Reportage Bikers’ Classics in Spa-Francorchamps (Archivversion)

Circus Maximus

Wenn sich 14 ehemalige Weltmeister auf ihren alten Rennmaschinen zur nostalgischen Ausfahrt treffen, dann bebt die Erde, brennt die Luft. Fotograf Markus Jahn und Redakteur Mini Koch bebten mit.

Eigentlich ein ganz normaler Auftrag: das Klassik-Rennen in Spa, Fotos, Reportage – wie immer. Und wie es sich für einen Besuch in Belgien gehört: Es
regnet. Aus grauen Wänden und Wolkenfetzen trieft das Wasser vom Himmel. Dazu wabert der fettige Duft der Frittenbude durchs neblige Fahrerlager. Spa, wie es leibt und lebt.
Was sich dagegen in den Boxen und Zelten abspielt, hat die Welt noch nicht gesehen. Beim Fußmarsch durch den Basar der fliegenden Händler gerät das Sparkonto in akute Gefahr. Patinaüberzogene Rennteile aus den 70er Jahren, Fontana-Trommelbremsen im Bierfass-Format, blankpolierte Dellorto SSI-Vergaser, ja, sogar komplette Suzuki RG 500-Rennmaschinen lauern auf einen schwachen Moment. Geschafft. Ohne Haus und Hof zu verzocken, erreichen wir Box Nummer eins.
Atemnot, Herzstillstand. Mit zittriger Fistelstimme versuche ich Fotograf Markus klarzumachen, was ich will. Die Stimme versagt, vor uns aufgebahrt: eine RD05A. Ich brech’ zusammen. Oh sorry, RD05A, das steht für die legendäre 250er-V4-
Zweitakt-Yamaha, mit der Phil Read 1968
Weltmeister wurde. Daneben, aufgereiht wie im Kartenspiel, die Werksrenner aller Epochen, weißrot lackiert, blitzblank und unbezahlbar. Darunter einige Motorräder aus dem Yamaha-Museum, die außerhalb Japans fast nie zu sehen sind. Während
die Zuschauer die Box stürmen, ziehen
wir weiter.
Sehschwäche? Betrunken? Nein, Kevin Schwantz schwatzt mit Randy Mamola, Freddy Spencer verzehrt eine Portion
der guten belgischen Fritten, und Christan Sarron nimmt schon mal auf der Werks-YZR 500 Platz. Dazwischen die giftgrüne Kawasaki KR 500, Cagivas Grand-Prix-500er, Barry Sheens Suzuki RG mit der Nummer 7 und Spencers RS 500. Blackout, schnell ins Sauerstoffzelt. Auf dem Weg zur Ambulanz läuft mir mein alter Spezl und Maico-Werksfahrer Peter Frohnmaier über den Weg. Peter hat Gänsehaut am ganzen Leib. »Ich hab’ schon viel
erlebt, aber was hier abläuft, ist der
Hammer.« Wir hocken auf öligen Werkzeugkisten und trinken einen Kaffee. Das hilft. Für den Moment zumindest.
»Sorry«, sagt ein freundlicher Engländer, er muss an seine Düsenkiste. »Phil Read” hat sich der Angeber auf seine
Jacke gestickt – mir bricht der Schweiß aus. Peter beruhigt mich. »Phil, der alte Seeräuber. Seit er eine junge Französin hat, fällt ihm erst fünf Minuten vor dem Start ein, dass es noch was zu schrauben gibt.« Na ja, als achtfacher Weltmeister weiß er ja, wie es geht, das Schrauben.
Eine Nummer für sich: Umberto Masetti, 1950 und 1952 Weltmeister auf Gilera. Ein Greis, dem seine Mannschaft das Motorrad praktisch unter den Hintern schieben muss. Nur wer genau hinschaut, sieht das versteckte, schelmische Grinsen im faltigen Gesicht, das zum frechen Lachen wird, wenn der Oldie den ersten Gang seiner WM-Gilera reindrischt, die Gasschieber aufreißt und mit schleifender Kupplung durch die auseinander stiebende Menge auf die Piste jagt. Ein echter Italiener eben.
Ganz anders Sir John Surtees, der
ruhig und mit zuvorkommender Freundlichkeit eine halbe Million Autogram-
me schreibt. Auf der Strecke einer der Schnellsten, im klassischen Stil auf perfekter Ideallinie, mutig und schräg, auch dort, wo es mit Vollgas durch die grüne Hölle Belgiens geht. Man zieht einfach
nur den Hut. Respekt. Respekt auch vor denen, die ihre Karriere ohne WM-Titel beendeten. Teuvo »Teppi« Lansivouri, Bruno Kneubühler, Chas Mortimer, Heinz Rosner, Kim Newcombe, Will Hartog oder Aalt Toersen und der Holland-Clan stehen stellvertretend für alle, die den Rennsport der 70er und 80er Jahre mitgeprägt haben.
Doch Ferry Brouwer, Arai-Europa-Importeur und Initiator der Bikers’ Classics, hat die Veranstaltung nicht nur den alten Helden und glorreichen Siegern geöffnet, auch Amateure dürfen ran. Hunderte bildschöner Eigenbauten und Raritäten sind
im Fahrerlager und auf der Piste zu bestaunen. Eine Show für sich, nicht auf den ersten Blick, aber für die echten Freaks, die handwerkliche Arbeitskunst mit Schweißgerät, Eisensäge und dem gekonnten Feilenstrich lieben, ein Hochgenuss.
Krächzendes Lautsprechergequake, Aufruhr in der Boxengasse. Die WM-Klassen rollen zum Vorstart. Mechaniker ziehen mächtige Norton-Manx-Motoren auf, ein Ruck, und das Megaphon dröhnt. Grauhaarige Japaner in einheitlich schicken Monteursanzügen und weißen Handschuhen zelebrieren fernöstliche Ordnung und Disziplin, während derbe Handwerker aus dem englischen Königreich die verklemmte Hinterachse mit einem wohl dosierten Hammerschlag in Position bringen. Hauptsache, es läuft. Die Hektik steckt an, an
allen Ecken und Enden wird geschoben und gewerkelt, es riecht nach Rizinusöl, Gummi und Sprit. Markus, der Fotograf, zieht grinsend zwei Paar Ohrstöpsel aus der Tasche. Nein danke, ich geb’ mir die Droge unverdünnt. MV Agustas Sechszylinder und die Moto-Guzzi-V8 reißen dem Publikum das Zwerchfell in Fetzen, die plärrenden Sopranstimmen der Yamaha TZ, Suzuki RG und 50er-Van-Veen-Kreidler erledigen den Rest. An den Boxenwänden fängt der Stahlbeton zu bröckeln an, Risse klaffen im Asphalt der Boxengasse. Sodom und Gomorrha, es nimmt seinen Lauf. Und wir mittendrin. Gott sei Dank.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote