Reportage: die weltbesten Stunt-Profis (Archivversion)

100 Grad im Schatten

Beim Meeting von drei der weltbesten Stunt-Profis geriet sogar das coolste Publikum in übersprudelnde Extase.

Zolder, Belgien, 15. Juni 2003. Zielgerade der Ex-Grand-Prix-Strecke. Ein hagerer 39-jähriger Sonnyboy in grüngelber Lederkombi mit eingemeißeltem Lächeln unter dem Jethelm verbeugt sich neben seiner umgebauten Yamaha YZF-R1. 30000 Menschen jubeln. So, als spielten die Stones ihren größten Hit. Die Ovationen der Fans beim Stunt-Festival gelten freilich nicht Antonio Carlos Farias’ musikalischer Leistung. Es ist eine Huldigung an sein Können als Fahrer.Rückblende. 40 Minuten zuvor biegt Farias auf die Zielgerade. Er trägt zwei verschiedene Turnschuhe, der Auspuff seiner Yamaha ist nichts weiter als eine vage Andeutung. Gas, hoch das Vorderrad, die Zielgerade runter, linke Hand vom Lenker. Farias winkt in die Menschenmenge, ein Willkommensgruß. »Wheelies kennt ihr alle«, brüllt er in die Menge. »Aber kennt ihr auch das?« Er bläst die Zielgerade erneut hinunter, beschleunigt seine kurz übersetzte R1 auf 220 km/h. Das Vorderrad schwebt wie von Geisterhand gehalten exakt 40 Zentimeter über dem Boden. Kein Zucken beim Schalten, kein Wippen. Highspeed-Wheelie nennt er das. Ein Kunststück, das selbst Vollprofis größten Respekt abringt.Ebenso wie seine anderen, nahe-zu unnachahmlichen Wheelie-Varianten: stehend freihändig engste Kreise fah-ren, das Bike mit ausgeschaltetem Motor bei über 130 km/h per Hinterradbremse am Kipppunkt balancieren, einhändig oder über Kreuz gegriffen, auf dem Tank sitzend...Und das ganze Repertoire natürlich auch zu zweit. Als Dank erhält er Standing Ovations. Der europäische Stuntfahr-Champion von 1998 und Freestyle-Meister 2000 bringt das Jubelfass endgültig zum Überlaufen, als er einen 50-Meter-Stoppie zentimetergenau vor seiner Partnerin Marit beendet und ihr auf dem Vorderrad balancierend einen Kuss aufhaucht. Welch königlich menschlicher Zug von einem, der aufgrund seines exorbitanten Balancegefühls scheinbar nicht von diesem Planeten stammt.Sein erstes Bike, eine 50er, fuhr Farias mit 16 Jahren. Schon am dritten Tag konnte er die nur vier PS starke Gurke 100 Meter weit mit erhobenem Vorderrad pilotieren. Kein Wunder. Er ist praktisch im BMX-Sattel groß geworden, war mehrmaliger brasilianischer Meister im Fahrrad-Freestyle. Sein Gleichgewichtsgefühl scheint in die Wiege gelegt. »Die Idee, Stuntprofi zu werden, kam nach dem Gewinn einer Wette: im Wheelie durch den brasilianischen Stadtverkehr. Mit Kurven um parkende Autos und obligatorischem Ausweichen bei Gegenverkehr.« Strafzettel gab es in seiner Jugend merkwürdigerweise keine. Dafür jede Menge Schürfwunden. Wie viele? »Nie gezählt.«Das Zählen hat Kevin Carmichael ebenfalls aufgegeben. Der Stuntweltmeister 2002 und Ex-Motocrosser, der aus Speedhunger und auf der permanenten Suche nach dem gewissen Kick ganz nebenbei auf der Isle of Man Rennen bestritt, lebt wie sein Kollege Farias seit Jahren von spektakulären Auftritten. Aber ist die Show von Farias überhaupt zu toppen?Kevin überfällt die Zuschauer. In seinen Augen flackern Waghalsigkeit, Konzentration und Heldenmut. Er ist sich seiner Sache sicher. Trägt zu schwar-zen Turnschuhen weite, schwarze Jeans ohne Protektoren. Schleudert seine Speed Triple über den siedenden, griffigen Asphalt, als wäre er Glatteis. Burnoutet Figuren und Initialen, fährt mit aberwitzig wirkenden Verrenkungen Stoppies und Wheelies. Hat bei 140 km/h einen üblen Rutscher übers Vorderrad. Das Publikum rast. War der Rutscher Teil der Show?Carmichael steht vor der Tribüne, reißt