Trial-WM in Kiefersfelden (Archivversion)

Hochwürden

Klettern ist der Job der Trial-Profis. Doch selten macht es so viel Spaß, Menschen bei der Arbeit zuzuschauen wie bei einem Trial-WM-Lauf. Gut, dass für Cracks wie Tagessieger Graham Jarvis (Foto) auch Sonntagsarbeit erlaubt ist.

Doug Lampkin macht ein langes Gesicht. Gelacht wird ein anderes Mal. Dann, wenn’s wieder so läuft, wie es für einen Champion eben zu laufen hat. Wenn er diese bissige Meute von besessenen Spaniern und abgebrühten Japanern endlich abgeschüttelt hat und die sich wieder in die Ordnung fügen, die Dougie ihnen in den vergangenen Jah-ren aufdiktiert hat. Sechs Jahre in Folge gab’s nur einen WM-Favoriten: Doug Lampkin. Verständlich, ja selbstverständlich. Denn der Junge aus Silsden in der Nähe von York besitzt alles, worauf es ankommt. Von Papa Martin, 1975 ers-ter Trial-Weltmeister der Geschichte, die Begeisterung und das Talent für diesen Sport. Von Onkeln und Cousins, die alle-samt die britische Trial-Szene der vergangenen Jahrzehnte prägten, die Überzeugung, dass ein Lampkin in dieser Disziplin eben der Chef im Ring sein muss. Und das wurde er denn auch. Sechs Outdoor-WM-Titel in Folge und fünf In-door-Weltmeisterschaften haben den 27-Jährigen längst zur Ikone der Balancekünstler erhoben. Und zum gemachten Mann. Wohnsitze auf der Isle of Man und in Spanien, der Ehrentitel Member of the British Empire und so manches britische Pfund auf der hohen Kante belohnten den buchstäblich steinigen Weg nach oben redlich. Aber, wie erwähnt, gelacht wird nicht immer. Selbst wenn die Vorzeichen beim WM-Lauf in Kiefersfelden am deutsch-österreichischen Grenzübergang nahe Kufstein positiver hätten kaum sein können. Allein die 15 Sektionen, fast alle an einem bewaldeten, feuchten und rutschigen Steilhang abgesteckt, schufen sogar im tiefsten Bayern geradezu britische Bedingungen. Dann diese spanischen Hitzköpfe. Gestreikt hatten sie, beim Auftakt zur spanischen Meisterschaft. Wollten den Start der beiden Gastfahrer, besagter Dougie samt dessen japanischem Teamkollegen Takahisa Fujinami, nicht zulassen. Doch der Schuss ging nach hinten los. Die spanische Föderation schloss die Rädelsführer kurzerhand vor Ort und vom zweiten WM-Lauf der Saison in Luxemburg aus. Was die Delinquenten vorerst aus den Spitzenrängen warf. Ex-Weltmeister Marc Colomer und die beiden Indoor-Champions Albert Cabestany und Adam Raga rangierten vor dem Termin in Kiefersfelden nicht unter den Top-Acht der WM. Überhaupt Spanien. Für die Iberer gehört die Trial-WM zur sportlichen Innenpolitik. Denn trotz der Ära Lampkin stammen allein acht Piloten der ersten zwölf des letztjährigen Trial-Championats von der Iberischen Halbinsel. So wie Lampkins Vorgänger Jordi Tarrès, der mit sieben Weltmeister-Titeln immer noch den Rekord in dieser Beziehung hält. Und der dem Briten sogar nach seiner aktiven Zeit das Leben schwer macht. Adam Raga, Tarrès’ Schützling, gilt als der Mann der Zukunft. Seit fünf Jahren lebt der hoch talentierte 21-Jährige beim Ex-Champion und wird dort systematisch aufgebaut. Mit sichtbarem Erfolg: Keiner beherrscht die Klettertouren mit derart viel Finesse wie der Youngster aus der Nähe von Tarragona. Letztlich hält nur noch fehlende Erfahrung – oder eben ein unüberlegter Streik – den Katalanen vom endgültigen Durchbruch ab. Was allen spanischen Trialern zugute kommt: Sämtliche Kollegen wie auch der größte Teil der Trialmaschinen-Produzenten stammen aus der direkten Nachbarschaft. Außer Ragas Arbeitgeber Gas Gas produzieren Montesa und die erst seit 1999 existierende Aufsteiger-Marke Sherco in einem Umkreis von nicht mal 100 Kilometer um Barcelona. Nur die italienische Beta und der französische Klein-Hersteller Scorpa entziehen sich der aktuellen Konzentration des balancierenden Gewerbes in Katalonien.Wo sich die Stars der Szene übrigens regelmäßig zur mittlerweile fast schon peinlichen Diskussion über das Regelwerk dieses Sports treffen. Beispiel Stillstehen: erst verboten, dann wieder gestattet. Seitliches Versetzen der Räder – zunächst lediglich während der Fahrt erlaubt, jetzt auch im Stand. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Aktuelle Situation: Zurückrollen verbo-ten, pro Sektion stehen 90 Sekunden zur Verfügung. Wer länger braucht, bekommt Strafpunkte. Mehr muss die Zuschauer nicht interessieren. Denn Trial fasziniert ohne Insider-Wissen. Wie in Kiefersfelden. Sektion eins beispielsweise. Mitten im Stadtkern. Ein geschlossenes Wehr am Flüsschen Kiefer. Rein ins Flussbett, die vier Meter hohe Staumauer rauf. Ein Absatz in drei Meter Höhe erschwert den Aufstieg noch zusätzlich. Zwei Meter Anlauf, zweiter Gang, die 250-cm3-Zweitakter drehen auf Vollgas. Nicht einmal die Champions kamen ungeschoren davon. Doch mehr als einen Fuß setzen die wenigsten. Sollten sie zudem nicht. Obwohl Trial-Zaungästen bei den spektakulären Klettertouren die Kinnlade nach unten fällt, fanden Doug Lampkin und Co. das Niveau der Sektionen »sehr gut getroffen«. Will heißen: Mehr als zehn, fünfzehn Fehlerpunkte können sich Sieganwärter pro Runde nicht leisten.Doch auf Sparkurs in Sachen Punktesammlung blieben diesmal nicht nur Doug und Adam. Am Samstag holte sich der Japaner Takahisa Fujinami, der seine ersten Offroad-Einlagen in jungen Jahren auf dem Trial-Gelände des Suzuka-Circuits unternahm, den Sieg. Adam wurde Dritter, der sichtlich unter Druck stehende Dougie nur Vierter. Und auch am Sonntag wollte Sieg Nummer zwei der Saison – Lampkin gewann einen Lauf beim WM-Auftakt in Irland – nicht gelingen. Den holte der Brite Graham Jarvis. Adam blieb Rang vier, Doug Position zwei und die WM-Führung – wenigstens.
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