Rennfahrernachwuchs in Deutschland (Archivversion)

Erster Stock: IDM

Der Nachwuchs im deutschen Motorsport drängt nach oben. Einige Youngster zwischen 13 und 20 haben sich in der deutschen Meisterschaft schon durchgeboxt.

Das hat man gern: Noch die Zahnspange im Gebiss, aber Vollgas geben wie die Großen. So unbedarft mancher der Youngster äußerlich erscheinen mag, auf den Rennstrecken wissen sie bereits, wo noch etwas herauszuholen ist. Die Vorbilder der repräsentativen Auswahl talentierter deutscher Nachwuchskräfte im Alter zwischen 13 und 20 heißen vornehmlich Valentino Rossi, klar auf Platz eins, gefolgt von Max Biaggi. Hin und wieder nennt einer der jungen Wilden auch Ralf Waldmann, Jörg Teuchert oder Christian Kellner.Superstar Rossi also, ganz klar: Der war 1997 mit 18 Jahren zum ersten Mal Weltmeister, und genau das wollen die Jungs auch. Sandro Cortese zum Beispiel, der 13-jährige Deutsch-Italiener unter den Fittichen von Ex-Weltmeister Dirk Raudies. Dabei ist der Biberacher nicht einmal der Benjamin: Sascha Hommel, ebenfalls bei den 125ern am Start, ist sogar noch sechs Wochen jünger. 15 Lenze zählt der 39-Kilo-Floh Georg Fröhlich, der auf seiner Honda in diesem Jahr bereits zwei Läufe bei den 125ern gewann. Aber nicht nur in der Achtelliterklasse als traditioneller Ein- und Aufsteigerkategorie machen die jungen Spunde von sich reden. Auch bei den 600er-Supersportlern bahnt sich ein Generationswechsel an. Philipp Hafeneger und Kenan Sofuoglu, beide 20, setzen Altmeister Michael Schulten in der schnellen Viertakt-Liga gehörig unter Druck. Der Großteil der Jungstars, vom Elternhaus meist ohnehin mit Rennsportmilch groß gezogen, stammt aus dem Minibike-Sport, einem wichtigen Rennfahrer-Kindergarten in Deutschland. Das ist sozusagen der Grundkurs und das Fundament der pyramidenförmig aufgebauten Nachwuchsförderung des ADAC. Nach der Streichung des Junior-Cups, den jetzt eine Privatinitiative weiterführt, werden geeignete Kandidaten aus der Minibike-Serie gleich in den Red Bull Rookies Cup to MotoGP transferiert. Wer sich in dieser mit waschechten 125er-Production-Racern ausgefahrenen Serie bewährt, darf und soll über das hauseigene ADAC-Honda-Team zur internationalen Karriere durchstarten. Über IDM und EM führt der Weg schließlich zum großen Ziel, dem Aufstieg in die Weltmeisterschaft.Das Konzept zeigt bereits Erfolg. Nach der ersten Saison – damals mit anderem Hauptsponsor noch unter der Bezeichnung Dark Dog Challenge – wurden Matti Seidel und Georg Fröhlich im vergangenen Herbst als Kandidaten für das 125er-IDM-Team auserkoren. Prompt mischen die beiden Teenager aus Sachsen dieses Jahr an der Spitze mit. Fröhlich belegt derzeit Platz zwei in der 125er-Tabelle, Seidel rangiert auf dem vierten Platz. Bei beiden ist die Tendenz steigend.Auf dem Weg nach oben gibt es aber auch Quereinsteiger. Sandro Corteses Mentor Dirk Raudies verzichtete bewusst auf den Red-Bull-Cup: »Der Cup ist zweifellos eine tolle Sache, aber aus Gründen der Chancengleichheit sind den Jungs keine privaten Trainingsfahrten erlaubt. Mir war es da lieber, im Winter mit Sandro viel auf der Rennstrecke zu trainieren, und der Kleine hat sich kontinuierlich gesteigert.« Der Beweis: ein dritter Rang in Hockenheim und somit bereits im zweiten Rennen der erste Podestplatz für den Ex-Pocketbike-Europameister.Der junge Türke Kenan Sofuoglu entwickelte sich ebenfalls abseits des ADAC-Systems zum siegverdächtigen Spitzenfahrer. Der Sohn eines Motorradhändlers am Schwarzen Meer gewann vergangene Saison souverän den deutschen Yamaha-Cup und stand dieses Jahr bei fünf Rennen der Supersport-IDM bereits vier Mal auf dem Podest. Das hat es in der 26-jährigen Geschichte des erfolgreichsten Nachwuchs-Cups der Welt noch nie gegeben, aus der internationale Stars wie Dirk Raudies, Udo Mark, Jochen Schmid oder Martin Wimmer hervorgegangen sind.Die Auftritte von Sofuoglu und dessen Yamaha-Markenkollegen Philipp Hafen-eger, der immerhin schon einen Saisonsieg auf dem Konto hat, nötigen auch Supersport-Meister und Ausnahmefahrer Michael Schulten gehörigen Respekt ab. Der 40-jährige IDM-Senior lobt die gerade mal halb so jungen Hüpfer: »Philipp und Kenan haben riesige Sprünge nach vorn gemacht. Vor denen muss ich mich wohl in Acht nehmen.«Je früher der Einstieg, desto besser: Diese Erkenntnis hat sich wohl positiv in Deutschland durchgesetzt. Wer in frühen Jahren die Feinmotorik und das Balancegefühl für das Motorrad erlernt, hat später eindeutige Vorteile. Torsten Gsell beispielsweise: Auf der Homepage des 15-jährigen Schülers aus Zaisenhausen bei Karlsruhe finden sich neben den Platzierungen im Junior-Cup auch Einträge über Erfolge im Trialsport oder der erste Platz im Zehnkampf für Geländesportler des MSC Kleinkrotzenburg. Ähnliches gilt für den 16-jährigen Max Müller. Der Dark-Dog-Vizemeister von 2002 will seine Karriere bei den Viertaktern fortsetzen, muss sich bei den Supersportlern aber noch eingewöhnen. Das wird er wohl schaffen, denn der Berliner sitzt seit dem vierten Lebensjahr auf allem, was sich motorisiert auf zwei Rädern bewegen lässt: norddeutscher Kinder-Motocross-Meister, Speedway-Champion in seiner Altersklasse und ebenso Bahnsport-Supercup-Sieger bei den Kids.Möglichst früh möglichst viel internationale Rennluft zu schnuppern gilt als erfolgsweisend: Der aktuelle 125er-IDM-Leader Dario Giuseppetti aus Berlin profitiert derzeit eindeutig von seinen Wild-Card-Einsätzen bei Grand Prix im vergangenen Jahr. Die WM ist auch das große Ziel des Deutsch-Italieners für die Saison 2004. Oder Jascha Büch: 2001 absolvierte er ein Auslandspraktikum in der spanischen Meisterschaft mit vielen Rennkilometern.Ob sich die Träume der neuen Rennfahrer-Generation von der großen Karriere erfüllen, wird sich zeigen. Auch wenn einige gerade erst den Stimmbruch hinter sich haben, auf den Mund gefallen sind sie jedenfalls nicht. Frage in die Runde: »Wer von euch hat denn schon einen Rasierapparat?« Gegenfrage aus der unter 1,60-Meter-Ecke: »Nass oder trocken?“
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