Aprilia RSV4 RF richtig abstimmen

Fahrassistenzsysteme und Fahrwerk

Fahrassistenzen und Fahrwerk der Aprilia RSV4 RF perfekt abstimmen.

Wie man das Fahrwerk und die elektronischen Fahrassistenzsysteme der Aprilia RSV4 RF richtig abstimmt, haben die Jungs von PS auf der Rennstrecke getestet.

Es herrscht Totenstille. In diesem Augenblick würde man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Dann endlich hebt sich die Flagge, das Startzeichen. Begleitet von den anfeuernden Rufen ihrer Teams sprinten rund zwei Dutzend entschlossene Hobbyracer in Le-Mans-Start-Manier quer über die Zielgerade zu den Bikes. Nahezu zeitgleich erwachen die Motoren zum Leben und brüllen ihren Sound in die Weite der kroatischen Berge. Das hektische Gedränge auf der Suche nach einer freien Linie beginnt. Beim ersten Versuch verhaken sich noch zwei Piloten mit ihren Bikes – Rennabbruch. Doch der zweite Anlauf klappt reibungslos, und mit der besonderen Erlaubnis des Renntraining-Veranstalters Actionbike (fettes Merci!) dürfen wir uns nun unters kreiselnde Volk des zweistündigen Endurance-Rennens mischen. Zum Ende eines aufschlussreichen Testtages auf dem Automotodrom Grobnik nahe Rijeka checken wir unter echten Racing-Bedin­gungen die Abstimmungen für die 2016er-Aprilia RSV4 RF.

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Mit ABS, Traktions- und Wheeliekontrolle, unterschiedlichen Fahrmodi, Launch-Control und voll einstellbaren Federelementen bietet die Aprilia RSV4 RF zahlreiche Einstellmöglichkeiten. Zum aktuell Machbaren fehlen allerdings ein paar Features: semiaktives Fahrwerk, Blipperfunktion des Schaltautomaten, Slide-Control, variable Motorbremse, Kurven-ABS. Doch die RSV4 kommt auch ohne diese Extras bestens zurecht und ist ein absolut begeisterndes und äußerst flinkes Wetzeisen.

Fix sollen auch die Starts mit der Launch-Control funktionieren. Zumindest verspricht das der Hersteller. Unterstützt von Data Recording checken wir erstmals die Beschleunigung mit und ohne Starthilfe: Was ist schneller? Außerdem überprüfen wir natürlich auch wieder sämtliche Stufen der übrigen Fahrassistenzen der Aprilia RSV4 RF.

Aprilia RSV4 RR beim Nordschleifen-Crossover-Test

Zum Nordschleifen-Crossover-Test in PS 10/2015 treten 10 Motorräder an. Hier Tobias Münchingers Statement zur Aprilia RSV4 RR.

ABS

Welch ein Unterschied zu den meist konservativ abgestimmten ABS-Systemen japanischer Marken: Auf jeder der drei Stufen lässt die Aprilia RSV4 RF den Vorwärtssalto zu! Ein Grund zur Sorge? Ja und nein. Ja, weil die RSV4 keine Position bietet, die den Überschlag in allen Lagen verhindert. Und nein, weil für den Abflug zwei Bedingungen gleichzeitig gegeben sein müssen: viel Grip und abruptes, kräftiges Zupacken am Bremshebel. Auf der zahmsten Stufe (drei) muss der Pilot ein steigendes Heck mit dieser Methode aber bewusst provozieren. Bei gängigen Verzögerungen – selbst im sportlichen Alltag – bleibt das Hinterrad brav am Boden und das System beginnt schon zu regeln, lang bevor das Heck in die Lüfte steigt. Der Fahrer spürt die Intervalle über ein Pulsieren am Hebel. Diese Position ist ideal, um zu erfahren, wie sich ein arbeitendes ABS anfühlt.

Auf Stufe zwei regelt das System deutlich später, aber immer noch weit bevor das Vorderrad blockiert. Sie ist unsere Empfehlung für sportliche Auftritte auf Landstraße und Rennstrecke, da die einsetzenden Regelintervalle ein steigendes Heck ankündigen. Auf der ersten Stufe bringen wir das ABS nicht zum Arbeiten. Es regelt offenkundig erst bei blockierenden Rädern und ist daher vor allem für sehr erfahrene Piloten empfehlenswert. Das ABS-System der Aprilia RSV4 RF über die Off-Funktion zu deaktivieren, ist aus unserer Sicht damit gar nicht nötig.

