Starke Mädels im Rennsport (Archivversion)

Weltklasse

Hand aufs Herz, hätten Sie’s gewusst? Vier zu eins steht es, wenn man die deutschen Motorrad-Weltmeister der Saison 2003 bei den Frauen und Männern gegenüberstellt.

Die Herren der Schöpfung haben sich in letzter Zeit nur spärlich mit WM-Lorbeer geschmückt. Wie schon 2002 heißt Deutschlands einziger Weltmeister auch nach der letztjährigen Saison Robert Barth, seines Zeichens Chef auf der 1000-Meter-Langbahn. Doch Motorradsport wird bekanntlich nicht nur von Männern betrieben. Rund 50 Frauen mischen in den verschiedenen Disziplinen mit, und vier von ihnen haben 2003 die internationale Bilanz des deutschen Zweiradsports kräftig aufpoliert. Iris Krämer, ihre Schwester Ute sowie Rosita Leotta konnten beim Trial der Nationen die Team-Weltmeisterschaft gewinnen, Steffi Laier darf sich als weltbeste Motocross-Fahrerin bezeichnen.Die Frontfrau des siegreichen Trial-Trios ist zweifelsohne Iris Krämer. Auch in den Einzelwettkämpfen hat die 22-Jährige aus Groß-Bieberau bei Darmstadt in den letzten Jahren ihre Extraklasse bewie-sen. So gewann sie bereits drei Mal die Europameisterschaft und landete im FIM Women’s Cup, der inoffiziellen Frauen-WM, zuletzt drei Mal auf Platz zwei. Bereits als Kleinkind kam Iris Krämer mit dem Rennzirkus in Kontakt. Der Vater fuhr Motocross. Das hielt er für seine Tochter jedoch für zu gefährlich und riet ihr zum Trial. Die pure Begeisterung für diese knifflige Disziplin merkt man Iris Krämer förmlich an, wenn sie jetzt im Winter viermal die Woche vormittags mit dem Bike zum Training ausrückt und sich die gute Laune weder durch das nass-kalte Wetter noch durch die glitschigen Felsblöcke im Parcours vermiesen lässt.Seit 1999 fährt Iris Krämer für das Gas-Gas-Werksteam. Für die spanische Firma hat sie auch noch einen Nebenjob zu erledigen: Sie gehört zu den Was-serträgern des ehemaligen Weltmeisters Marc Colomer. Was der Spanier 1996 geschafft hat, ist Iris Krämers großes Ziel: der Einzeltitel. In dieser Disziplin fühlt sich die ehrgeizige Odenwälderin schon als ewige Zweite: »Das nervt und das muss sich ändern.«Steffi Laier hat dagegen im Motocross bereits das Maximum erreicht: Die 18-jährige Schülerin aus Dielheim in der Nähe von Heidelberg gewann zum dritten Mal in Folge die WM im Frauen-Motocross, die nicht der Weltverband FIM, sondern die amerikanische Women’s Motocross League (WML) ausschreibt. Mit fünf Jahren hat Steffi ihr erstes Rennen bestritten, und vom Beginn ihrer Karriere an musste sie sich mit der männlichen Konkurrenz messen: »Meinen Speed und meine Fahrkunst habe ich von den Jungs. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich heute so schnell bin.«Ihre Konkurrentinnen hatte Steffi Laier in der letzten Saison voll im Griff. So gewann sie in den USA nicht nur die WM, sondern triumphierte dort mit ihrer 125er-KTM auch in einer international besetzten Frauen-Rennserie – sechs Siege in sechs Rennen. Zweimal konnte Steffi Laier im letzten Jahr bei deutschen B-Lizenz-Rennen der 125er zudem die Herren bügeln. Die Cross-Amazone kennt allerdings ihre Grenzen im Wettbewerb mit dem starken Geschlecht: »Die Cross-DM wäre sicher eine Stufe zu hoch für mich.« In diesem Jahr will sie wieder in den USA crossen, jedoch im begrenzten Umfang, um keine Schwierigkeiten mit dem Schulabschluss zu bekommen. Als neue Herausforderung für die kommende Saison hat sich Steffi Laier schon einmal die vier Läufe umfassende Enduro-EM für Frauen ausgeguckt. Neben den genannten Champions hat 2003 Nynke de Jong von sich reden gemacht. Obwohl sie Holländerin ist, geht die 20-Jährige als schnellste »deutsche« Bahnsportlerin durch. Denn die adrette Blondine fährt seit zwei Jahren Sand- und Grasbahnrennen mit DMSB-Lizenz. Mit acht begann sie mit einer Crossmaschine in der 125-cm3-Nachwuchsklasse, Grasbahnrennen zu fahren. Inzwischen hat Nynke längst ihren Weg auf den großen 70-PS-Bahnmaschinen gemacht. Dabei spielt sie im Kampf gegen die Männer auch ihre Physis aus: Die 167 Zentimeter große Holländerin wiegt nur 52 Kilogramm – ein enormer Vorteil bei den kurzen Bahnsprints. 2002 gewann Nynke de Jong auf Anhieb den deutschen Bahnpokal der B-Lizenz und damit als erste Frau der Welt einen offiziellen Meistertitel im Bahnsport. Im letzten Jahr kam sie über einen Reserveplatz in das Viertelfinale der Langbahn-WM und qualifizierte sich mit einem sechs-ten Platz sogar für das WM-Halbfinale. Doch ab Juni 2003 konfrontierte eine Verletzungsserie die Tierarzt-Assistentin für den Rest der Saison erstmals mit den Schattenseiten des Sports. Inzwischen hat Nynke de Jong ihren Job beim holländischen Tierdoktor gegen eine Stelle in einem Bremer Supermarkt getauscht und ist »wegen der besseren Trainingsmöglichkeiten« in die Hansestadt gezogen. Dort bereitet sie sich nun intensiv auf die Saison 2004 vor.Als Multitalent gilt die 17-jährige Jessica Baruth aus Bad Salzuflen. Wie Steffi Laier ist sie mit dem Motocross aufgewachsen. Elf Jahre lang hat sie mit Erfolg auf Stollenreifen gekämpft, ehe sie 2002 den Straßensport entdeckte und sich zur Dark Dog Challenge anmeldete. Die erste Saison im 125er-Cup von ADAC und Honda beendete Jessica Baruth auf dem 18. Gesamtrang. 2003 machte sie in dem zum Red Bull Rookies Cup umbenannten Grand-Prix-Talentschuppeneinen gewaltigen Sprung nach vorn: Dank eines zweiten Platzes in Oschersleben und weiteren Top-Ten-Rängen wurde sie am Ende auf dem fünften Tabellenplatz notiert. Eine starke Leistung, aber leider nicht genug, um einen der beiden Förderplätze im ADAC-Honda-Team für die IDM und die EM zu ergattern. Dennoch gab es Angebote diverser Straßen-Teams für 2004. »Aber dabei hätte ich 30000 bis 40000 Euro mitbringen müssen«, berichtet die Schülerin aus der Nähe von Bielefeld. Da Jessica Baruth auch mit einer Supermoto-Maschine umgehen kann, steht künftig driften auf dem Programm – das Löffler-Team stellt ihr eine Honda für die 450er-DM.
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