die Arme hoch, stimmt die La-Ola-Welle an, wirft Souvenirs in die Menge. Anschließend setzt er sich verkehrt herum aufs Bike. Auf eine Art Notsitz, der sich dort befindet, wo normalerweise der Doppelscheinwerfer prangt. Die Masse ist außer sich. Kevin Carmichael, 32, Schotte, trinkfest, ein Mann, der glaubt, als Motorrad wiedergeboren zu werden, fährt rückwärtig sitzend im Kreis, lässt den Reifen rauchen und winkt dabei in die Menge. Es ist verrückt. Er ist verrückt. Begeisterungstürme branden von den Tribünen. Das Tosen wird noch stärker, als zwei Frauen die Zielgerade betreten.Lea Carmichael, 29, seine ungarische Frau, und Kim Crolla, 19, eine holländische Studentin, den rechten Arm in Gips. Sie reckt den Gips hoch, streift sich die Lederjacke drüber. Ihr Arm ist vierfach gebrochen, eine Dame hat ihr und ihrer Suzuki GS 500 die Vorfahrt genommen. Bitte? Keine Angst? »Dies hier ist viel sicherer, als wenn du im Stadtverkehr unterwegs bist«, erklärt Kim charmant und quetscht sich zwischen Tank und Sitzbank. Das Auditorium schreit sich die Seele aus dem Hals. Kevin Carmichael performt ab sofort zu dritt. Wheelies, Stoppies, Burnouts. Und wird ebenso wie sein Kollege AC Farias mit Standing Ovations belohnt. Stoppie-Star Craig Jones verfolgt die Darbietungen konzentriert und filmt sie. »Kevin ist völlig crazy«, sagt Jones mit Ehrfurcht beseelter Stimme. Vergangenes Jahr übertrumpfte der Brite den von Carmichael aufgestellten Stoppie-Weltrekord von 202 Metern. Craig Jones lupfte seine Buell bei 192 km/h aufs Vorder-rad und balancierte sie 225 Meter weit. Alles klar, Mister Jones, Sie sind völlig normal. Knapp zehn Minuten später ist er an der Reihe. Durch die Menge irrt ein Raunen. Craig Jones, 34, blaue, sponsorenschwangere Lederkombi, Jethelm mit Funkmikro à la Michael Jackson, tuckert in plastilinen Racingboots auf einer Harley-Davidson Dyna Glide die Zielgerade herauf. Er reißt die Drosselklappen auf, das Heck bricht aus, als wäre die Harley ein monstermotorisiertes MotoGP-Bike. Jones slidet den 300-Kilo-Brocken über den flimmernden Teer, geht von Beschleunigungsdrifts nahtlos in Wheelies über. Nebenbei kommentiert er live. »120 PS, Screaming-Eagle-Tuning, 1700 Kubik. That’s Rock ’n’ Roll, yeah.« Grenzenloser Jubel. Die Tribüne scheint zu fallen.Craig Jones verbeugt sich tief, springt anschließend auf eine seiner drei Buell. Rast die Zielgerade entlang. Stoppie, Wheelie im Wechsel. Ein 100-Meter-Burnout mit anschließendem Stoppie. Ziel: ein breitbeinig sitzender Mann im Lederkombi. Millimetergenau vor seinen Genitalien kommt das Vorderrad zum Stehen. Blitzartig springt Jones’ Partner auf. Stemmt seine Füße auf separate Rasten an der Vorderradachse, umklammert die Verkleidung der Buell. Sein Partner Wing Hui, 28, aus Hongkong turnt auf dem Bike mit der Agilität eines Kung-Fu-Kämpfers. Craig Jones schreit ins Mikrofon: »120, 130, 140 km/h.« Dann hebt das Hinterrad ab, ein Stoppie zu zweit. Huis mit einem Stück Stahl präparierter Helm schabt über den Asphalt. Funken sprühen. Zehn Zentimeter vor den Augen des Asiaten rotiert das Vorderrad. Ein Schrei aus abertausend Kehlen, wund geklatschte Hände, stampfende Füße. Das Volk feiert die Helden von Zolder.Und damit auch die Idee des hol-ländischen Motorradmagazins Kicxstart: Zwischen den Shows der Stuntprofis war die Strecke offen für freies sowie markengebundenes Renntraining. Im Rahmenprogramm: Freestyle-Motocross, Bungee-Jumping, Burnout-Competition und Streetfighter-Show – da ist höchste Adrenalinversorgung garantiert. Für die Akteure wie die Zuschauer.
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