kann der Einsteiger in seiner derzeitigen sportlichen Lernphase enorm von den Tipps seines Vaters profitieren, der die Tricks und Kniffe des Rennsports wie aus dem Effeff kennt. Da es dem Filius auch an Talent nicht mangelt, könnte es durchaus etwas werden mit der angestrebten Rennkarriere. Vielleicht wird Stefan Bradl ja in ein paar Jahren beim deutschen Grand Prix ähnlich gefeiert wie der Papa einst im Mai im badischen Hockenheim.
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