Aprilia Traction-Control (ATC)

Kurzer Ortswechsel von der Piste auf eine einsame Landstraße. Letztes Drittel einer Ersten-Gang-Kurve, Tempo rund 70 Sachen, ATC Stufe vier: Früh und weit öffnet der Pilot die Brause. Die Aprilia RSV4 RF feuert brachial und mit leicht erhobenem Vorderrad in Schräglage aus dem Eck. Traktions- und Wheeliekontrolle glühen um die Wette, bieten maximalen Vortrieb. Racing-Spirit pur! Der Wheelie-Control widmen wir weiter unten noch ein extra Kapitel, hier zunächst die ATC.

Um unsere erwähnte Lieblings-Landstraßenstufe zu ermitteln, arbeiten wir uns Schritt für Schritt an sie heran. Auf der softesten Position (acht) genügen mittlere Schräglagen, schon flimmert die Kontrolllampe im Cockpit – selbst bei geschlossenem Gasgriff. Die sich in Kurven unterschiedlich stark ändernden Radumfänge vorn und hinten begreift das System als Schlupf und beginnt zu regeln. Daher taugt diese Stufe allenfalls für einen Funktionstest. Auf sieben ein ähnliches Bild, möglicherweise die richtige Einstellung bei Nässe. Auf den Positionen sechs und fünf greift die Traktionskontrolle der Aprilia RSV4 RF schon deutlich später ein. Sie sind ideal, um sich an noch schärfere Stufen heranzutasten, falls das System den Vorwärtsdrang zu sehr einbremst.

Zurück auf die Piste. Die Positionen zwei, eins und off haben wir nicht ausprobiert. Warum? Gerade auf dem Rijeka-Kurs mit seinem unglaublich hohen Griplevel greift das System furchterregend spät respektive gar nicht ein. Weil wir die Aprilia RSV4 RF nicht im Kies versenken wollten, müssen wir diese Positionen schuldig bleiben. Perfekt funktioniert hier die Stufe drei. Sie gestattet mächtigen Schub aus den Ecken und verhindert gleichzeitig ein durch zu viel Schlupf ausbrechendes Hinterrad.

Aprilia Wheelie-Control (AWC)

Die Geschichte der AWC ist schnell erzählt. Das System arbeitet über den Abgleich von Vorder- und Hinterradgeschwindigkeit. Das bedeutet, dass die Wheelie-Control der Aprilia RSV4 RF eine abrupt steigende Front erst sehr spät erkennt – Abgang per Rückwärtssalto nicht ausgeschlossen. Wer im idealen Drehmomentbereich vom Schiebebetrieb auf Volllast umstellt, steigt mit Sicherheit ab, wenn er das Gas nicht rechtzeitig schließt. Gleiches gilt für den Einradtanz unter Zuhilfenahme der Kupplung. Viel besser sieht die Sache bei Beschleunigungs-Wheelies aus, die beim normalen Fahren entstehen. Da hier das Vorderrad langsam steigt, kann die Elektronik rechtzeitig eingreifen. Am besten gefällt uns die erste von drei Stufen. Sie regelt sanft, mit kurzen Intervallen und ermöglicht dadurch knackiges und sicheres Angasen.

Fahrmodi

Mit den Einstellungen „T“, „S“ und „R“ bietet die Aprilia RSV4 RF drei Fahrmodi. Sie regulieren lediglich Gasannahme und Leistungsentfaltung, auf die sonstigen Fahrassistenzen nehmen sie keinen Einfluss. Auch der maximale Output bleibt gleich. Die Kürzel stehen laut Hersteller für Track, Sport und Race. Bei der Einstellung „Sport“ lastwechselt die Aprilia ausgeprägt, und auf „Race“ kommt sie vor lauter Sanftmut kaum aus dem Quark. Merkwürdig, eigentlich sollte diese Einstellung deutlich aggressiver zu Werke gehen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass „R“ früher einmal für Rain stand? Haben die Italiener beim Abstimmen womöglich etwas verwechselt? Egal, unser Tipp sowohl für die Renne als auch für die Landstraße lautet eindeutig „T“.

