Supermoto-DM in Aalen (Archivversion)

Eins bleibt meins

Entschuldigungen für schlechte Platzierungen braucht sich Jürgen Künzel (Fotos) selten auszudenken. Auch beim DM-Finale in Aalen galt für die Konkurrenz: keine Chance, wenn beim Chef alles glatt läuft.

Jürgen Künzel kauert tief geduckt hinter dem breiten Motocross-Lenker, der 700-cm3-Motor seiner Werks-KTM röhrt in höchsten Drehzahlen. Kurz vor dem Anbremspunkt auf dem 600 Meter langen Rollfeld rettet der Drehzahlbegrenzer den Einzylinder vor dem Kollaps. 9800 Umdrehungen, 190 km/h. Rekord. So schwer hatte der 85 PS starke Single 2003 noch nie schuften müssen. Doch er wird ihn verkraften, den Endspurt in der Supermoto-DM auf der rasend schnellen Flugplatzpiste in Aalen, etwa 70 Kilometer östlich von Stuttgart gelegen. Immerhin hatte sich das piekfein in der KTM-Rennabteilung vorbereitete Triebwerk in dieser Serie schon an allerhand gewöhnt: an die schön geschwungene Flugplatzpiste beim DM-Auftakt in Stendal. An den flüssigen Kurs auf Stuttgarts größtem Festplatz, dem Cannstatter Wasen. An Vollgas-Orgien auf dem Flugfeld in Großenhain bei Dresden. An die altehrwürdige Straßenrennstrecke in Schleiz. An die Kartpiste auf der Speedweek in Oschersleben. An den engen Stadtkurs in St. Wendel, auf dem allerdings statt des LC4-Modells die handlichere Racing-Ausgabe mit 600-cm3-Motor ranmusste. Nun wird der LC4-Einzylinder auch diese für Supermoto-Verhältnisse endlos lange Gerade in Aalen überstehen.Schließlich dient der Einsatz einem guten Zweck. Für Jürgen Künzel, den 28-jährigen Rennprofi aus dem nahe Aalen gelegenen Heidenheim, gibt es nur ein Ziel: den Titel, und dafür wird viel Aufwand betrieben. Vier Maschinen, zwei Mechaniker, ein Fahrwerksspezialist und der Teamchef kümmern sich unter dem Zeltdach des riesigen Sattelschleppers nur um diesen Erfolg. Noch fürsorglicher, seit sich Teamkollege Klaus Kinigadner vor dem DM-Meeting in St. Wendel mit böse gebrochenem Finger für den Rest der Saison abmelden musste. Doch mal abgesehen von den beiden Werksfahrern, so schnell außer Haus kommen die Siege in dieser von KTM erdrückend dominierten Disziplin nicht. Denn wie mit den immer wieder nachwachsenden Zahnreihen eines Hais verbeißt sich der österreichische Hersteller mit unaufhörlichem Personal-Nachschub in den Erfolg. Mit Marc Nemeth im Team des Wormser KTM-Händlers Stega, Achim Trinkner und Meik Appel in der Truppe des ebenfalls auf KTM ausrückenden Mizu-Sebring-Teams, zudem Privatfahrer Harald Ott plus den beiden Werkspiloten setzt man sechs Mann aus der potenziellen Top-Ten-Liga auf Werksrenner oder die mit 18000 Euro pro Stück sündteuren 660-cm3-Factory-Replikas. Und deshalb begeisterten sich nicht nur die 6500 Fans, die dem DM-Finale in Aalen einen würdigen Rahmen verliehen, über Bernd Hiemer, den blau-gelben Farbtupfer in der orangefarbenen Monokultur. Wie Asterix und Co. damals gegen die übermächtigen Gallier stemmt sich der erst 20-jährige Allgäuer, zwar mit allem Engagement von Husqvarna-Importeur Zupin Moto Sport im Rücken, letztlich aber doch mutterseelenallein gegen die gewaltige Übermacht. Mit erstaunlichem Erfolg. Auf der 600-cm3-Husky mauserte sich der Youngster zur zweiten Kraft im Supermoto. Sportlich gesehen. In der Publikumsgunst liegt der gelernte Elektro-Installateur schon längst vorn. Keiner schwingt seinen Supermoto-Renner so lässig in den Drift, niemand lässt den Auftritt auf den raubeinigen Viertakt-Boliden so elegant und mühelos aussehen wie der sympathische Süddeutsche. Nur gelegentlich musste der Strahlemann, der erst in seiner zweiten DM-Saison steckt und in Stuttgart bereits seinen ersten Laufsieg in der Deutschen Meisterschaft holte, der jugendlichen Unerfahrenheit Tribut zollen und nach verpatzten Starts oder übereifrigen Attacken mit schlechteren als den fast schon abonnierten zweiten Plätzen hinter Leader Künzel vorlieb nehmen.Doch Meisterschaften belohnen weder Stil noch Volksnähe, sie fordern Konstanz. Und die wird in diesem Sport seit Jahren von einem einzigen Menschen verkörpert: Harald Ott. Der 35-jährige Evergreen, als Hallencross-Champion, deutscher Motocross-Meister und Straßen-EM-Pilot mit allen Wassern der Schräglagenbranche gewaschen, steht dann Gewehr bei Fuß, wenn’s darauf ankommt.Und in Aalen kam’s darauf an. Zunächst mal für Jürgen Künzel. Doch der machte – ganz Profi – kurzen Prozess. Ein ungefährdeter Sieg im ersten Lauf, damit war der Meistertitel eingetütet. Wie erwartet ohne viel Firlefanz oder Sentimentalitäten. Dienst nach Vorschrift gewissermaßen. Für Bernd Hiemer, dem der Vizetitel längst im Pflichtenheft stand, entwickelten sich die Dinge ebenfalls, wie sie sollten – allerdings nur im ersten Rennen. Nach dem üblichen zweiten Platz hatte sich der Schwabe wohl etwas zu sicher gefühlt. Wieder mal ein verpatzter Start und ein harmloser Sturz im zweiten Durchgang reichten, um gleich einen Nuller zu verbuchen. Der die Stunde des Harald Ott einläutete. Der Lokalmatador, der wie Künzel in Heidenheim wohnt, ließ sich nicht zweimal bitten und schnappte, nachdem Oberdrifter Künzel am Start abgeschossen worden war, mit seinem einzigen Laufsieg der Saison Kollege Hiemer den Vizetitel bei der letztmöglichen Gelegenheit vor der Nase weg.Was übrigens auch einen Rekord bedeutete. Als einziger der Top-Drei dieser Saison stand der wackere Schwabe schon beim Stapellauf der Supermoto-Serie vor genau zehn Jahren auf dem Siegertreppchen – damals allerdings ganz oben.
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