Superbike-WM in Assen/Niederlande (Archivversion)

Der Zirkus brennt

Dass Ducati-Werksfahrer Neil Hodgson vorzeitig den Titel holen würde, war vorhersehbar. Die Situation in der Superbike-WM insgesamt aber ist völlig verworren und sogar brandgefährlich.

Trotz des Vorsprungs von 140 Punkten auf seinen Ducati-Werksteamkollegen Ruben Xaus hatte WM-Top-Favorit Neil Hodgson so seine Probleme mit der vorzeitigen Titelentscheidung in Assen: »Ich war am Dienstag bei der Geburt unserer Tochter Holly Jean dabei, oh Mann, das überstrahlt alles, auch die größten Erfolge auf der Rennstrecke. Unabhängig davon aber war es in Assen schwer, die richtige Mischung zu finden zwischen der Entspannung angesichts des kaum noch zu verlierenden WM-Titels und der vollen Konzentration, dies möglichst mit einem Sieg zu erledigen.«Und so verlief dann auch das Rennen. Nach dem frühen Sturz von Alstare-Corona-Suzuki-Pilot Gregorio Lavilla aus der Führungsposition hatten die beiden Ducati-Werkshelden »überhaupt keinen Rhythmus und keinen Plan mehr«, wie Xaus klagte. Er gewann am Schluss vor dem neuen Weltmeister Hodgson und Frankie Chili auf seiner Gebraucht-Ducati: »Wir fuhren mal schnell, dann wieder langsam, zum einen wollte ich Neil nicht in die Quere kommen, zum andern aber doch gewinnen. Ich habe mich nach einem Sieg noch nie so komisch gefühlt. Nein, das war kein gutes Rennen.«Der neue Superbike-Champion wusste Ähnliches zu berichten: »Ich hatte richtige Selbstgespräche im Rennen, etwa: ‚Ruhig bleiben Junge, nichts riskieren, du bist Weltmeister’. Und nur Sekunden später: ‚Hey, da sind tausende britischer Fans über den Kanal gekommen, um dich siegen zu sehen, mach was, greif an.’ In den letzten Runden war ich nervös wie ein blutiger Anfänger.« Jedoch überglücklich, als seine Ducati-Crew mit dem vorbereiteten Aufkleber in Form eines diagonalen roten Strichs aus seiner Startnummer 100 die Eins machte.Ein anderer großer roter Strich bedroht dagegen die Superbike-WM in ihren Grundfesten. Während Champion Hodgson das zweite Rennen gegen Xaus und Lavilla gewinnen konnte, liefen hinter den Kulissen die Diskussionen und Spekulationen auf Hochtouren.Die Fakten: Superbike-WM-Promoter Maurizio Flammini stellte zusammen mit dem Weltmotorradverband FIM nach vielfachem Hin und Her wieder ein neues Regelwerk vor, das allerdings längst noch nicht als verbindlich veröffentlicht ist. Und zwar: Abkehr von den erst 2003 eingeführten Luftmengenbegrenzern für die 1000er-Vierzylinder, dafür in Anlehnung an die Regeln der US-Superbike-Meisterschaft die vermehrte Verwendung von Serienteilen, zum Beispiel im Bereich der Kurbelwelle, Nockenwellen und Ventile. Obendrauf sollen auch noch Pirelli-Einheitsreifen verwendet werden, die von den Teams bezahlt werden müssten, mit 45000 Euro in der Superbike- und 15000 Euro in der Supersport-Klasse.»Und jetzt«, so Alstare-Corona-Teambesitzer Francis C. Batta, »haben nach den unzähligen unausgegorenen Änderungsideen die japanischen Hersteller die Schnauze voll von Flammini. Die hätten am Ende wohl auch die US-Regeln geschluckt, doch nun wollen sie einfach nicht mehr.« Und tatsächlich, nach der Warnung des Herstellerverbandes MSMA von Ende Juli existiert inzwischen ein zweites Schriftstück seitens der vier japanischen Motorradgiganten an Flammini und die FIM, das unmissverständlich erklärt, dass von den japanischen Firmen für ein weiteres Engagement in der Superbike-WM keinerlei Unterstützung zu erwarten ist. Im englischen Wortlaut: »not at all«. Batta bestätigt dies: »Nach derzeitigem Stand bekomme ich von meinem langjährigen Partner Suzuki für die Superbike-WM 2004 nichts.«Was dies heißen kann? Nun, Optimisten sehen das Ganze als Theaterdonner und formulieren bereits den großen Kompromiss: Einführung der US-Regeln, was für die Hersteller ein gehöriger finanzieller Verlust wäre, weil sie ihre aufwendigen Entwicklungen rund um den Luftmengenbegrenzer in die Tonne treten müssten. Dafür müsste Flammini auf die fixe Idee der Einheitsreifen verzichten.Weniger fröhliche Zeitgenossen sehen den ganzen Superbike-Zirkus gegen die Wand rennen. Aus den Trümmern könnte dann vielleicht schon 2004 eine nur wenig modifizierte Supersport-Klasse – in Assen holten übrigens die Ten-Kate-Honda-Fahrer Karl Muggeridge und Chris Vermeulen einen überzeugenden Doppelsieg – im Stile der früheren Thunderbike-Trophy im GP-Rahmenprogramm laufen, bis in naher Zukunft der Aufstieg zur MotoGP2-Kategorie erfolgen soll.Nicht gerade einfacher werden die ganzen Irrungen und Wirrungen an-gesichts des Reigens der neuen japanischen 1000er-Straßensupersportler, Modelljahr 2004, die alle nachgerade danach schreien, auf den Rennstrecken aufeinander losgelassen zu werden. Die Frage ist nur, ob dies unbedingt im Circus Flamminicus passieren muss.
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