Schaltautomat

Der Quickshifter der Aprilia RSV4 RF bietet zwar keine Einstellmöglichkeiten, abschalten ist ebenfalls nicht möglich und eine Blipperfunktion fehlt zudem. Doch das Hochschalten ohne Kupplung funktioniert ausgesprochen fein und zuverlässig, daher gibt es von uns ein fettes Extra-Lob.

Aprilia Launch-Control (ALC)

Beide Traktionskontrollen-Tasten (plus und minus) bei stehendem Bike gleichzeitig zirka drei Sekunden lang drücken, die Launch-Control ist scharf. Kupplung ziehen, ersten Gang einlegen, Vollgas! Das Superbike dreht im Stand nun um 12.000/min. Jetzt weder zu schnell einkuppeln (Drehzahl fällt in den Keller), noch die Kupplung zu lange schleifen lassen (Reibscheiben verrauchen). Selbst mit elektronischer Unterstützung verlangt ein Start viel Übung. Denn das System regelt zwar Schlupf und Wheelieneigung, doch die entscheidenden Meter gewinnt – oder verliert – man mit der Kupplung. Auch die MotoGP-Piloten nützen unisono eine Launch-Control. Wie die Fernsehbilder zeigen, misslingen aber gelegentlich selbst den weltbesten Fahrern die Starts.

Daher haben auch wir auf jeder der drei Stufen mehrmals geübt und auch ohne ALC einige Male beschleunigt. Ergebnis: Beim entscheidenden Sprint auf 150 km/h – danach kann man nicht mehr viel falsch machen – liegen zwischen bester und schlechtester Beschleunigung eine halbe Sekunde oder gut zehn Meter. Gewinner ist mit 5,1 Sekunden die schärfste Stufe eins (Achtung, Wheelie-Kontrolle deaktiviert!) knapp vor dem Spurt ohne ALC (5,2 Sekunden). Es folgt mit 5,5 Sekunden die mittlere Stufe zwei vor der dritten mit 5,6 Sekunden. Subjektiv hat man bei dieser Einstellung das Gefühl, vor lauter Regelvorgängen an der Aprilia RSV4 RF nicht vorwärtszukommen. Doch wie der Blick aufs Data Recording beweist, kann dieser Eindruck ziemlich täuschen.

Fahrwerk

Wie uns Aprilia kurz vor Redaktionsschluss mitteilte, verpasst man dem Monoshock seit 2016 eine stärkere Feder und etwas mehr Zugstufendämpfung. Daher ist unser Setup-Tipp nicht auf das im Prinzip baugleiche Modell „RR Race Pack“ von 2015 übertragbar. Für die Landstraße geriet das Grund-Setup der Druckstufe etwas zu straff, weshalb wir sie komplett öffneten. Solange keine fiesen Kanten oder üble Runzeln das Asphaltband verunstalten, lässt es sich damit gut leben. Doch erst auf der Piste ist das Teil in seinem Element und bietet Wahnsinns-Reserven. Etwas weniger straff, aber ebenfalls mit reichlich Dämpfungsreserven gesegnet arbeitet die Gabel der Aprilia RSV4 RF. Das fein ansprechende Teil überzeugt auf der ganzen Linie und liefert viel Feedback. Im Verbund mit dem handlichen Fahrwerk ist auch das einzigartig. Wie das charakteristische Knurren des V4 – echtes Höllengrollen.

Nur Spielerei? V4-MP-App

Die kostenlose Aprilia-App „V4-MP“ loggt sich über Bluetooth in die Bordelektronik der V4-Modelle ab Modelljahr 2015 ein (Superbike und Tuono) und bietet eine Vielzahl an interessanten Informationen: g-Kräfte (Quer- und Längsbeschleunigung), Schräglagenwinkel, aktuell abgerufene Leistung und Drehmoment, Drosselklappenöffnung.

Darüber hinaus liefert die App auch die üblichen Infos wie aktuelle Geschwindigkeit, Durchschnittsgeschwindigkeit, Drehzahl, aktueller Verbrauch, Durchschnittsverbrauch, Ganganzeige, Batteriespannung und Wassertemperatur. Vier frei wählbare Informationen zeigt das Smartphone (Android oder iOS) gleichzeitig an. Außerdem sind 15 Rennstrecken hinterlegt, die ein voreingestelltes Corner-by-corner- Setup für die Traktions- und Wheeliekontrolle bereithalten. Heißt: Je nach Kurve regeln die Fahrassistenzen unterschiedlich. Individuelle Anpassungen sind jedoch auch möglich. Das System speichert sämtliche Daten, sie können ausgelesen und als Textdatei auf Computer oder Laptop überspielt werden.

Unter den 15 Pisten sind viele GP-Strecken wie beispielsweise Assen, Donington, Imola oder Jerez. Liegen diese Kurse für den geneigten Mitteleuropäer noch in erreichbarer Nähe, wird es bei den Übersee-Anlagen schon schwieriger: Laguna Seca, Phillip Island, Sepang. Laut Beschreibung ist es Usern auch möglich, andere Strecken zu tracken und an die Piaggio-Gruppe zu mailen. Offenbar wird dieser Service aber nicht genutzt oder gepflegt, denn auf unserer frisch heruntergeladenen App stehen keine neue Pisten. Wer V4-MP dennoch intensiv nutzen möchte, braucht eine Smartphone-Halterung inklusive Stromversorgung. Unterm Strich ist die App eine nette Spielerei mit zusätzlichem Nutzen. Denn sie bietet Infos, an die der Normalo sonst nicht ohne Weiteres kommt. Außerdem nützen die hinterlegten Corner-by-corner Einstellungen dem einen oder anderen Hobbyisten unter Umständen für eine bessere Performance.

Setup (trockene Bedingungen)

Das komplette Setup für Rennstrecke und Landstraße in der tabellarischen Übersicht, gibt's im Download-PDF (ganz unten).

Neue Slick-Mischung von Pirelli

Seit einigen Monaten rollt Pirellis Profi-Slick „Diablo Superbike“ mit einer neuen, härteren Mischung (SC 3) an den Start. Die anderen Mischungen bleiben bestehen, die jüngste ist eine zusätzliche Variante. Ursprünglich für die großen Distanzen der Langstrecken-WM sowie sehr aggressiven Asphalt entwickelt, hat sich die im Aufbau identische Pelle laut Hersteller auch bestens bei Sprint­rennen in der Superbike-IDM bewährt – zumindest am Vorderrad. Auch bei kühleren Temperaturen soll der Gummi hervorragend funktionieren. Im Rahmen dieses Tests hatten wir die Gelegenheit, die neue Mischung auszuprobieren. Vorn bestückten wir die Aprilia RSV4 RF mit dem Pirelli Diablo Superbike SC 3, hinten mit SC 2. Tatsächlich funktionierte die neue Pelle einwandfrei. Grip, Feedback, Zielgenauigkeit, Stabilität, Langlebigkeit: alles top.

 

Actionbike "Gold Cup"

Die Firma Actionbike bietet nach eigenen Aussagen von allen Renntrainings-Veranstaltern die meisten Rennen innerhalb der mehrtägigen Track-Days. Das Niveau reicht von tapferen Ein­steigern bis zu richtig schnellen Piloten. 2016 erstmals ausgetragen, setzt Actionbike den lizenzfreien „Gold Cup“ 2017 fort. Gestartet wird in vier Klassen, sie decken ein breites Feld an Bikes ab. Zu gewinnen gibt’s außer Ruhm und Ehre auch Geld- und Sachpreise. Originell: Einer der Sponsoren stiftet den Siegern jeweils einen kleinen Goldbarren.

Interessant sind auch die Strecken. Die Action findet auf europäischen Pisten statt wie beispielsweise Misano, Slovakiaring, Hungaroring, Most, Brünn oder Rijeka. Wer keine Lust auf Rennen hat, bekommt laut Ver­anstalter auch während der regulären Turns genügend Fahrzeit. Nähere Infos unter www.actionbike.de

 

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